Börsenchaos

Auf Analysten-Prognosen ist kein Verlass mehr

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Holger Zschäpitz

Foto: Infografik WELT ONLINE

Die Politik und die Atomkatastrophen in Japan lösten die Prognosen der Marktstrategen in Luft auf. Kaum eine Vorhersage entspricht noch der Realität.

Wenn Sie beim Elfmeterschießen 100 Euro setzen müssten, auf wen würden Sie das Geld verwetten: Schütze oder Torwart? Die Antwort erscheint klar. Intuitiv würde jeder die 100 Euro auf den Feldspieler setzen.

Denn die Erfahrung sagt: In drei von vier Fällen wird der Ball im Tor versenkt. An der Börse funktioniert das Spiel nach anderen Regeln. Wer hier den Erfahrungswerten folgt, setzt gleichsam auf die Erfolgsquote des Keepers. Nur in einem von vier Jahren treffen die Prognosen der Börsenstrategen ins Schwarze, sprich: Die Anleger können mit deren Empfehlungen Geld verdienen.

Zwischen Ist und Soll klaffen Lücken von 50 Prozent

Diese niederschmetternde Erfolgsquote offenbart eine Analyse der „Morgenpost Online“. Sie hat die Dax-Prognosen der Börsenprofis der vergangenen 16 Jahre mit der Realität verglichen. Seit 1996 folgte der Aktienindex lediglich vier Mal dem Skript der Profis und wich am Jahresende weniger als zehn Prozent von der Vorhersage ab. In allen anderen Jahren entwickelte sich der Dax ganz anders, als es die Profi-Prognosen wissen wollten. Zwischen Ist und Soll klafften Lücken von teilweise über 50 Prozent.

Fast könnte man von einem Prognose-Paradox sprechen. Denn obwohl die Aktiensparer kein Geld mit den Strategenempfehlungen verdienen können, verlangen sie geradezu nach immer mehr frischem Zahlenmaterial.

Inzwischen liefern die Auguren gar im Quartalsrhythmus neue Vorhersagen für Dax, Dow und Dollar. Es hat den Anschein, als brauchten gerade die privaten Investoren in diesen unsicheren Zeiten Zahlen zum Festhalten. Doch ist es von den Experten nicht zu viel verlangt, konkrete Prognosen abzugeben, wenn schon eine politische Entscheidung die Märkte in Turbulenzen stürzen kann? Können also die Vorhersagen der hoch bezahlten Strategen noch zu mehr taugen als reiner Finanzmarkt-Unterhaltung?

In diesem Jahr fällt die Bilanz besonders verheerend aus. 29 der 30 befragten Experten sagten steigende Notierungen für den deutschen Leitindex voraus. Im Durchschnitt rechneten die Strategen zum Jahresende 2011 mit einem Dax-Stand von 7750 Punkten. Die Realität sieht bekanntlich anders aus.

"Wir leben in Zeiten der politischen Börsen"

Der Index notiert aktuell bei unter 5900 Punkten und damit ein Viertel unter der Profi-Prognose. Seit Januar hat der Dax mehr als 15 Prozent an Wert eingebüßt. Kein einziger der 30 Kapitalmarktbeobachter hielt vor zwölf Monaten einen Sturz des Dax unter die Marke von 6000 Punkten für möglich. Der pessimistischste Experte erwartete 6200 Punkte. Dagegen sagten sogar fünf Strategen historische Rekorde für den Dax voraus. All diese Experten wurden vom Markt genarrt. Der Dax liegt 35 Prozent unter der optimistischsten Prognose von 9000 Punkten.

„Wir leben in Zeiten der politischen Börsen. Da kann man nur verlieren, und seien die Wirtschaftsindikatoren und Gewinnschätzungen noch so akkurat vorhergesagt“, erklärt Joachim Paech von der Investmentbank Silvia Quandt. „Niemand konnte voraussagen, dass sich die Griechenland-Krise über nunmehr 24 Monate hinziehen würde und noch immer nicht gelöst ist.“

Auch der Atomunfall in Fukushima und die daraus resultierende Atomwende in Deutschland seien nicht vorhersehbar gewesen. Nicht zuletzt hätten die beiden Energieversorger E.on und RWE mit einem Minus von 28 beziehungsweise 45 Prozent den Dax nach unten gedrückt.

