Öko-Geldhaus

Ein Bank-Chef mit einem Faible für Karl Marx

Triodos gilt als größte Nachhaltigkeits-Bank Europas. Chef Peter Blom will hierzulande Fuß fassen, obwohl ihm die Deutschen ein Rätsel sind.

Foto: Triodos / Triodos Bank

Seine Angriffslust stellt der Niederländer Peter Blom gleich zu Beginn des Gesprächs am Hauptsitz in Zeist unter Beweis. Er wolle gerne die Herausforderung der deutschen Sprache annehmen, sagt der Chef der sozial-ökologischen Triodos Bank auf die Frage, ob er lieber auf Englisch oder auf Deutsch das Interview führen wolle.

Morgenpost Online: Herr Blom, wie viel verdienen Sie pro Jahr?

Peter Blom: 265.000 Euro.

Morgenpost Online: Inklusive Bonus?

Blom: Nein. Mitarbeiter der Triodos Bank bekommen keinen Bonus. 265.000 Euro sind aus meiner Sicht schon ein Riesengehalt. Grundsätzlich muss der Antrieb eines jeden Bankmitarbeiters das Interesse an der Gesellschaft sein und nicht, immer noch mehr verdienen zu wollen.

Morgenpost Online: Die Bank als Wohltäter?

Blom: Nicht als Wohltäter, auch wir wollen Geld verdienen und verdienen Geld, aber Banken müssen zu ihrer Rolle als Vermittler zurückfinden – zwischen jenen, die überschüssiges Geld anlegen wollen, und jenen, die Geld brauchen, um etwa in Maschinen zu investieren.

Morgenpost Online: Das ist eine sehr einfache Weltsicht.

Blom: Die vergangenen Jahre haben doch gezeigt: Wer nur die Mehrung seines Vermögens sieht, ist ein Risiko für alle. Einige Investmentbanker behaupten gerne, ohne satte Boni werde niemand mehr arbeiten. Das mag die Einstellung einiger weniger sein, aber eigentlich sollte der Spaß an der Arbeit und die dort erfahrene Selbstbestätigung Antrieb genug sein.

Morgenpost Online: Bei einer Großbank kämen Sie mit solchen Ansichten nicht weit.

Blom: Das ist das Problem. In den vergangenen Jahren machten bei Banken vor allem diejenigen Karriere, die sich mit Geld locken ließen. Die einzelnen Hierarchiestufen sind voll mit monetär getriebenen Bankern. Deshalb erwarte ich, dass der Kulturwandel lange dauern wird.

Morgenpost Online: Wie lange?

Blom: Ich gehe von 25 Jahren aus. Wobei jede Krise hilft, die Sache zu beschleunigen.

Morgenpost Online: Sie hoffen auf weitere Krisen?

Blom: Ich hoffe nicht auf Krisen. Ich halte dies aber für den schnellsten Weg, ein Umdenken der Gesellschaft zu erzwingen.

Morgenpost Online: Sagt der einstige Marxist Peter Blom.

Blom: Als Marxist habe ich mich auch in den 70er-Jahren nicht gesehen, aber richtig ist, dass mich Schriften von Marx faszinierten, aber auch die eines Pjotr Kropotkin, der einem alten russischen Adelsgeschlecht entstammte, prägten mich. Er hat über gegenseitige Hilfe geschrieben – im Unterschied zu Darwins Survival of the Fittest.

Morgenpost Online: Sie studierten damals eigentlich ganz klassisch Wirtschaft in Amsterdam.

Blom: Ich lebte in zwei Welten: Mit meinen Freunden diskutierte ich nächtelang linke Theorien. Aber gleichzeitig sah ich mich als Unternehmer. Mir war klar: Wo das Kapital ist, wird immer entschieden werden, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt.

Morgenpost Online: Und deshalb gingen Sie nach dem Studium zu einer Bank?

