Wall Street

Das Schicksal der US-Börsen hängt an Apple-Aktie

Der Computer-Konzern hat in Amerikas Börsenindizes solch enormes Gewicht, dass er deren Entwicklung entscheidend prägt.

Foto: Infografik DWO

Was wird das neue iPad 3 können, das am Mittwochabend vorgestellt werden soll? Erhält es ein besseres Display? Wird der Arbeitsspeicher aufgerüstet? Kann es auch sprechen, wie jetzt schon das neueste iPhone? Wie immer macht Apple vor der Vorstellung eines neuen Produkts ein großes Geheimnis um dessen neue Merkmale.

Eine Fähigkeit allerdings hat der neue Tablet-Computer jetzt schon bewiesen: Er konnte den Aktienkurs des amerikanischen IT-Giganten in den vergangenen Wochen noch einmal ein gutes Stück nach oben bewegen. Allein seit Jahresbeginn hat er um über 20 Prozent zugelegt, der Wert des Unternehmens wurde dadurch um etwa 100 Milliarden Dollar auf mittlerweile gut eine halbe Billion gesteigert.

Dieser Erfolg jedoch hat auch seine Schattenseiten. Denn Apple hat mittlerweile eine solche Größe erreicht, dass dadurch die gesamte amerikanische Börsenwelt verzerrt wird.

„Die durchschnittliche Gewinnentwicklung der US-Aktien wird durch Apple vollkommen überzeichnet“, sagt Dieter Wolf, verantwortlich für das Portfoliomanagement der MEAG, einem der größten Verwalter institutioneller Anlagen in Europa. So legten d ie Gewinne der 500 US-Firmen, die im S&P-500-Index zusammengefasst sind , im vierten Quartal des vergangenen Jahres im Durchschnitt zwar um 6,6 Prozent gegenüber dem gleichen Quartal des Vorjahres zu.

Ohne Apple-Aktie nur wenig Kursgewinn

Das sieht imposant aus. Doch rechnet man eine einzige der 500 Firmen heraus, nämlich Apple, dann bleibt nur noch ein Zugewinn von 2,8 Prozent übrig. Denn Apple alleine verdiente in jenen drei Monaten über 13 Mrd. Dollar, doppelt so viel wie im Vorjahresquartal. Das sind rnd sechs Prozent der Gewinne aller Firmen in dem Index.

Ähnlich sieht die Übermacht aus, wenn man den Börsenwert der Firmen betrachtet. Sämtliche Unternehmen der Technologiebörse Nasdaq bringen es zusammen auf einen Wert von etwa 2,8 Billionen Dollar. Doch Apple alleine macht davon rund 500 Milliarden aus – fast 18 Prozent.

Dies wiederum liegt daran, dass die Apple-Aktie in den vergangenen Monaten allen anderen mit riesigen Sprüngen davongelaufen ist. Innerhalb eines Jahres legte sie um rund 50 Prozent zu, während der amerikanische Markt insgesamt, gemessen wiederum am S&P 500, gerade mal etwa fünf Prozent gewinnen konnte – Apple eingerechnet.

Dies bedeutet für Anleger zweierlei: Zum einen überzeichnet Apple die Lage des US-Aktienmarktes. Denn ohne den Giganten sähe die Bilanz wesentlich trüber aus als sie derzeit scheint. So haben Amerikas Aktien im Vergleich zum MSCI World, der die Börsenentwicklung aller Industriestaaten wiedergibt, seit Jahresbeginn mit einem Plus von etwa acht Prozent zwar ungefähr gleich abgeschnitten wie der Rest der westlichen Börsen.

Rechnet man Apple heraus, liegt der Zuwachs aber über zehn Prozent niedriger. Dann vergrößert sich der ohnehin schon enorme Abstand zu anderen Indizes weiter. So hat der Dax hat im gleichen Zeitraum um etwa 15 Prozent zugelegt. Der US-Aktienmarkt jenseits von Apple schwächelt also, während der Rest der Welt eine Rallye erlebt.

