Royal Bank of Scotland

Britischer Bank-Chef verzichtet auf Millionen-Bonus

Banker sind in Großbritannien keine Helden mehr, sondern die Schuldigen für die Finanzmisere. Spitzen-Banker lehnen ihre Boni daher lieber ab.

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Am späten Sonntagabend gab Stephen Hester auf. Wochenlang war der Druck auf den Chef der teilverstaatlichten Royal Bank of Scotland (RBS) gestiegen, auf seinen Bonus für das vergangene Jahr zu verzichten. Nun ist Hester eingeknickt. Der Vorstandschef werde die ihm zugesprochnen 963.000 Pfund (1,1 Millionen Euro) nicht annehmen, teilte die Bank mit.

Am Vortag hatte bereits RBS-Aufsichtsratschef Philip Hampton sich bereit erklärt, seinen Bonus von 1,4 Millionen Pfund auszuschlagen. Dabei hätten beide Zahlungen ohnehin weit unter dem üblichen Boni-Niveau in der Londoner Finanzbranche gelegen.

Die Entscheidung ist das bislang deutlichste Zeichen für einen schleichenden Paradigmenwechsel in der britischen Gesellschaft. Lange waren die Briten stolz darauf, ein besonders wirtschaftsliberales Volk zu sein, das Erfolg gern honoriert. Selbst die sozialdemokratische Labour-Partei hatte sich unter dem ehemaligen Premierminister Tony Blair mit den Reichen arrangiert.

Doch knapp vier Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ändert sich der Ton gegenüber den Top-Verdienern im Land . Insbesondere Banker sind längst keine bewunderten Helden mehr. Sie müssen als Hauptverantwortliche herhalten für die Misere, in der Großbritannien steckt.

Auf der britischen Insel wächst die Angst vor einem Rückfall in die Rezession . Vergangene Woche bestätigte das britische Statistikamt, dass die Wirtschaft im vierten Quartal 2011 um 0,2 Prozent geschrumpft ist. Auch für das laufende Quartal erwarten viele Ökonomen einen Rückgang. Ebenfalls vergangene Woche durchbrachen die britischen Staatsschulden die historische Rekordmarke von einer Billion Pfund. Viele Milliarden davon stammen aus dem Geld, mit dem die Briten 2008 ihre Banken retten mussten.

Mittelschicht muss bluten

Die Flaute trifft nicht länger nur die Ärmsten der Gesellschaft. Es ist vor allem die Mittelschicht, die in die Zange genommen wird von sinkenden Realeinkommen, steigenden Steuern, über vier Prozent Inflation und der höchsten Arbeitslosigkeit in 17 Jahren. Der finanzielle Druck auf die Mitte wird zu groß, um das Paralleluniversum der Reichen noch länger gelassen zu akzeptieren.

Eine vergangene Woche veröffentlichte Studie des Thinktanks Resolution Foundation kommt zu dem Schluss, dass der Mittelstand erst frühestens 2020 wieder auf dem Reallohnniveau des Vorkrisenjahres 2007 ankommen wird. Im gleichen Zeitraum soll das Einkommen der Spitzenverdiener dagegen um zehn Prozent steigen. Weil die Mittelschicht traditionell die wichtigste Wählergruppe ausmacht, ist die Politik alarmiert . Premierminister David Cameron kündigte Anfang Januar an, Bonuszahlungen für Spitzenmanager zu regulieren.

Die geplanten Gesetze sollen Aktionären die Macht erteilen, gegen übersteigerte Gehaltspakete ihr Veto einzulegen. Er habe sehr großes Verständnis, dass exzessive Boni "das Blut der Menschen zum Kochen" bringe.

Solche Worte von Cameron wären vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. Damals schmiedete seine Regierung einen Pakt namens "Projekt Merlin" mit den Chefs der großen britischen Banken. Die Finanzinstitute versprachen dabei, sich mit Bonuszahlung zurückzuhalten und gleichzeitig deutlich mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben. Da sie letzteres Ziel um Längen verfehlt haben, sinkt auch die Toleranz bei Cameron.

Abgesänge auf den Finanzplatz London sind trotzdem unangebracht. Cameron weiß, wie wichtig die Banken für sein Land sind. Bei den wichtigen Themen wissen die Finanzinstitute ihn auf ihrer Seite. Erst vergangene Woche demonstrierte Cameron, wo er steht. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bezeichnete er die EU-Pläne zu Finanztransaktionssteuer als "Wahnsinn".