Knibbeln

Der Kampf gegen die Verpackung unterm Tannenbaum

Deutschland ist Marktführer für Verpackungsmaschinen. Doch tückisch verpackte Weihnachtsgeschenke bringen viele zur Verzweiflung.

Foto: Radio Bremen

Eine Föhnhaube für Mutti, ein kleines Atomkraftwerk für Dickie. Viele Krawatten für den Vater und für Opa einen Plattenspieler. Mit der Bescherung im Hause Hoppenstedt hat Loriot der weihnachtlichen Konsumschlacht in Deutschlands guten Stuben ein Denkmal gesetzt.

Kirchenchoräle aus dem Fernseher, Berge von Geschenkpapier, mehr oder weniger authentische Freude. Alles dabei und gerade heute wieder von großer Aktualität. Nur eines fehlt fast völlig. Das Zeitdokument „Weihnachten bei Hoppenstedts“ beweist: Früher war mehr Lametta, aber viel weniger Plastik.

Während die Tannenbaumkerzen noch flackern, wird an diesem Wochenende in Millionen Wohnzimmern ein erbitterter Kampf entbrennen gegen das, was zwischen den Beschenkten und ihrem Geschenk steht: die Verpackung.

Das Geschenkpapier ist im Handstreich weggerissen, ebenso der ganze Tand aus Bändeln, Kärtchen und Karton. Doch dann kommt der letzte Gegner, dessen Name in der Verpackungsbranche jedem ein Begriff ist: der Doppelblister. Es ist der Moment, in dem Vati kurz in der Küche verschwindet und dann mit der Geflügelschere vor seine Familie tritt.

Viele Verpackungen sind schwer zu öffnen

Blister, Sichtverpackungen aus tief gezogenem PVC, haben sich in den vergangenen Jahren in diversen Warengruppen als Hülle der Wahl etabliert. Das Anziehpuppenset von Lea-Sophie, Leanders ferngesteuertes Auto, Papas Fernglas und Muttis Reisepediküre – alles steckt in einem Kokon aus glänzendem Plastik. Durchsichtig, aber undurchdringlich. Blister sind leicht, billig zu produzieren, stoß- und reißfest und bieten viel Platz für Marketingbotschaften. Sie haben, aus Konsumentensicht, abgesehen vom Müllaufkommen nur einen entscheidenden Nachteil: Man kriegt sie nicht auf. Zumindest nicht ohne schweres Gerät.

„Jede Verpackung sollte ohne Hilfsmittel zu öffnen sein. Sobald Menschen zu Messern, Scheren oder anderen Werkzeugen greifen müssen, steigt die Verletzungsgefahr“, sagt Christian Hentschel, Arbeitswissenschaftler an der TU Chemnitz. Hentschel hat in diesem Jahr eine Studie vorgestellt, in der er die Alltagstauglichkeit gängiger Lebensmittelverpackungen getestet hatte.

Er ließ zwei Probandengruppen – eine aus älteren, eine aus jüngeren Teilnehmern – auf die Verpackungen los und dokumentierte deren Schwierigkeiten, unfallfrei an das Innere zu gelangen. „Mit dem Alter nehmen Kraft, Seh- und Tastvermögen ab. Deshalb sind viele Verpackungen für ältere Menschen ohne Hilfsmittel schlichtweg nicht zu öffnen“, stellte Hentschel fest.

Einige Verpackungen wiesen zwar Öffnungsmechanismen auf, die aber ohne Lupe praktisch nicht erkennbar waren. Andere Testobjekte waren so bombenfest verschlossen, dass selbst die studentischen Mitarbeiter sich geschlagen geben mussten.

Blisterverpackung: Sicher vor Diebstahl, Gefahr für Kunden

Einer britischen Studie zufolge verletzten sich dort innerhalb eines Jahres 67.000 Menschen beim Versuch, widerspenstige Verpackungen zu öffnen, so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Eine häufige Unfallursache ist dabei offenbar, dass Konsumenten im Eifer des Gefechts zu untauglichen Werkzeugen greifen. Wo der Hobbykoch keine Schere zur Hand hat, rückt er der Tütensuppe mit dem japanischen Sushi-Messer zu Leibe.

Und der Geschäftsreisende versucht am Flughafen unter Zeitdruck, mit dem Wohnungsschlüssel an den eingeschweißten USB-Stick zu gelangen. Als besonders widerspenstig haben sich die im Elektrobereich gebräuchlichen Doppelblister erwiesen. Dabei handelt es sich um zwei Plastikschalen, die zu einem Rundumpanzer verschweißt werden, der unbewaffnet praktisch nicht zu knacken ist.

Was auch genau der Sinn der Sache ist, wie ein Anruf bei Deutschlands größtem Elektrohändler zeigt. „Für Blisterverpackungen sprechen viele Argumente“, heißt es bei der Media-Saturn-Holding. „Die Produkte können hochwertig und sichtbar präsentiert werden, die Verpackung bietet Schutz vor Beschädigung, und nicht zuletzt spielt auch der Diebstahlschutz eine Rolle.“ Vor Langfingern ist die Ware also sicher – und leider auch vor dem zahlenden Kunden.