Blom: Damals hatten wir ein kleines alternatives Zentrum in Amsterdam mit Buchladen, Biolebensmitteln und Café. Irgendwann wollten wir das Gebäude kaufen. Aber die traditionellen Banken wollten uns, diesem „linken Pack“, kein Geld geben. Da kam ich mit der Triodos Stiftung in Kontakt, die gab uns das Geld. Kurz darauf ging aus dieser Stiftung dann die Bank hervor, und ich war der erste Angestellte in der Kreditabteilung.

Morgenpost Online: Und haben an Ihre alten Freunde Kredite verkauft.

Blom: Mein Vorteil war, dass ich mit der damaligen Hausbesetzerszene gut diskutieren konnte – das war teilweise schon amüsant. Wenn ich am Ende fragte, wo sie denn ihr Spargeld hatten, kam häufig als Antwort: bei einer der beiden niederländischen Großbanken ABN Amro oder ING. Komisch, aber da seid ihr doch dagegen, sagte ich dann.

Morgenpost Online: Das klingt jetzt sehr nach einem arroganten Banker des Jahres 2012.

Blom: Das soll nicht arrogant klingen. Es brachte aber schon damals nichts, pauschal gegen Banken zu sein. Wir brauchen Banken, aber andere.

Morgenpost Online: Die Occupy-Bewegung dürfte auf einen wie Sie warten.

Blom: Wenn ich jung wäre, wäre ich dabei.

Morgenpost Online: Es gibt keine Altersgrenze.

Blom: Wir Banken sind nicht die Bewegung, die kommt von den Bürgern, nicht von den Banken – und das ist auch gut so. Die stellen schon die richtigen Fragen.

Morgenpost Online: Eine Massenbewegung ist daraus nicht geworden. Vielleicht will die Masse gar keine anderen Banken?

Blom: Ich glaube eher, dass jetzt im Winter nicht Tausende Menschen in Parks übernachten wollen.

Morgenpost Online: Aber auch die vermeintlich „guten Banken“, wie Triodos, sind trotz mehr als drei Jahren Krise immer noch in der Öko-Nische gefangen.

Blom: Wir wachsen mit Raten von 20 bis 30 Prozent, ein höheres Tempo würde unsere Organisation nicht verkraften.

Morgenpost Online: Sie sind 30 Jahre am Markt und haben 350.000 Kunden. Andere Direktbanken sind jünger und haben einige Millionen, wie in Deutschland Comdirect oder ING-DiBa.

Blom: Unsere Kundenzahl in den Niederlanden hat sich binnen drei Jahren auf 200.000 verdoppelt. Da bin ich sehr zufrieden. Insgesamt haben Nachhaltigkeitsbanken in den Niederlanden einen Marktanteil von sieben Prozent. Von Nische würde ich da nicht mehr sprechen.

Morgenpost Online: In Deutschland sind Sie seit zwei Jahren, und es verirrten sich gerade einmal 2000 Kunden zu Ihnen.

Blom: Das ist in der Tat nicht so viel, aber auch in Spanien oder Belgien dauerte es eine Zeit, bis wir bekannt wurden. Wobei ich einräumen muss, dass mir die Deutschen ein Rätsel sind. Der Markt ist größer, und Nachhaltigkeitsbanken gibt es länger als bei uns in den Niederlanden. Trotzdem kommen alle zusammen nur auf rund 200.000 Kunden.

Morgenpost Online: Also doch eine Öko-Nische .

Blom: Ich kann mir das nur mit der Präsenz der Sparkassen und Volksbanken erklären. Die pflegen schon länger das Image der „besseren“ Bank, auch wenn ihr Geschäftsmodell nicht 1:1 mit dem nachhaltiger Banken gleichzusetzen ist. In den Niederlanden werden 85 Prozent des Marktes von drei Großbanken bestimmt. Da sehen die Kunden vielleicht eher die Notwendigkeit, ihre Bank zu wechseln – hin zu dem nachhaltigeren Modell.