Die zweite Schlussfolgerung ist jedoch, dass es mit der IT-Branche in den USA einen Sektor gibt, der offenbar eine zweite Blüte erlebt, nachdem vor etwas mehr als zehn Jahren die damalige High-Tech-Blase geplatzt war. Das bestätigen auch Volkswirtschaftler. „Es riecht nach einem neuen technologiegetriebenen Boom“, sagt Michael Mandel, Chef-Ökonom beim Progressive Policy Institute in Washington. Der Sektor habe dem Abwärtstrend während der Rezession widerstanden und sei nun treibende Kraft des Aufschwungs.

Mandel zufolge gingen alleine rund 466.000 Arbeitsplätze auf Dienstleistungen rund um die kleinen Programme für Smartphones und Tablet-Computer, die so genannten Apps, zurück. Robert Shapiro, der unter Bill Clinton im Handelsministerium diente, hat zudem ausgerechnet, dass der Übergang auf die schnellen UMTS-Verbindungen in der Internettelefonie seit 2007 rund 1,5 Millionen Jobs geschaffen hat. „In einer Zeit, da insgesamt fünf Millionen Jobs verloren gingen.“

Und die Unternehmensberater von McKinsey prognostizieren, dass die USA bis 2018 rund 1,5 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigen, die sich mit Datenverarbeitung auskennen sowie etwa 490.000 mit den notwendigen analytischen Fähigkeiten, um die Daten zu nutzen. Die Computer- und IT-Branche bleibt also die Wachstumsbranche der USA schlechthin.

Profitiert haben davon bislang natürlich Anleger, die auf die Apple-Aktie setzten und auch nach dem Tod von Firmengründer Steve Jobs im vergangenen Jahr den Glauben an die Innovationsfähigkeit und die Marketing-Maschinerie des Unternehmens nicht verloren haben. Aber auch Anleger, die auf Technologie-Fonds mit einem Schwerpunkt auf US-Aktien setzten, konnten sich über gute Gewinne freuen.

Allerdings hatten hier jene einen Vorteil, die nicht auf gemanagte Fonds setzten. Denn diese dürfen nur maximal zehn Prozent des Anlagebetrages in eine einzige Aktie investieren. Damit haben diese Fonds allesamt automatisch Apple im Vergleich zu den maßgeblichen Indizes untergewichtet, da dessen Gewichtung darin inzwischen weit höher liegt.

Hier haben Indexfonds (ETFs) einen Vorteil, die einfach nur die Entwicklung eines Index nachzeichnen. Folglich hat beispielsweise der ETF von Lyxor auf die 100 größten Nasdaq-Firmen in den vergangenen zwölf Monaten um rund 17 Prozent zugelegt, während es der beste gemanagte Fonds nur auf ein Plus von knapp 13 Prozent brachte.

Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch, dass Besitzer eines solchen Index-Fonds umso stärker unter die Räder kämen, wenn die Apple-Story demnächst eine Trendwende erfahren würde. Denn immerhin hat bisher jede Erfolgsgeschichte irgendwann ein Ende gefunden. Noch vor fünf Jahren war beispielsweise Nokia die dominierende Macht am Mobilfunkmarkt, und kaum jemand konnte sich vorstellen, dass sie irgendwann gebrochen werden könnte. Heute dagegen kämpfen die Finnen ums Überleben.

Wer Ähnliches auch für Apple erwartet, kann auch darauf setzen, beispielsweise über spezielle Knock-Out-Zertifikate, die Kursabschläge sogar über einen Hebel vervielfachen. Allerdings ist ihnen, wie der Name andeutet, eine K.O.-Schwelle eingebaut. Steigt der Kurs von Apple wider Erwarten doch weiter, dann verfällt das Zertifikat wertlos, wenn diese Schwelle überschritten wird. Es ist eben eine Wette, auf den Erfolg oder Misserfolg des iPad 3 und auf die Fähigkeit der Konkurrenten aufzuholen.