Die meisten Produkte verpacken die Hersteller in Fernost selbst. Trotzdem sind die Asiaten nicht allein für die Misere verantwortlich. Deutschland ist Weltmarktführer für Verpackungsmaschinen.

Riesige Apparate, die in einer Stunde 5000 bis 8000 Zahnbürsten hoffnungslos verblistern können und den Gegenwert eines Eigenheims kosten. Zu den wichtigsten Messen der Branche zählt die FachPack. Und von der soll im kommenden Jahr ein Hoffnungsschimmer für geplagte Käufer ausgehen. „Als Privatmensch weiß ich selbst, wie schwer viele Verbrauchsverpackungen zu öffnen sind“, sagt Messeberater Gert Erhardt.

Doch DVD-Verpackungen mit unsichtbaren Aufreißfäden und eingebackene Speicherkarten sind dabei offenbar nur ein Problem. Auch weiter vorn in der Wertschöpfungskette kämpfen Menschen mit der Tücke des verpackten Objekts. „Sie glauben gar nicht, wie viele Arbeitsunfälle es alljährlich beim Versuch gibt, einen Lieferkarton zu öffnen.“

In der Branche setze sich zunehmend das Bewusstsein durch, dass in Zeiten des demografischen Wandels Verpackungen nicht mehr nur stabil und hübsch sein müssen, sondern auch zu öffnen, stellt Erhardt fest. Deshalb widme die FachPack 2012 eigens eine Sonderschau dem Thema „Auspacken leicht gemacht“, in der Hersteller Verpackungskonzepte mit innovativen Öffnungsmechanismen vorstellen wollen.

Design entscheidet über Verkaufserfolg

Dort wird dann auch die Multivac vertreten sein. Das Unternehmen aus Wolfertschwenden im Unterallgäu ist Weltmarktführer für Tiefziehmaschinen. „In einer älter werdenden Gesellschaft ist die Frage, wie sich eine Verpackung öffnet, heutzutage das A und O“, behauptet Marketingleiterin Valeska Haux. Verpackungen müssten heute vielen Anforderungen genügen, die mitunter im Widerstreit zueinander stehen können.

So verlange der Handel nach einem sicheren Diebstahlschutz. Zugleich sollen sich Verpackungen dem befugten Nutzer aber möglichst widerstandslos öffnen. Dass am Ende aller Überlegungen dann aber doch wieder ein Blister steht, liegt wohl nicht zuletzt an der dritten und aus Herstellersicht wichtigsten Funktion. „Verpackungen sind das entscheidende Differenzierungsmerkmal am Point of Sale“, sagt Haux, was übersetzt bedeutet: Die Verpackung ist vor allem eine Reklamefläche für ihren eigenen Inhalt.

Eine Werbung, die Kunden allerdings im Schnitt nur etwa eine Sekunde lang betrachten, wie Andrea Gröppel-Klein vom Institut für Konsum und Verhaltensforschung der Uni Saarland gemessen hat. „Die Gestaltung der Verpackung kann über den Erfolg oder Misserfolg eines Produkts entscheiden“, bestätigt sie. Doch gerade wenn es darum gehe, ältere Kunden anzusprechen, versagten viele Hersteller.

„Das fängt schon an mit zu kleinen Schriftgrößen, die Ältere kaum entziffern können“, sagt Gröppel-Klein. Zugunsten des Diebstahlschutzes würden einige Produktverpackungen allerdings zum überwindbaren Safe, was alle Marketingbemühungen konterkarieren könne. „Wenn Menschen große Schwierigkeiten beim Öffnen einer Verpackung haben, dann merken sie sich das. Das kann beim nächsten Einkauf zum Ausschlusskriterium werden.“

Das Internetversandhaus Amazon führte deshalb vor zwei Jahren die „frustfreie Verpackung“ ein. Elektro?produkte der Eigenmarke werden nicht mehr in Plastik eingeschweißt, sondern in wiederverwertbaren Pappkartons verschickt.

Dem Kunden werde damit viel Ärger beim Auspacken erspart, zugleich die Umwelt geschont, wirbt Amazon. Und praktischerweise spart die Firma eine Menge Geld, weil die Verpackungen billiger und die Pakete kleiner werden.

Ebenfalls übers Internet erhältlich: der Zip-it Opener, Amerikas Antwort auf den Doppelblister. Das grün-blaue Plastikgerät erinnert optisch und funktional stark an einen elektrischen Dosenöffner, wurde aber eigens zum verletzungsfreien Auftrennen von Plastikverpackungen entwickelt. 18,49 Euro kostet es, exklusive Batterien. Das Gerät wird allerdings nicht einfach so verschickt – sondern sicher verpackt in einem Doppelblister.