Forint auf Tiefstand

Investoren spielen schon Ungarns Pleite durch

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K. Gotthold und H. Zschäpitz

Foto: Infografik WELT Online

Ohne Hilfe von IWF und EU könnte Ungarn schon Ende Januar das Geld ausgehen. Der Forint stürzt auf ein historisches Tief. Auch Österreich kämpft mit den Folgen.

Dieses Land hatte keiner auf dem Schirm. Italien, Griechenland, Spanien oder vielleicht noch Portugal wurden als potenzielle Euro-Killer gehandelt. Doch sorgt ausgerechnet Ungarn für enorme Turbulenzen in der Währungsunion und das, obwohl das Land noch nicht mal Mitglied der Euro-Zone ist.

Niemand sollte das gerade mal zehn Millionen Einwohner zählende Land unterschätzen. Denn die Geschichte erinnert ein wenig an Griechenland. Und tatsächlich lassen sich bereits Ansteckungseffekte ausmachen. Österreich, das traditionell mit Osteuropa und vor allem Ungarn eng verbunden ist, zeigte erste Krankheitssymptome. Die Risikoaufschläge für österreichische Anleihen schossen in die Höhe.

Für den geschwächten Organismus der Euro-Zone könnte ein weiterer Krankheitsherd den Kollaps bringen. Es wäre denkbar, dass die Ratingagentur S&P ihre Anfang Dezember ausgesprochene Warnung umsetzt und den Ungarn-Virus zum Anlass nimmt, die gesamte Währungsunion abzustufen. Nicht nur in Osteuropa engagierte Anleger tun daher gut daran, das Risiko Ungarn im Auge zu behalten.

Das klamme Ungarn ist dringend auf helfende Finanzspritzen angewiesen. Als Geldgeber sind die Madjaren auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Europäische Union (EU) angewiesen. Wegen umstrittener Verfassungsänderungen wollen derzeit weder EU noch IWF die Verhandlungen über Hilfskredite wieder aufnehmen. Ungarn benötigt aber dringend frisches Geld, um die eigenen Finanzmärkte zu stützen.

Viele ungarische Lokalregierungen und Privatleute, die in den vergangenen Jahren Fremdwährungskredite aufgenommen haben, sind wegen des rapiden Kursverfalls des Forint überschuldet . „Die Märkte reagieren zunehmend nervös. Sie preisen ein, dass Ungarn keine Finanzhilfen bekommen wird“, meint Michal Dybula, Stratege bei der BNP Paribas.

Seiner Ansicht nach ist Ungarn auf die 15 bis 20 Mrd. Euro Hilfsgelder dringend angewiesen, weil sich das Land nicht mehr zu vertretbaren Kosten am Markt selber finanzieren kann. Allein bis Ende Januar muss Budapest Anleihen im Wert von umgerechnet 16 Mrd. Euro ablösen.

Tatsächlich hat der Kurs der ungarischen Regierung die Furcht vieler Anleger vor einer Zahlungsunfähigkeit des Landes geschürt. Die Versicherungsprämien gegen eine Pleite Ungarns, die sogenannten Credit Default Swaps (CDS) schossen um 60 Basispunkte auf 710 in die Höhe. Die Absicherung eines zehn Millionen Forint schweren Pakets ungarischer Staatsanleihen per CDS verteuerte sich damit um 60.000 auf 710.000 Forint. Damit markierten die Versicherungsprämien den zweiten Tag in Folge ein Rekordhoch. Parallel dazu stiegen die Risiko-Aufschläge für die auf Dollar lautenden Staatspapiere um 39 auf 677 Basispunkte – ebenfalls ein Höchststand.

Im Gegenzug rutschte der Leitindex der Budapester Aktienbörse um 2,2 Prozent ab. Auch die ungarische Währung setzte ihre Talfahrt fort. Der Euro stieg um bis zu 1,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 319,85 Forint. Im Sog des Forint gaben auch die Kurse des polnischen Zloty und der tschechischen Krone nach.

Im Visier der Ratingagenturen

Ungarn steckt tief im Schlamassel. Die Schuldenquote beträgt über 80 Prozent. Gefährdet ist das Land vor allem auch wegen der hohen Verschuldung im Ausland, ein Gros davon sogar in Fremdwährung. Das mangelnde Vertrauen der Investoren spiegelt sich schon jetzt in den stark gestiegenen Anleihezinsen.

Die Rendite der zehnjährigen Ungarnpapiere schoss zuletzt über die Markt von zehn Prozent. Wie kritisch es um das Land steht, machte auch die Schweizer UBS in ihrem Ausblick für 2012 deutlich.

Sie setzte eine Ungarn-Pleite auf die Liste der möglichen Überraschungen gesetzt. Sollte nicht rasch ein politischer Kompromiss zwischen der ungarischen Regierung und dem IWF gefunden werden, könnten schon bald die Ratingagenturen zuschlagen und das Land zurückstufen. Zuletzt hatte Moody's und Standard&Poor's Ungarn den Status des soliden Anlagelandes aberkannt und die Bonität auf Ramschniveau gesetzt. Moody's bewertet die Zahlungsfähigkeit nur noch mit Ba1, das ist nur noch die elftbeste Note. Noch bis März 2009 war das Land im Club der A-gerateten Staaten. Seit November hat Ungarn nur noch Schrott-Status.

Allein Konkurrent Fitch hielt Budapest noch die Treue, hat aber bereits mit Rückstufung gedroht. Auch Österreich bekam die Wirren im Nachbarland zu spüren. Die Renditen der zehnjährigen österreichischen Staatsschuldtitel schossen am Mittwoch um 16 Basispunkte in die Höhe.

Das Alpenland muss für zehnjährige Ausleihungen damit den Anlegern 3,19 Prozent bieten, das sind 1,34 Prozentpunkte mehr als der deutsche Finanzminister. Am Risikoaufschlag lässt sich die Gefahr aus Osteuropa gut ablesen.

Als es 2008/2009 zum ersten Mal zu Problemen in Osteuropa kam, schnellten die Risikoaufschläge von Österreich-Titeln zum ersten Mal in die Höhe. Damals griffen IWF und EU beherzt ein und sorgten wieder für Ruhe zwischen Danzig und Sofia. Damit gingen auch die Risikoaufschläge von Österreich wieder zurück.