Staatsanleihen

Großbritannien und USA planen 100-jährige Anleihen

Selbst große Industrienationen sind inzwischen schwer verschuldet. Auf der Suche nach frischem Kapital kommen nun Jahrhundert-Anleihen ins Gespräch. Doch potenzielle Investoren zeigen sich skeptisch.

Foto: Infografik Morgenpost Online

In vielen Industriestaaten sind die Zinsen so tief wie nie zuvor. In einigen Hauptstädten wird derzeit darüber nachgedacht, welche Vorteile aus den rekordtiefen Zinsen gewonnen werden können. Großbritannien will beispielsweise seinen aktuellen Status als „sicherer Hafen“ für Anleger mit einer „Jahrhundert-Anleihe“ ausnutzen.

Die Verlockung scheint groß. Zuletzt bestätigte die britische Regierung Überlegungen zum Verkauf von Staatsanleihen mit einer extrem langen Laufzeit von 100 Jahren. Auch in den USA wird die Ausgabe einer „Jahrhundert-Anleihe“ diskutiert.

Der britische Finanzminister George Osborne hatte angekündigt, die Nachfrage nach einer Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren erkunden zu wollen. Hierfür sollen Gespräche mit Marktteilnehmern geführt werden.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte das Königreich keine vergleichbare Anleihe auf dem Markt gebracht. Nach Aussage von Osborne sollen auch künftige Generationen vom aktuellen Status Großbritanniens profitieren. Dabei ist das Loch im Staatshaushalt riesig, die Inflation vergleichsweise hoch und die Lage auf dem Arbeitsmarkt schwierig.

Triple-A-Bewertung der Briten wackelt

Großbritannien verfügt aber – zumindest noch – über ein überzeugendes Verkaufsargument für künftige Anleihen: die Bestnote „AAA“ bei der Kreditbewertung der weltweit führenden Ratingagenturen. Allerdings wackelt die Topbewertung.

Kürzlich hatte die Ratingagentur Fitch den Ausblick für Großbritannien von "stabil" auf "negativ" gesenkt und somit vor einer möglichen Herabstufung gewarnt. Fitch sorgte damit bereits für den zweiten Warnschuss in Richtung Großbritannien. Im Februar hatte Moody's London davor gewarnt, es könnte sein Triple-A-Rating möglicherweise verlieren.

Auf den ersten Blick sind Staatsanleihen mit extrem langen Laufzeiten grotesk. Potenzielle Käufer dürften die Auszahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr erleben. Auch die ersten Äußerungen von möglichen Investoren klingen eher verhalten. Vom Verband der britischen Pensionsfonds hieß es beispielsweise, dass die Laufzeit einer Anleihe über 100 Jahre einfach zu lang ist für Fondsgesellschaften.

Andererseits ließen sich die Papiere jederzeit zum jeweils aktuellen Kurs an der Börse verkaufen. Oder das Paket wird eines Tages als Erbschaft an die Nachkommen weitergereicht. Und in der Zwischenzeit hat das eingesetzte Kapital eine überdurchschnittliche Rendite abgeworfen.

USA diskutieren ebenfalls 100-jährige Anleihe

Auch in den USA wird die Ausgabe einer Jahrhundert-Anleihe derzeit eifrig diskutiert. Hier stoßen die Pläne dem Vernehmen nach bei führenden Geldhäusern wie JP Morgan oder Goldman Sachs auf reges Interesse. Bei der Jahrhundert-Anleihe locke der vergleichsweise hohe Zinskupon die potenziellen Investoren, sagt Anleihen-Experte Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank.

Denn wegen des weltweit rekordniedrigen Zinsniveaus sind Investoren stets auf der Suche nach rentablen Anlagen. Außerdem gibt es laut de la Rubia einzelne Marktteilnehmer, die auch eine ernste Wirtschaftskrise in ihre Überlegungen mit einbeziehen und deshalb mit dem Kauf von Jahrhundert-Anleihen vorbeugen könnten.

Allerdings rechnet sich der Kauf von Papieren mit extrem langen Laufzeiten ausschließlich bei Ländern, von denen eine sehr geringe Pleitegefahr ausgeht. Die USA gelten trotz eines enormen Schuldenbergs als gefeit gegen den Staatsbankrott. Aus allen Teilen der Welt fließen gewaltige Geldmengen in die größte Volkswirtschaft. Ein Abreißen der Geldströme im Zuge einer Staatspleite hätte für die gesamte Weltwirtschaft verheerende Folgen.

Mexiko hat erfolgreich eine Hundertjährige Anleihe platziert

„Jahrhundert-Bonds“ sind in der Finanzwelt nichts Neues. Sie kommen auch in Volkswirtschaften zum Einsatz, die nicht zur Weltspitze gehören. Vor etwa zwei Jahren hatte beispielsweise Mexiko eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren erfolgreich am Markt platziert. Der Zinssatz betrug damals knapp sechs Prozent. Im Falle neuer 100-jähriger Anleihen aus Großbritannien oder den USA rechnen Experten mit einem geringeren Zinssatz von vier bis fünf Prozent.

Bisher liegen die längsten Laufzeiten bei Staatsanleihen führender Industrieländer deutlich niedriger als 100 Jahre. Laufzeiten von 40 Jahren sind unter anderen aus Großbritannien und Japan bekannt. Frankreich und Österreich hatten mit Erfolg Anleihen über 50 Jahre an den Finanzmärkten platzieren können. Dagegen haben die Investoren bei Bundesanleihen nur die Wahl bis zu einem maximalen Zeitraum von 30 Jahren.

Selbst das von der Staatspleite bedrohte Griechenland hatte zeitweise extrem lang laufende Anleihen im Kampf gegen die Schuldenkrise erwogen. Ein Banker, der das von der Pleite bedrohte Euro-Land beraten hatte, brachte die Idee einer 100-jährigen Anleihe zeitweise ins Spiel. Der gewagte Plan wurde aber schnell wieder verworfen, nachdem das Land unausweichlich auf den Schuldenschnitt zusteuerte.