Konjunktur

Reformen sollen China vor dem Abstieg bewahren

Jüngste Daten nähren die Angst vor einer harter Landung der Wirtschaft. Doch Peking stemmt sich mit umfassende Reformen gegen den Trend.

Foto: Infografik Welt Online

Außerhalb Chinas haben die wenigsten etwas davon mitbekommen. Doch in der vergangenen Woche kam es in Peking zur schwerwiegendsten politischen Erschütterung seit 1989. Bo Xilai, der Parteichef der Millionenmetropole Chongqing wurde über Nacht abgesetzt .

Er galt als einer der potenziellen neuen starken Männer, und er zeichnete sich dadurch aus, dass er alte maoistische Tugenden wieder beleben wollte. Sein Sturz ist ein Hinweis, dass China seinen wirtschaftlichen Kurs der Liberalisierung nicht verlassen wird. Und das ist ein gutes Zeichen.

Doch die übrigen Signale, die Chinas Wirtschaft derzeit aussendet, sind alles andere als beruhigend. Am Wochenende wurde bekannt, dass die Immobilienpreise im Februar erneut gesunken sind, nunmehr den fünften Monat in Folge.

Vergangene Woche hatte das Land, das seit Jahren riesige Handelsüberschüsse erwirtschaftet, mit der Nachricht überrascht, dass es nun im Februar ein Handelsdefizit von 31,5 Milliarden Dollar eingefahren hat. Und erst kurz davor hatte Ministerpräsident Wen Jiabao das Wachstumsziel auf 7,5 Prozent gesenkt.

Stottert der Wachstumsmotor?

Kommt also der Wachstumsmotor, von dem vor allem deutsche Firmen und damit auch deren Aktienkurse profitierten, nun ins Stottern? Immerhin geht inzwischen rund ein Drittel des weltweiten Wirtschaftswachstums auf das Reich der Mitte zurück, und von Deutschlands Exporten gehen mehr als sechs Prozent nach China.

Allein seit 2009 haben die Ausfuhren hiesiger Firmen nach Asien, und dabei vor allem nach China, um 50 Prozent zugelegt. Sollte es in der Region nun zu einer deutlichen Abkühlung kommen, wäre dies ein deutlicher Schlag für die neue Euphorie, die derzeit an den Finanzmärkten herrscht.

Sorge macht vor allem der Immobilienmarkt. Vergleicht man die Entwicklung der Wohnungspreise in China in den vergangenen fünf Jahren mit jenen in den USA zwischen 2002 und 2007, so zeigen sich beängstigende Parallelen. In den USA endete die Phase explodierender Preise mit einem Crash, dessen Folgen bis heute zu spüren sind.

„Neben der schwelenden Euro-Schuldenkrise stellt der chinesische Immobilienmarkt derzeit eine der größten potenziellen Gefahren für die Weltwirtschaft dar“, sagt daher Andreas Busch, Volkswirt beim Anleihenspezialisten Bantleon.

Allerdings gibt es für ihn dennoch wichtige Unterschiede zur USA . Zum einen gibt es in China weiter eine stark steigende Nachfrage nach Wohnraum. Das Problem ist derzeit eher, dass die Preise in einigen Regionen aus dem Ruder gelaufen sind, nicht jedoch flächendeckend.

Maßnahmen gegen Immobilienblase

Zum anderen tut Chinas Regierung etwas gegen das Problem . Mit harten Eigenkapitalanforderungen und restriktiver Kreditvergabe, hat sie eine Abkühlung des Marktes herbeigeführt, eben um die Blase nicht weiter wachsen zu lassen. In den USA wollte man dagegen bis zuletzt nicht wahrhaben, dass es überhaupt eine Blase gab.

Dennoch wird der lahmende Immobilienmarkt natürlich Auswirkungen auf die Wirtschaft haben, insbesondere auf die Baubranche. Diese kommt zudem noch von zweiter Seite unter Druck. Denn auch die Investitionen in die Infrastruktur wachsen nicht mehr so schnell wie in den zurückliegenden Jahren. Vor allem die lokalen Regierungen sind schon hoffnungslos überschuldet, so dass sie nun einen Gang zurückschalten müssen, wenn nicht das ganze Bankensystem in Schieflage geraten soll.

Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, neue Wachstumskräfte sich entfalten zu lassen. Und dazu wiederum bedarf es politischer Reformen, beispielsweise einer Liberalisierung der Währung und der Zinsen, die bisher staatlich festgelegt sind, einer Förderung des Mittelstandes oder einer Ausweitung der sozialen Absicherung, um das „Angstsparen“ der Bevölkerung einzudämmen und den Konsum zu stimulieren.

Stillstand bis zur Machtübergabe

Das Problem: „Deutliche Schritte werden bis nach der politischen Machtübergabe auf sich warten lassen“, sagt Wei Yao, China-Expertin bei der Société Générale. Denn im Herbst wird eine neue Staats- und Parteiführung gewählt. Bis dahin ist Stillstand angesagt. Das könnte dazu führen, dass die Finanzmärkte in den kommenden Monaten noch mehrmals von negativen Nachrichten aus dem Land überrascht werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Daten aus China die Aktienmärkte erschüttern.

Investoren sollten sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen lassen. Denn nicht nur die Absetzung Bo Xilais war ein Signal. Erst Ende Februar hatte die Weltbank eine Studie unter dem Titel „China 2030“ herausgegeben, in der genau die Reformen aufgelistet sind, die das Land jetzt braucht.

Das Besondere: Co-Autor der Studie war der Entwicklungsausschuss des Staatsrates der Volksrepublik. China scheint dieser Tage also entscheidende Richtungsentscheidungen vorzubereiten, die für die gesamte Weltwirtschaft und die Finanzmärkte von großer Tragweite sein werden. Auch wenn die meisten es kaum merken.