Währungen

Die Euro-Schwäche ist eine Dollar-Stärke

Der Euro-Kurs ist im Sinkflug, einige Schwellenländer-Devisen sind im freien Fall: Die US-Währung zeigt erneut ihre große Stabilität.

Erstmals seit Anfang Januar ist der Kurs des Euro wieder unter die Marke von 1,30 Dollar gefallen. Seit Ende Oktober hat er damit gegenüber der US-Währung annähernd zehn Prozent an Wert verloren. Langsam aber stetig ging es in dieser Zeit abwärts. Und schon weissagen einige Auguren weiteres Ungemach. „Der Euro bleibt die verwundbarste aller wichtigen Währungen “, sagt Ian Stannard, Währungsexperte bei Morgan Stanley.

Innerhalb der kommenden zwölf Monate sieht er den Kurs gegenüber dem Dollar um weitere zehn Cent sinken. Andere haben noch pessimistischere Prognosen parat. Unmittelbarerer Anlass für die aktuelle Schwäche sind die jüngsten EU-Beschlüsse, die nach Meinung vieler angelsächsischer Investoren nicht reichen, um der Krise in der Euro-Zone Herr zu werden. Hinzu kam, dass EZB-Chef Mario Draghi sich zuletzt sehr zurückhaltend gab, was mögliche weitere Aufkäufe von Staatsanleihen durch die Zentralbank angeht.

Gerade die Spekulanten in New York und London erwarten eine mit großen Worten verkündete Kehrtwende der EZB – die es wohl nicht geben wird. Doch all dies erklärt die aktuellen Bewegungen am Devisenmarkt nur zum Teil. Denn nicht nur der Euro schwächelt gegenüber dem Dollar. Fast alle Währungen auf der Welt verlieren derzeit im Vergleich zur US-Währung, in einigen Fällen ist dies sogar weit dramatischer als beim Euro.

So notiert die indische Rupie auf einem absoluten Allzeittief. Seit Wochen befindet sich der Kurs praktisch im freien Fall. Viele indische Firmen, die stark vom Dollarkurs abhängen, senden inzwischen SOS an ihre Regierung. „Es ist wie eine Naturkatastrophe, wie ein Tsunami“, klagte beispielsweise der Finanzchef des Baukonzerns GMR Group in den Medien des Landes. Sogar der chinesische Yuan, der eigentlich unter dem Dauerverdacht der Unterbewertung steht, kam zuletzt unter Abwertungsdruck.

Die Währung darf börsentäglich nur in einem engen Band schwanken. Zuletzt jedoch wurde ihr Kurs an mehreren Tagen hintereinander auf den tiefsten möglichen Wert gedrückt. Die kontinuierliche Aufwertung des Yuan ist schon seit Ende Oktober praktisch zum Stillstand gekommen.

Dies zeigt: Es ist weniger der Euro, der derzeit schwach, ist als vielmehr der Dollar, der eine neue Stärke zeigt. Sehr gut ablesbar ist dies auch an dessen handelsgewichtetem Wert. Dabei wird sein Kurs ins Verhältnis zu allen wichtigen Währungen gesetzt und deren Gewicht dabei an ihrem Anteil am Außenhandel der USA bemessen.

Angst vor langsamerem Wachstum

Während dieser handelsgewichtete Dollarkurs noch Ende Juli nahe dem Allzeittief stand, ist er seit September drastisch gestiegen. Im Oktober gab es nochmals eine kurze Gegenbewegung, doch seit November ging es erneut aufwärts für den Dollar.

Der Zeitpunkt des Beginns dieser Aufwertung legt nahe, dass der Grund in einer allgemeinen Furcht vor einer Verlangsamung des weltweiten Wirtschaftswachstums liegt. Diese Furcht bezieht sich auf Indien, auf China, auf Europa und viele andere Regionen und dies lässt viele US-Investoren ihr Geld nach Hause holen – in der Krise wähnt man es im eigenen Land stets am sichersten. Mit einer gesünderen Lage der US-Finanzen oder einer stärkeren Konjunktur jenseits des Atlantiks hat dies wenig zu tun. „Man sollte schließlich nicht vergessen, dass auch die USA eine Schuldenkrise haben“, sagt Anton Brender, Chef-Volkswirt von Dexia Asset Management.

Und die Folgen davon könnten schon bald dafür sorgen, dass die USA und damit auch der Dollar wieder deutlich negativer gesehen werden. 2012 wird nämlich eine ganze Reihe von konjunkturstimulierenden Maßnahmen auslaufen, die im Zuge der akuten Krise beschlossen wurden.

"Das wird zu einem fiskalischen Schock führen“, so Bender. Sollten die Maßnahmen nicht verlängert werden, was angesichts der totalen Blockade der Parteien im Kongress wahrscheinlich ist, so dürfte allein dies nach Benders Berechnungen das Wachstum um 1,7 Prozentpunkte schwächen. Hinzu kommt, dass der wichtigste Wachstumstreiber in den USA während der vergangenen Monate der Export war. Das ist höchst ungewöhnlich, doch wenn nun der Dollarkurs weiter steigt, so könnte dieser neue und ungewohnte Trend auch ganz schnell wieder verschwinden, ohne dass es Ersatz gäbe.

Wann die Finanzmärkte solche Fakten jedoch wieder entdecken, ist fraglich. Denn derzeit beherrschen die negativen Schlagzeilen aus anderen Teilen der Welt die Medien in den USA. Erst wenn sich das beruhigt, dürften die Amerikaner wieder gewillt sein, vermehrt im Ausland zu investieren. Bis dahin kann es für den Dollar jedoch noch ein gutes Stück weiter nach oben gehen – und für den Euro sowie andere Währungen entsprechend weiter nach unten.

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