Krisenpläne

EU-Beschlüsse lassen Anleger ratlos zurück

Das Zittern um den Euro geht auch nach dem EU-Gipfel weiter. Aktien- und Rentenmärkte schwanken stark, die Anleger sind verunsichert.

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Der Gipfel der Gefühle war es für Anleger nicht. Nachdem die ersten Ergebnisse des EU-Treffens in Brüssel bekannt gegeben wurden, probierten die Investoren verschiedene Emotionen in Reaktion darauf aus.

Keine wollte so recht passen: Sollte das, was die 27 in Brüssel ausgebrütet hatten, Zuversicht wecken? Nicht so richtig. Denn das akute Problem der klammen Euro-Staatsfinanzen blieb ja ungelöst. Oder waren jetzt neue Absturz- und Zerbrechensängste angemessen? Dafür hatten sich die Europäer vielleicht doch zu einmütig gezeigt.

So blieben die europäischen Kapitalmärkte dann am Ende in jenem frustrierenden, bleigrauen Zustand der Unentschiedenheit, die sie seit Monaten durchleben. Der Dax pendelte zum Wochenschluss stark hin und her. Die Kurstafel verzeichnete Ausschläge zwischen 5800 und 6000 Stellen.

Meldungen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) weiter Bonds für bis zu 20 Milliarden Euro die Woche kaufen will und dass China zwei Fonds im Volumen von bis zu 300 Milliarden Dollar für das Investieren im Westen auflegt, halfen. Der deutsche Leitindex stand bei 5960 Zählern. Doch Anfang des Jahres hatte der Dax noch knapp unter 7000 Punkten notiert. Auch die europäischen Anleihenmärkte blieben nervös.

Einschätzungen sind ganz unterschiedlich

Ökonomen und Investmentstrategen versuchen, sich einen Reim auf den geplanten Ausbau der Euro-Zone zu einer Fiskalunion zu machen. Zum Leidwesen der Anleger kommen sie zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen.

„Zwei Jahrzehnte nach Maastricht stehen die damals vereinbarten Prinzipien auf dem Prüfstand“, sagt Eugen Weinberg, Stratege bei der Commerzbank. Die Spannungen in der Euro-Zone würden die Märkte weiterhin in Atem halten: „Eine baldige Lösung ist nicht absehbar.“ Noch skeptischer äußert sich Anita Paluch vom Broker Gekko Global Markets: „Der Gipfel hat die Erwartungen nicht erfüllt.“

Es sei nicht gelungen, alle Staaten mit ins Boot zu holen. Paluch spielt damit vor allem auf die Briten an, die kein Teil der neuen „Real EU“ (wahren EU), wie sie schon scherzhaft am Kapitalmarkt genannt wird, sein wollen. Politisch und ökonomisch setzt sich das Königreich weiter von Europa ab.

Ein positives Resümee zieht hingegen Lutz Hering, geschäftsführender Gesellschafter der Dresdner Vermögensverwaltung Damm Rumpf Hering: „Die wichtige Botschaft des Gipfels ist, dass sich die Mehrheit der EU-Länder bereit erklärt hat, einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der Schuldenkrise mitzutragen.“

Der Markt werde das honorieren, ist der Portfolio-Manager überzeugt. Geradezu hymnisch äußert sich Folker Hellmeyer, Chefstratege bei der Bremer Landesbank: „Europa befindet sich unbeirrt auf dem Stabilitätspfad. Hier wird Strukturpolitik gemacht. Hier werden Geschäftsmodelle geändert. Hier entsteht Zukunftsfähigkeit“, schreibt er. Der Unterschied zu der Reformunfähigkeit der USA sei von grotesker Größe.

Skeptiker fragen unterdessen, wie die Euro-Zone die Monate und Jahre bis zur Umsetzung der Brüssler Beschlüsse überstehen soll. Wenn es gut läuft, wird der neue EU-Vertrag im Frühjahr stehen, und muss dann noch ratifiziert werden. Selbst dann aber könnte sich die Ratifizierung mit möglichen Volksabstimmungen – schließlich geht es um einen Eingriff in nationale Souveränitäten – bis weit ins nächste Jahr hineinziehen. Das ganze Elende der Währungsunion lässt sich in einer einzigen, obgleich großen Zahl zusammenfassen: 1,1 Billionen Euro. Soviel müssen Europas Staaten nächstes Jahr an den Kapitalmärkten aufnehmen.

Ratingagenturen stiften Unruhe

Zwar konnten sich finanzschwache Länder der Union wie Spanien oder Italien zuletzt noch Geld am Markt besorgen, allerdings zu Konditionen, die die Staaten über kurz oder lang in die Insolvenz treiben werden. Vor allem die italienische Anleihen-Rendite lag gefährlich hoch. Mit 6,5 Prozent für zehnjährige Papiere war sie nur wenig von der Styx-Linie, also jener kritischen Sieben-Prozent-Marke entfernt, jenseits derer Griechenland, Irland und Portugal um Hilfe ersuchen mussten.

Ein Unsicherheitsfaktor erster Güte sind zudem die Ratingagenturen. Die Bonitätsprüfer von S&P hatten Anfang der Woche sämtliche Staaten der Euro-Zone unter Beobachtung gestellt, die tatsächliche Entscheidung unter anderem aber vom Ausgang des Gipfels abhängig gemacht. „In den kommenden drei Monaten könnte es trotz allem zu einer Herabstufung kommen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Schwer einzuschätzen ist vor allem, wie die Kapitalmarktteilnehmer reagieren werden, wenn Frankreich als zweitgrößte europäische Volkswirtschaft und wichtigster Rettungsschirm-Garant neben Deutschland seine Spitzennote AAA verliert.

Bildlich gesprochen könnten also alle Siedler tot sein, ehe die Kavallerie anrückt. Aus diesem Grund hatten viele Akteure auf die EZB gesetzt. Mit deutlich ausgeweiteten Bond-Käufen würde sie den Euro-Staaten solange den Rücken freihalten, bis die sich als Fiskal- und Stabilitätsgemeinschaft neu erfunden haben. Doch so einfach ließen sich die Zentralbanker dann doch nicht vor den Karren der Politik spannen.

Wird die EU gespalten?

Bei der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid schloss EZB-Präsident Mario Draghi den massiven Erwerb von Anleihen erst einmal aus. „Den Politikern muss es derzeit nicht so sehr darum gehen, die Märkte zu überzeugen, sondern die Zentralbanker“, sagt ING-Ökonom James Knightley.

Ein weiteres Problem ist die De-facto-Spaltung der EU durch die Brüssler Beschlüsse. Neben den Briten, die sich der Vertragsänderung verweigern, äußerten sich auch Schweden, Tschechien und Ungarn skeptisch. „Die EU zerfällt jetzt praktisch in zwei Zonen“, sagt Paluch. Tatsächlich zeigt die Kapitalmarktentwicklung der vergangenen Monate bereits, dass vor allem England einen Sonderweg eingeschlagen hat.

Der Londoner Kapitalmarkt konnte sich deutlich von den Börsen des Kontinents absetzen. Der britische Leitindex FTSE 100 notiert dieses Jahr nur wenig im Minus und auch das Pfund konnte sich gegenüber dem Euro behaupten. Die größte Überraschung aber ist, dass britische Staatsanleihen (Gilts) inzwischen fast ebenso gut dastehen wie Bundesanleihen. So wird der Inselstaat von den Finanzmärkten dafür belohnt, nicht der Zitter-Zone anzugehören.

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