Morgenpost Online: In Deutschland bieten Sie nicht einmal ein Girokonto an – so werden Sie kaum aus der Nische herauskommen.

Blom: Das wird sich 2012 ändern. Die technischen Voraussetzungen sind geschaffen.

Morgenpost Online: Viele schreckt vielleicht auch ab, dass man die Bank nicht besuchen kann, es gibt keine Filialen.

Blom: Wir überlegen, in Amsterdam unsere erste Filiale zu eröffnen. In Deutschland bleiben wir vorerst aber eine Direktbank.

Morgenpost Online: Halten Sie es für möglich, dass eine Nachhaltigkeitsbank in einigen Jahren so groß wie eine ING oder eine Deutsche Bank ist?

Blom: Warum nicht? Vielleicht ändern sich aber auch die derzeitigen Großbanken. Gerade in den Niederlanden merken wir bereits, dass die sozial-ökologischen Banken von den Platzhirschen inzwischen ernster genommen werden.

Morgenpost Online: Die Triodos Bank finanziert zu 35 Prozent Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien – Wind, Solar, Biomasse.

Blom: Wir sehen uns aber nicht nur als grüne Bank, sondern als eine Bank, die grundsätzlich hilft, die Lebensqualität zu verbessern. Wir wollen nicht nur eine Bank für Weltverbesserer sein, sondern eine Bank für alle, die einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gehen wollen.

Morgenpost Online: Jeder Chemieunternehmer könnte also genauso einen Kredit bekommen, wenn er sich geläutert zeigt?

Blom: Der hätte es wohl schwer. Aber ein anderes Beispiel: Eine Druckerei kam zu uns und meinte, sie wolle anfangen, ihren Prozess umweltfreundlicher zu gestalten, und brauche Geld für eine neue Maschine. Wir haben mit dem Unternehmer intensiv über die Pläne gesprochen und ihm letztlich den Kredit gegeben.

Morgenpost Online: Wie eine ganz normale Bank.

Blom: Eine normale Bank wollte ihm den Kredit nicht geben, weil dort das Thema Nachhaltigkeit bei der Kreditprüfung nicht den Stellenwert hatte wie bei uns.

Morgenpost Online: Banken müssen generell künftig mehr Kapital vorhalten, um riskante Geschäfte notfalls aus eigener Kraft ausgleichen zu können. Lässt sich das System so stabilisieren?

Blom: Ich sehe die neuen Vorschriften kritisch. Wenn Banken mehr Kapital vorhalten müssen, besteht die Gefahr, dass sie auch höhere Risiken eingehen.

Morgenpost Online: Aber ganz ohne Risiko wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Blom: Natürlich gehört es zur Wirtschaft, dass Dinge schiefgehen – und auch in Zukunft wird sich nicht jedes Geschäft lohnen. Aber wir müssen uns als Gesellschaft doch nicht unnötige Risiken aufbürden. Nehmen Sie Derivate: Natürlich kann es sinnvoll für Exportfirmen sein, sich mit Derivaten gegen Währungsschwankungen abzusichern. Aber solche Instrumente dürfen keine rein spekulativen Elemente sein. Hier fordere ich klare Einschränkungen.

Morgenpost Online: Was muss sich im Privatkundengeschäft verändern?

Blom: Jede Bank sollte ihren Privatkunden eine Palette an Standardprodukten anbieten, die vorher unabhängig geprüft wurden und bei denen jeder davon ausgehen kann, dass dort kein Risiko drinsteckt.

Morgenpost Online: Aber dann auch keine Rendite?

Blom: Keine muss nicht sein, aber vielleicht eine geringe. So ist das nun einmal.

Morgenpost Online: Wo hat ein Bankchef in diesen unruhigen Tagen sein privates Vermögen?

Blom: Ich habe alles als Spargeld bei der Triodos Bank, verzinst mit 1,7 Prozent.

Morgenpost Online: Keine Aktien, Anleihen, Fonds?

Blom: Nein, ich habe genug mit der Führung der Bank zu tun.