Wall-Street-Ausblick

USA setzen sich von kriselnder Euro-Wirtschaft ab

Die Wall Street steht Analysten zufolge vor einem erfolgreichen Jahr. US-Aktien bringen Anlegern hohe Gewinne – ein großer Kontrast zu Europa.

Foto: Infografik DWO

Die US-Wirtschaft erinnert ein wenig an das Raumschiff des Weltraumhelden Han Solo in „Krieg der Sterne“. Der Millennium Falcon sieht zwar aus wie ein fliegender Schrotthaufen, zugleich ist er das schnellste Schiff in der ganzen Galaxis – und immer für eine Überraschung gut.

So oder so ähnlich verhält es sich auch mit der größten Ökonomie der Welt: Obwohl Amerika auf vielen Gebieten wenig wettbewerbsfähig erscheint, meldet es sich wirtschaftlich immer wieder eindrucksvoll zurück. Das gilt auch für die Börse. Dort wurden mutige Anleger 2011 mit Kurszuwächsen belohnt, und auch dieses Jahr stehen die Chancen auf steigende Notierungen.

Das beherrschende Thema an der Wall Street ist derzeit die Berichtssaison, die am Montagabend von Alcoa eröffnet wurde . Zwar waren die Zahlen des Aluminiumkonzerns alles andere als berauschend, tatsächlich verzeichnete das von dem Deutschen Klaus Kleinfeld gelenkte Unternehmen den ersten Quartalsverlust seit mehr als zwei Jahren.

Doch die Erwartungen für 2012 strahlten Optimismus aus. „Die Zahlen für den zurückliegenden Zeitraum sind zwar wichtig, doch wirklich entscheidend ist der Ausblick des Managements für das neue Jahr“, sagt Raymond Attrill, Stratege beim französischen Investmenthaus BNP Paribas.

Berichtssaison ist sehr wichtig für die USA

Anders als hierzulande ist die Berichtsaison in den USA ein viel beachtetes Ereignis. In einem Zeitraum von rund anderthalb Monaten legen fast alle börsennotierten US-Firmen ihre Geschäftsberichte vor.

Ihren ersten Höhepunkt erreicht die „Earnings Season“ (wie sie an der Wall Street genannt wird) in der nächsten Woche: Dann publizieren Ikonen der US-Wirtschaft wie American Express, Bank of America, Google, Intel, IBM und Microsoft ihre Zahlen. In Deutschland startet die Dax-Berichtssaison erst am 24. Januar mit dem Elektronikkonzern Siemens. Einen Tag später wird die Softwarefirma SAP berichten.

Im Durchschnitt rechnen Markt-Analytiker für das vierte Quartal 2011 (auf das sich die Zahlen beziehen) mit einer Gewinnsteigerung der US-Firmen von 7,2 Prozent. Das wäre das niedrigste Wachstum seit 2010 und der vorläufige Haltepunkt von schnell nach unten korrigierten Vorhersagen. Anfang Oktober lag das erwartete Plus noch bei 14,5 Prozent. Doch ist die Furcht mittlerweile verflogen, dass die führende Volkswirtschaft der Welt 2012 schrumpfen könnte – keine Rede mehr von einer Rezession . Im Schnitt peilen die Ökonomen ein Wachstum von zwei Prozent an.

Auch die Geißel der US-Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit, wird langsam zurückgedrängt. Zuletzt sank die Quote auf 8,5 Prozent. Das ist zwar immer noch hoch, allerdings konnte die Marke von neun Prozent verlassen werden. Im weiteren Verlauf des Jahres sollte eine Arbeitslosenrate von etwas über acht Prozent erreicht werden.

USA setzen sich von Europa ab

Mit der andauernden Konjunkturerholung setzt sichAmerika deutlich von der kriselnden Euro-Wirtschaft ab. Die Ökonomien der Alten Welt werden dieses Jahres als Gesamtheit aller Voraussicht nach stagnieren. Die USA werden ihren Vorsprung vor Euro-Land damit ausbauen. Mit einer Wertschöpfung von 14,6 Billionen Dollar erwirtschaftet die US-Wirtschaft rund ein Fünftel mehr als alle Länder der europäischen Währungsunion zusammen.

Auch auf dem Gebiet der Währung lässt Amerika Europa gerade alt aussehen. Der Dollar erlebt vor allem seit August 2011 eine starke Aufwertung. Nicht nur, aber auch aufgrund der Dollar-Aufwertungen sind Anleger in der Vergangenheit deutlich besser mit US-Aktien gefahren.

Dieses Jahr haben sie mit US-Aktien bereits ein Plus von drei Prozent erzielt. Beim Dax sind die Kurszuwächse zwar noch etwas höher, dafür haben Amerika-Anleger zusätzlich die Gewinne aus dem vergangenen Jahr im Rücken. Seit Anfang 2011 konnten Investoren mit den Titeln des bekannten Aktienindex Dow Jones rund 14 Prozent Gewinn einfahren. Im gleichen Zeitraum haben Börsianer mit hiesigen Standardwerten 13 Prozent Minus gemacht. Im Jahr 2012 winken zwar höhere Gewinnchancen in Europa – aber nur unter der Voraussetzung, dass die Europäer ihr Schuldenproblem unter Kontrolle bekommen.

Sollte die Schuldenkrise sich weiter hinziehen, könnte Amerikas Firmen selbst bei moderatem Ertragswachstum das positive Gegenbild zu der volatilen Alten Welt abgeben. Für das erste Quartal 2012 prognostizieren Experten für die Wall-Street-Firmen den Tiefpunkt der Ertragsdynamik mit einem Plus von drei Prozent. Danach sollen die Gewinne wieder schneller wachsen.

Die dynamischste Entwicklung bei den Gewinnprognosen zeigten Cisco, Procter & Gamble und Caterpillar. Die Strategen sehen den US-Index Standard&Poor’s 500, der die 500 größten Börsenkonzerne des Landes enthält, am Jahresende mehrheitlich höher.

Die höchste Prognose verortet den S&P500 bei 1500 Punkten. Das entspräche einem Plus von 16 Prozent. Auf Sicherheit bedachte Anleger sollten auf ausschüttungsstarke Titel setzen. Morgan Stanley hat ausgerechnet, dass 40 Prozent der Erträge seit dem Jahr 1930 von Dividenden herrühren. Der Gesamtertrag in dem Zeitraum lag bei 9,3 Prozent pro Jahr.

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