Auch Commerzbank-Stratege Andreas Hürkamp wurde von einem politischen Ereignis kalt erwischt. Anfang August kassierte die Ratingagentur Standard & Poor’s die Spitzenbonität der USA.

Das politische Hickhack in Washington um den Schuldenabbau rechtfertige kein AAA mehr, ließen die führenden Bonitätswächter wissen und brachten die Märkte aus dem Tritt. Denn mit einem Mal hatten die Akteure den Sicherheitsanker verloren. „Wir haben zwischen 2009 und Mitte 2011 unglaublich gut gelegen und die meisten Dax-Bewegungen richtig antizipiert.

Doch dann kam der August“, sagt Hürkamp, der neben Paech zu den führenden Aktienstrategen gehört. „Die vergangenen Monate waren eine gute Lehrstunde, Demut vor den Märkten zu haben. Es macht keinen Sinn, in einer gut laufenden Phase übermütig zu werden, der Bär kommt immer wieder aus seinem Versteck“, sagt Hürkamp.

Skeptischer blickte Markus Reinwand von der Helaba vor zwölf Monaten auf die Dax-Zukunft. Zwar sagte er für den Leitindex 6200 Punkte und damit ein Minus von zehn Prozent voraus. Allerdings wurde selbst er von der Realität überholt. „Mir war bewusst, dass die Schuldenkrise noch nicht bereinigt war. Aber einen derartigen Stimmungsumschwung hin zum Pessimistischen konnte ich mir nicht vorstellen.“

Noch mehr als am Aktienmarkt manifestierte sich der politische Einfluss bei den Anleihen. Und dementsprechend hauten die Profis mit ihren Zinsprognosen vollends daneben. Im Durchschnitt erwarteten die Experten bei zehnjährigen Bundesanleihen einen Zinsanstieg auf 3,4 Prozent.

Börsianer können sich auf Rendite-Prognosen nicht verlassen

Stattdessen sind die Renditen kräftig gefallen auf unter zwei Prozent. Einen derart dramatischen Zinsrutsch hatte keiner der Experten auf der Rechnung. Da sich Zinsen und Kurse in entgegengesetzter Richtung bewegen, haben die Bankenprofis eine der größten Rallyes am deutschen Rentenmarkt verpasst. Der Rex, das Anleihe-Pendant zum Aktienindex Dax, legte seit Januar fast acht Prozent an Wert zu.

„Mit Ausbruch der Schuldenkrise ist die Vorhersage der Renditen fast schon zum aussichtslosen Unterfangen geworden“, sagt Tobias Blattner, Ökonom bei Daiwa. „Vor der Krise reflektierten die Zinsen die wirtschaftlichen Aussichten einzelner Ökonomien vor allem beim Wachstum und der Inflation. Nun geht es darum, welche Anleihen von den Investoren als sicher eingestuft werden.“ Und auch da spiele die Politik eine alles überragende Rolle.

Den Unsicherheitsfaktor Politik übersahen die Auguren auch am Goldmarkt. Zwar rechneten die Profis mit einer Fortdauer der eine Dekade währenden Rallye. Einen Anstieg auf über 1900 Dollar je Unze konnte sich niemand vorstellen. Selbst nach der jüngsten Korrektur liegt der Unzenpreis des Edelmetalls noch 100 Dollar über der Prognose.

Insgesamt scheinen die Profis das Brachiale der politischen Ökonomie zu unterschätzen. Die wenigsten der Experten können auf Erfahrungen aus den 70er-Jahren zurückgreifen, als es auch die Politik war, die etwa mit der Aufhebung des Goldstandards oder der IWF-Rettung Großbritanniens und Italiens die Märkte bewegte. Anleger sollten ihrem Bauchgefühl folgen. So wie der Torwart beim Elfmeter.

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