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Ohne Altersangabe, Foto und Namensnennung zum nächsten Job

Bewerbungen schreiben, die dann doch nicht mit Erfolg gekrönt sind, diese Erfahrung machen viele Menschen. Das anonymisierte Bewerbungsverfahren soll Abhilfe schaffen.

Foto: Rocco Thiede

Wer mit dem Namen Fatima Ayden einen Job sucht, hat es nicht leicht, belegen Studien. Da nützt auch eine wirklich gute Qualifikation wie ein abgeschlossenes Informatikstudium wenig. Ein Nachnahme, der nach Migrationshintergrund klingt, wertet auch ein noch so gutes Zeugnis in den Augen vieler Unternehmen ab. Persönliche Eigenschaften wie Aussehen, Alter oder Herkunft spielen offensichtlich bei der Bewerbung noch immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Während es in anderen Ländern bereits unterschiedliche Vorstöße gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz gab – von Gesetzen bis zur gelebten Praxis, bei Bewerbungen keine Fotos beizulegen, gibt es in Deutschland erst jetzt erste Erfahrungen mit anonymen Bewerbungen.

Ein Pilotprojekt

Der Journalist Rocco Thiede hat die Geschichten dieser Menschen in seinem Buch „Chancen für Alle – Anonyme Bewerbung“ erscheinen im Herder Verlag realitätsnah und einfühlsam aufgeschrieben. Da gibt es zum Beispiel Natalie Mankuleyio, deren Mutter aus der Lüneburger Heide und deren Vater aus Kenia stammt. Vor einem Jahr kam sie durch ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren an ihren neuen Job bei der Firma mydays GmbH in München. Inzwischen wendet die studierte Diplom-Kaufrau als verantwortliche Personalmanagerin dieses Bewerbungsverfahren selbst gezielt an. Mit dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte aller neu gewonnenen Mitarbeiter auf diese Weise rekrutiert wurden. Auch der Chef von Natalie Mankuleyio, der 47-jährige Fabrice Schmidt, kann sich für das anonyme Bewerbungsverfahren begeistern, weshalb sein Unternehmen am Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gerne teilnahm.

Aus Erfahrung weiß Fabrice Schmidt, wie schnell sich Menschen von Erscheinungsbildern blenden lassen. Seiner Auffassung nach haben aber Vorurteile keinen Platz bei der Jobvorgabe. „Wer eine Bewerbungsmappe öffnet, schaut doch sofort auf das Bild“, meint er. „Wer erst gar kein Foto sieht, ist da viel neutraler. Bei uns hat sich das Prinzip sehr bewährt“, erklärt Schmidt und weist auf seine „Massai-Kriegerin“ hin, wie er Natalie Mankuleyio augenzwinkernd und nicht ohne Wertschätzung nennt. Dass das Verfahren auch natürliche Grenzen hat, räumt Natalie Mankuleyio ein. „Bei Kreativjobs schreiben wir nicht immer anonym aus. Hier spiegeln die Bewerbungsunterlagen ja die Kreativität der Kandidaten wieder.“ Dass anonyme Bewerbungen tatsächlich ihre Grenzen haben, räumt auch Christiane Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein: „Ich würde nicht sagen, dass dieses Verfahren eine Allzweckwaffe gegen jede Diskriminierung ist und überall angewendet werden kann und muss. Wer etwa einen Vorstand für sein Unternehmen sucht, ist bestimmt besser mit einem Headhunter bedient. Wer einen Spitzenforscher sucht, braucht die Veröffentlichungsliste.“ Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn, teilt diese Auffassung: „Tendenziell sehe ich die Diskriminierung eher bei einfachen Jobs“.

Wann ist also ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren sinnvoll? „Wenn ich Stellen breit ausschreibe und das Auswahlpotenzial maximieren möchte“, meint Zimmermann. Auch Firmen, die an multikulturellen Belegschaften interessiert sind und keine Diversity Strategie praktizieren, könnten von der anonymen Bewerbung profitieren. „Nehmen sie Menschen mit anderer Hautfarbe, mit Migrationshintergrund, Frauen, Ältere, dann werden sie automatisch divers“, so Christiane Lüders.

Ausgrenzung schadet

Dass Unternehmen sich wirtschaftlich durch Ausgrenzung schaden können, dessen ist sich Zimmermann sicher. „Für uns Wissenschaftler geht es in der Tat nicht allein um soziale Gerechtigkeit, sondern auch darum, dass der Unternehmer wirtschaftlich profitiert. Firmen, die diskriminieren, schaden im Prinzip sich selbst, da sie nur einen weniger qualifizierten Kandidaten bekommen.“ Zudem profitieren Unternehmen vom Image Gewinn, da sie nach außen signalisieren, dass sie zeitgemäß agieren. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Studie der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Europa-Universität Viadrina, die das deutsche Pilotprojekt evaluierte.

Das das anonymisierte Bewerbungsverfahren aufwendiger sei, als das herkömmliche, bestreitet Zimmermann. „Das Gegenteil ist sogar der Fall, denn durch die standardisierte Bewerbung konzentriert sich die Firma auf die wirklich relevanten Fragen. Die Unternehmen müssen sich genau überlegen, was sie wollen. „Man erhält auf effiziente Weise die richtigen Informationen und beweist mit diesem Instrument seine Zukunftsfähigkeit und Modernität. Bei den tatsächlich ausgeschriebenen Positionen kann ich mir sehr gut vorstellen, dass zwei Drittel aller Verfahren anonym sein werden“, so Zimmermann.

Auch der gelernte Geograf Michael Bus hat vom anonymen Bewerbungsverfahren profitiert. Nach langer Managementerfahrung in Callcentern wollte er sich mit Ende dreißig verändern. Eine Karriere, die zuvor gut lief, holperte plötzlich. Erst eine Bewerbung in der die Qualifikation im Vordergrund stand und das Alter nicht ersichtlich war, brachte ihm eine Festanstellung bei der Bundesagentur für Arbeit.