Euro-Krise

Spanier setzen Europas Währung aufs Spiel

Verführt durch billiges Geld hat Spanien enorme Schulden aufgehäuft – und Madrid fehlt der Mut zur Konsolidierung. An den Märkten braut sich etwas zusammen.

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Die Euro-Zone hat ein neues Sorgenkind. Es ist ein Land, das noch 2011 als Musterbeispiel für die Sanierungsanstrengungen in der Währungsunion dargestellt wurde – Spanien. Doch wenn das Königreich im Südwesten des Kontinents noch vor Monaten auf gutem Weg zu sein schien, so zweifeln an den Kapitalmärkten nun immer mehr Akteure daran, dass es die Iberer schaffen können.

„Die jüngsten Nachrichten aus Spanien sind schlecht“, sagt Marc Chandler, Stratege bei Brown Brothers Harriman. Das Land befindet sich in der zweiten Rezession seit 2009, dieses Jahr soll die Wirtschaft um 1,3 Prozent schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit hingegen steigt – mit 23 Prozent ist sie die mit Abstand höchste in der EU. Besonders beunruhigend: Jeder zweite junge Spanier (unter 25 Jahre) steht ohne Job da.

„Die Angst kehrt zurück, dass die ganze Euro-Zone wieder ins Wackeln kommen könnte“, sagt Philippe Meyer, Ökonom bei der französischen Société Générale. Wie eine Fieberkurve zeichnen die Börsenkurse die Verschlechterung der Lage: Die Notierungen der staatlichen Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit sind seit Anfang des Monats um fünf Prozent eingebrochen. Die rechnerische Rendite schoss spiegelbildlich dazu nach oben: von 4,85 auf 5,5 Prozent. Derart hohe Zinsen zeigen an, dass die Investoren an den Erfolgsaussichten der Haushaltskonsolidierung zweifeln.

Patrick Artus, Chefvolkswirt von Natixis warnt: "Die eigentliche Frage ist, ob Spanien nur vorübergehende Liquiditätsprobleme hat oder das ganze Land gar bankrott ist. Im letzteren Fall nutzt all das Gelddrucken der EZB nicht. Dann wird es wieder brandgefährlich für die Euro-Zone"

Ibex ist die einzige Börse eines Industrielands im Minus

Der spanische Leitindex Ibex weist dieses Jahr ein Minus von drei Prozent aus. Damit ist Madrid die einzige Börse eines Industriestaats, die im guten Aktienjahr 2012 Verluste verzeichnet. Der Dax steht trotz der jüngsten Verluste 18 Prozent im Plus. Auslöser des jüngsten Vertrauensschwunds ist eine riskante Strategie der spanischen Regierung.

Kaum im Amt erwies sich der neue Ministerpräsident Mariano Rajoy nicht als der erhoffte mutige Konsolidierer, sondern als Zauderer und Wahlkampf-Taktiker. Kaum war Anfang März der EU-Gipfel vorbei, auf dem die Europäer den Fiskalpakt unterzeichneten, verkündigte der konservative Politiker, dass Spanien seine Haushaltsziele nicht schaffen würde. Statt der angekündigten 4,4 Prozent Defizitquote würde die Regierung wohl ein Minus von 5,8 Prozent einfahren. Mit Blick auf die anstehende Wahl im bevölkerungsreichen Andalusien setzte Rajoy nassforsch hinzu, das sei eine souveräne Entscheidung der spanischen Nation, in die niemand hineinzureden habe.

Seither haben die ohnehin Euro-kritischen Akteure das Königreich auf dem Kieker. Die Börsenentwicklung spricht Bände: Sämtliche Kursgewinne seit Ankündigung der Geldschwemme durch die EZB Anfang Dezember 2011 sind ausradiert, und das obwohl die spanischen Banken am stärksten von den Hilfsmaßnahmen der Notenbanker profitieren.

Spaniens Wirtschaft ist in einer tiefen Strukturkrise

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone leidet unter einer schweren Strukturkrise: Bei keinem anderen Industrieland sind die Gewinnprognosen für die Unternehmen so schnell gesenkt worden wie für Spanien. So sonnenverwöhnt wie das Königreich ist, hat sich seine Wettbewerbsposition seit der Einführung des Euro 1999 massiv verschlechtert.

Zwischen 1998 und 2009 sind die Lohnstückkosten um 38 Prozent gestiegen, im Schnitt kletterten sie in der Währungsunion um 23 Prozent. In den vergangenen zwei Jahren hat Spanien lediglich vier Prozent gut gemacht. Die beschlossene Arbeitsmarktreform könnte nach Einschätzung von Ökonomen zum Abbau von weiteren fünf Prozent beitragen.

Es bleibt jedoch ein schwerer Verlust von Konkurrenzfähigkeit, der anders als in der Vor-Euro-Zeit nicht durch die Abwertung der Landeswährung wettgemacht werden kann. Hinzu kommt die Immobilienkrise, die trotz eines 30-prozentigen Preisverfalls lange nicht vorüber ist und die Bankbilanzen nachhaltig belastet.

„Spanien ist das große Land, um das wir ums im Moment am meisten Sorge machen“, warnt Citigroup-Chefökonom Willem Buiter bei der Finanzagentur Bloomberg. Das Königreich sei auf die falsche Seite des Spektrums von Schuld und Sühne gerutscht. „Die Gefahr, dass eine Restrukturierung wie in Griechenland auf das Land zukommt, war noch nie so groß wie heute.“

Spanien inzwischen wackeliger als Italien

Die Märkte sehen das ähnlich: Die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls wird als so hoch eingeschätzt wie seit Anfang Januar nicht mehr. Rechnerisch liegt sie jetzt bei 33 Prozent. Das ergibt sich aus der Preisentwicklung der Kreditausfallversicherungen (CDS).

Für den anderen Südstaat der Währungsunion, Italien, liegt der Wert bei 28 Prozent. Traditionell wurde das Königreich als solider eingeschätzt als der Stiefel-Staat. Doch die Enttäuschung über Rajoy und die Zufriedenheit mit seinem italienischen Amtskollegen Mario Monti hat die Wahrnehmung gedreht. Hinter Griechenland, Portugal, Zypern und Irland gilt Spanien nun als der am meisten pleitegefährdete Staat der Währungsunion.

Vorsichtige Anleger sichern sich gegen eine weitere Erosion mit Short-Produkten ab, zum Beispiel mit einem dreifach gehebelten Knock-out-Zertifikat, das sinkende Kurse an der Madrider Börse in Gewinne umwandelt (WKN: AA020E).

Der Abstand zur Knock-out-Schwelle, bei der das Produkt verfällt, beträgt knapp 30 Prozent. Wer den jetzigen Pessimismus für übertrieben hält, entscheidet sich für einen Index auf den Ibex (WKN: LYX0A6). Der Fonds vollzieht die Entwicklung des spanischen Börsenbarometers eins zu eins nach. Im Index haben die Banken einen Anteil von einem Drittel, die Versorger tragen ein Fünftel zum Gesamtgewicht bei.

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