Dax-Vorhersagen

Analysten lernen den Respekt vor dem Markt

Die Prognosen für 2011 waren eine Blamage für die Analysten. Die Voraussagen für das kommende Jahr zeigen deutlich eine gestiegene Demut.

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Demut. Das ist das Leitmotiv der Strategen für das Börsenjahr 2012. Nachdem der Markt die Experten in diesem Jahr Respekt lehrte, sind sie mit Prognosen so zurückhaltend wie selten zuvor. In einer Branche, die von notorischen Lautsprechern dominiert wird, ist das ein ungewohntes Bild: "Wir haben uns angesichts der derzeitigen Unsicherheit schon gefragt, ob es überhaupt Sinn macht, Kapitalmarktprognosen auf Sicht von zwölf Monaten abzugeben, wenn sich die Welt vielleicht in den nächsten Monaten grundlegend ändern könnte", sagt Carsten Klude, Stratege bei der Privatbank MM Warburg. Klude gibt seine Vorhersage unter Vorbehalt ab, andere flüchten sich in Szenarien oder sichern sich mit Prognose-Spannen ab, die so breit sind wie Scheunentore.

Dennoch erinnert der Durchschnitt der Prognosen an die vergangenen Jahre: Ende 2012 sehen die 26 von der Morgenpost Online befragten Strategen den Deutschen Aktienindex (Dax) knapp elf Prozent höher. Konkret liegt die Konsens-Prognose auf Zwölfmonatssicht bei 6475 Punkten. Als Kollektiv folgen die Profis einem simplen Muster: Sie trauen dem Aktienmarkt einen Wertzuwachs zu, der dem historischen Durchschnitt von rund zehn Prozent entspricht.

Auch in der Vergangenheit sagte die kollektive Intelligenz in den Bankentürmen stets eine Steigerung rund um diesen Mittelwert voraus. Selten billigten die Prognostiker dem Dax weniger als acht Prozent und ebenso selten mehr als zwölf Prozent Plus zu. Eine einzige Konsens-Prognose gab es in den vergangenen 20 Jahren, die das deutsche Börsenbarometer in den roten Bereich rutschen sah: Das war im Jahr 2000, als die Auguren, auf dem Höhepunkt der Aktieneuphorie, ein moderates Minus am Markt für denkbar hielten.

Eine Besonderheit fällt im Jahr der Demut ins Auge: Die Spreizung der Prognosen ist im Vergleich zu 2011 deutlich größer geworden . Von 5000 bis zu 7600 Punkten reicht die Spanne. Am optimistischen Ende der Skala steht das japanische Geldhaus Nomura, die negativste Prognose stammt von der französischen Investmentbank Exane BNP Paribas. Deren Strategen Lars Kreckel und Bert Jansen sehen den Dax bis Ende 2012 um knapp 1000 Punkte abrutschen.

Die breite Spanne findet ihre Entsprechung in den Konjunkturprognosen: Im Durchschnitt trauen die Auguren der deutschen Wirtschaft ein Wachstum von 0,4 Prozent zu. Zwei der Befragten sehen die Ökonomie im neuen Jahr schrumpfen, nämlich HSBC und Bank of America Merrill Lynch. Eine ganze Reihe von Bankern erwartet eine Stagnation.

Analysten weichen von der Konsensprognose ab

Nur noch vier Prognostiker rechnen mit einem Plus der Wirtschaftskraft von mehr als einem Prozent, nämlich Postbank, Helaba, DZ Bank und Bremer Landesbank. Die Demut rührt in erster Linie daher, dass die Wirtschaft repolitisiert wurde. Euro-Gipfel oder Entscheidungen in den Hauptstädten können Märkten und Konjunktur eine neue Richtung geben. Nicht nur der EU steht im Jahr 2012 eine Serie von Schicksalstreffen ins Haus, auch die Wahlen in Frankreich und Griechenland dürften direkten Einfluss auf den Zusammenhalt der Währungsunion haben.

Hinzu kommen Anleihe-Emissionen und EZB-Maßnahmen, die sich kaum vorhersagen lassen. Durch eine missglückte Platzierung von Bonds kann die Stimmung kippen. Allein in der Währungsunion warten 2012 lang laufende Anleihen im Wert von gut 800 Milliarden Euro auf Abnehmer.

Am Geldmarkt müssen die Staaten Schuldtitel für weitere 700 Milliarden unterbringen. Die politische Unsicherheit bleibt nicht auf Europa beschränkt. In Russland und den USA stehen 2012 Präsidentschaftswahlen an. Dort könnte der Wahlkampf zur Schlammschlacht werden. Schwer berechenbar ist zudem, wie sich der Iran-Konflikt entwickelt. Eine militärische Eskalation des Atomstreits könnte den Ölpreis explodieren lassen.

Politische Analyse kommt zur ökonomischen dazu

Symptomatisch ist, dass jede Research-Abteilung in ihren Ausblick auf 2012 ein Kapitel zur politischen Weltlage eingefügt hat. Der Primat der Politik lässt die Strategen ungewöhnliche Empfehlungen formulieren. Etwa Merrill-Lynch-Chefstratege Michael Hartnett: "Kaufen Sie die Demütigung, verkaufen Sie die Hybris." Es folgt die Ermahnung: "Mr Market wird im neuen Jahr Dr. Evil bleiben." In der Euro-Zone richten sich alle Hoffnungen und Befürchtungen auf die Europäische Zentralbank (EZB): "Eine Rezession in der Währungsunion ist so gut wie sicher. Aber sie könnte sich zu einer echten wirtschaftlichen Depression auswachsen, wenn die EZB nicht beherzt eingreift und die Staaten mit frischem Notenbankgeld versorgt", sagt Clement Genes, Volkswirt beim Brokerhaus Kepler Capital Markets in Paris.

Für Gold sagen die Auguren nach der jüngsten Schwäche neue Rekorde voraus. Im Durchschnitt liegt die Jahresendprognose bei 1900 Dollar pro Feinunze. Damit stiege der Goldpreis im zwölften Jahr in Folge. Kaum Änderung auf Zwölfmonatssicht erwarten die Experten beim Dollar-Euro-Wechselkurs. Der Konsens verortet die Relation Ende 2012 bei 1,34 Dollar - fünf Cent mehr als heute. Die Pessimisten halten 1,20 Dollar für möglich, die Optimisten 1,45 Dollar.

Geht es nach den Bankern, wird am Rentenmarkt wenig zu verdienen sein: Für zehnjährige Bundesanleihen sagen sie einen Renditeanstieg auf 2,41 Prozent voraus, etwa 50 Basispunkte höher als heute. Trifft diese Prognose ein, werden die damit einhergehenden Kursverluste die mickrige Verzinsung (den Kupon) aufzehren. Allerdings waren die Markt-Exegeten vor Jahresfrist ähnlich skeptisch gegenüber Staatsanleihen - und prompt zählten Bonds zu den besten Anlage-Klassen 2011. "Kapitalmarktprognosen für einen Zeitraum von zwölf Monaten sind mit erheblichen Fehlern behaftet, Einflussfaktoren können sich tagtäglich ändern", sagt Warburg-Stratege Klude. Daher erforderten die Expertisen Demut, und zwar von Autoren und Lesern.

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Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan .

Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick .