Immobilienmarkt

Fast jede zehnte Wohnung in Deutschland ohne Mieter

Trotz schrumpfender Bevölkerungszahl wird in der Bundesrepublik weiter fleißig gebaut. Vor allem im Westen stehen deswegen Wohnungen leer.

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Für fast jede zehnte Wohnung in Deutschland gibt es inzwischen keinen Mieter mehr. Weil trotz schrumpfender Einwohnerzahlen von 2006 bis 2010 rund 676.000 neue Wohnungen errichtet wurden, ist die Leerstandsrate im selben Zeitraum von acht auf 8,6 Prozent gestiegen. Das zeigt eine neue Studie des Statistischen Bundesamtes.

Den 37 Mio. bewohnten Wohnungen in Deutschland stehen danach inzwischen 3,5 Mio. Einheiten gegenüber, deren Eigentümer keine Mieter mehr finden. In den westdeutschen Bundesländern ist die Leerstandsrate im Beobachtungszeitraum von 6,8 auf 7,8 Prozent gestiegen. Im Osten fiel die Quote durch Abrisse veralteter Bestände zugleich von 12,4 auf 11,5 Prozent.

Die Zahlen widerlegen die von Bauwirtschaft, Mieterbund und der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt ausgesprochenen Warnungen vor einer Wohnungsnot. Die Allianz der drei Interessensverbände fordert eine massive staatliche Förderung des Wohnungsneubaus, um für Aufträge für die Bauwirtschaft zu sorgen. Somit würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und die Mieten niedrig gehalten.

Sogar in Großstädten genug freie Wohnungen

Für Immobilienexperten indes bergen die Zahlen der Bundesstatistiker keine Überraschung. „Es gibt keine Anzeichen für eine allgemeine neue Wohnungsnot in Deutschland“, sagt Günter Vornholz, Leiter Marktanalyse beim Immobilienfinanzierer Deutsche Hypo. Käufer von Eigentumswohnungen und Mehrfamilienhäusern müssten vielmehr wegen der langfristig schrumpfenden Einwohnerzahlen umsichtig agieren: „In demografisch schwachen Regionen werden die Preise und Mieten unter Druck geraten.“

„In einigen Großstadtquartieren ist zwar die Nachfrage punktuell größer als die vorhandene Zahl freier Wohnungen“, sagt Andreas Schulten vom Analysehaus BulwienGesa. „Am Gesamtmarkt gibt es aber keine Verknappungstendenzen, sondern ein tendenziell stärker als der Bedarf wachsendes Angebot.“

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Professor Tobias Just vom IREBS-Institut der Universität Regensburg: „Selbst in Großstädten wie Hamburg und München gibt es außerhalb der besonders gefragten Szeneviertel wie Eimsbüttel, Wandsbek und Bogenhausen freie Wohnungen in anderen, weniger stark begehrten Quartieren.“ Zudem zeige die hohe Zahl der Neubauten, dass der Markt auf punktuelle regionale Verknappungen reagiere.

Neubauten steigen vor allem in Kleinstädten

Nach den Erhebungen der Bundesstatistiker ist die Zahl der Einwohner in Deutschland von 2006 bis 2010 um 0,85 Prozent von 82,4 Mio. auf 81,7 Mio. Menschen gesunken. Gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der Wohnungen durch die Neubauten um 1,7 Prozent auf rund 40,5 Mio. Zwar ist im Zahlenwerk nicht aufgeschlüsselt, wo die neuen Wohnungen konkret errichtet wurden. Es sei jedoch davon auszugehen, dass die Neubauten überwiegend in Großstädten mit steigenden Einwohnerzahlen entstanden sind, sagt Just. „Kein Investor errichtet neue Wohnungen an Standorten, an denen keine adäquate Nachfrage zu erwarten ist.“

Anderer Meinung ist der Maklerverband IVD: Trotz der gestiegenen Baugenehmigungszahlen befinde sich der Mietwohnungsneubau in Ballungsgebieten weiter unter Bedarf. So haben sich die Baugenehmigungen in Städten mit einer Einwohnerzahl zwischen 30.000 und 50.000 nahezu verdreifacht und in Städten mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern fast verdoppelt. In Städten mit mehr als einer halben Million Einwohner betrug der Anstieg der in Mehrfamilienhäusern genehmigten Wohnungen allerdings nur noch rund ein Drittel.