Architektur

Die Garage im Wandel vom Schuppen zum Kultobjekt

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Christian Tröster

Foto: Callwey Verlag / Callwey Verlag, William Macollum

Garagen müssen keine schlichten Kästen sein. Manche Hausherren bauen ihren lackierten Lieblingen sogar eine echte Designer-Höhle.

Manche Fragen sind so einfach, dass keiner sie stellt. So wie diese: Wie viel Fläche nehmen, zusammengenommen, die Autos in Deutschland ein? Die Antwort: rund 315 Quadratkilometer, ein Areal so groß wie Bremen.

Das mag man viel oder wenig finden, doch wird klar, dass damit auch eine gestalterische Aufgabe beschrieben ist. Denn viele Autos haben ein Dach über dem Kopf, was Zigtausende von Quadrat- und Millionen von Kubikmetern umbauten Raumes zur Folge hat.

In der Tat ist das Auto-Haus eine ebenso bedeutende wie vernachlässigte Bauaufgabe in Deutschland. Das Stichwort dazu heißt Carport. Dafür mangelt es häufig nicht nur an Geld und Geschmack, sondern auch an Ideen. Sogar die Behörden strecken vor diesem Bautypus die Waffen.

Weil der Carport nicht als echtes Gebäude, sondern als eine Art Schuppen gilt, gibt es für ihn vielerorts weder eine generelle Genehmigungspflicht noch ästhetische Vorschriften. Das Ergebnis sind meist grob gestaltete Verschläge und hilflose Gestaltungsversuche, die zusätzlich dadurch für Unbill sorgen, dass sie keinen Zusammenhang mit dem Wohnhaus aufweisen – eine Kakofonie aus unpassenden Materialien und misslichen Proportionen.

Garagen können großartig sein

Dabei geht es auch anders. Garagen können großartig sein wie elegante Villen, praktisch wie Fabriken und fantasievoll wie Designerhäuser. Die Fahrzeuge können auf, unter, neben oder im Gebäude ihren Platz finden. Oder gleich im Wohnzimmer, wohin sie mit einem eigenen Fahrstuhl gehoben werden.

Manche Hausherren graben ihren lackierten Lieblingen Designer-Höhlen mit Ausblick, andere betrachten sie lieber über die Küchen-Spüle hinweg, dritte inszenieren sie wie in einer Monstranz, angestrahlt, glitzernd und kostbar. Die Garage, so hat es der Autor Andreas K. Vetter in seinem Buch „Haus & Auto“ festgestellt, kann genauso Kult werden wie das Auto, und sie kann eine ebenso raffinierte Gestalt haben.

Tatsächlich haben sich Architekten seit hundert Jahren mit dem Thema auseinandergesetzt, wobei Garage wie Fahrzeug oft denselben Design-Ideen folgten. Bekannt ist, dass die ersten Autos Kutschen imitierten. Nach dem gleichen Prinzip ahmten die ersten Garagen Pferdeställe nach.

Erst mit der heute klassisch genannten Moderne fanden beide zu einer eigenen Formensprache. Eine herausragende Stellung für die Architektur nimmt dabei wie immer Le Corbusier ein, der von Mobilität ohnehin fasziniert war.

Seine berühmte Villa Savoye, von der man meist nur die Frontansicht kennt, ist auf der Rückseite Garage. Die streng rechteckigen Formen werden hier zugunsten der automobilen Bewegung aufgebrochen und so gerundet, dass die Fahrzeuge – es waren gleich drei – mit einem Schwung hineinfahren konnten.

Die architektonischen Grundlagen, die in den 20er-Jahren gelegt wurden, haben sich heute zu einem bunten Panorama ausdifferenziert. Die fantasievollsten Lösungen finden sich in Japan, wo Autos per Verordnung nicht im öffentlichen Raum abgestellt werden dürfen.

Wer ein Auto hat, muss es gezwungenermaßen auf eigenem Grund unterbringen, was eine Unzahl improvisierter, verzwickter oder auch genialer Lösungen hervorgebracht hat. In Osaka gibt es ein Haus, das gleich seine ganze Fassade anhebt, wenn ein Auto einfahren will, in Tokio eines, bei dem der Ferrari wie auf einem Präsentierteller ins Wohnzimmer gehoben werden kann.

Doch auch europäische und amerikanische Architekten liefern fantasievolle Lösungen. So platzieren Nunatak Architectes in einem schräg in den Himmel ragenden Wohnhaus das Auto unter der Auskragung – der Stellplatz wird so integraler Bestandteil einer spektakulären Architektur.

Nach einem ähnlichen Prinzip verfahren die Architekten von GRID aus Wien. Einem Haus in Kirchbach verliehen sie einen Überhang, der der Form etwas prekäres und seltsames gibt – und darunter Platz für ein Auto schafft.

Besondere Beachtung hat ein Entwurf von Coast Office Architecture in Stuttgart verdient. Bei einem Hanghaus in Stuttgart ist der Parkplatz derart integriert, dass sein Raum ohne großen Aufwand einer anderen Nutzung zugeführt werden kann – die Garage wird dann ein weiteres Zimmer.

Die neuen Herausforderungen für das Garagen-Design aber kommen mit neuen Mobilitätssystemen, vor allem der Elektromobilität. Hier kann das Fahrzeug integraler Bestandteil nachhaltigen Energiewirtschaftens werden. Da könnte die Solarenergie, die auf dem Dach eines Hauses gewonnen wird, auch zum Betanken eines Elektro- oder Hybrid-Fahrzeugs verwendet werden.

Seine Batterie würde zum Zwischenlager für Strom innerhalb eines Smart Grids , eines intelligenten Stromnetzes. Solche Verknüpfungen brauchen neue Instrumente, Formen: Stromtanksäulen zum Beispiel, die dann in Garagen so häufig zu finden sein werden, wie heute Autoreifen. Sie mit Solarpaneelen, Windrädern und Wohnbedürfnissen zusammenzudenken, dürfte eine der spannenden Aufgaben für zukünftige Architekten werden.