Bonitäts-Bewertung

Warum Ratings für Anleger so wichtig sind

Die Ratingagentur S&P droht die deutsche Top-Bonität abzustufen. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen für Sparer und Anleger.

Foto: dpa

Die erste Reaktion des Marktes: gleich Null. Die Drohung der Ratingagentur S&P, die Bonität von 15 Euro-Ländern sowie des Rettungsfonds EFSF herabzustufen, verpuffte an den Börsen weitgehend. Weder die Renditen der Staatsanleihen noch der Euro-Kurs noch die Aktienkurse zeigten größere Ausschläge. Doch das muss nicht so bleiben. Eine Herabstufung könnte mittelfristig durchaus Konsequenzen haben. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Warum reagieren die Märkte bisher so gelassen?

„Nach der Herabstufung der USA durch S&P gingen die Märkte relativ schnell zur Tagesordnung über“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Geschäftskunden der Deutschen Bank. Amerikanische Staatsanleihen gerieten nicht unter Druck – im Gegenteil, die Kurse stiegen in der Folge sogar, die Renditen fielen im Gegenzug.

Dies dürfte derzeit bei vielen Anlegern im Hinterkopf verankert sein. Zudem gehen die Märkte derzeit davon aus, dass der EU-Gipfel klare Lösungsansätze für die Krise in der Euro-Zone liefern wird und die Europäische Zentralbank weiter Staatsanleihen gefährdeter Länder kauft. Diese Hoffnung ist derzeit stärker als Ängste vor einem eventuellen Verlust des AAA für einige Euro-Länder.

Würde ein Verlust des AAA höhere Zinsen nach sich ziehen?

Üblicherweise führt eine schlechtere Bonität zu höheren Zinsen. Doch das ist nicht immer so. Im Falle der USA trat nach dem Entzug des AAA sogar das Gegenteil ein – die Renditen sanken auf ein Rekordtief. Dies liegt daran, dass die USA als sicherer Hafen gelten, in unsicheren Zeiten verlagern Anleger ihr Geld dorthin, vor allem in US-Staatsanleihen. Einen ähnlichen Status haben daneben nur Japan, Großbritannien und eben Deutschland.

Die Frage ist, ob sich dies nun ändern könnte. In den vergangenen Wochen sind die Renditen für deutsche Staatsanleihen schon deutlich gestiegen, stärker beispielsweise als jene von US-Papieren. Erstmals seit langem liegen nun die Renditen für deutsche Papiere sogar wieder über jenen von amerikanischen. Dies könnte schon eine Reaktion darauf sein, dass Deutschlands Solvenz unter den Garantien für andere Euro-Länder leidet.

Allerdings kann dies auch einfach nur eine Reaktion auf die Entspannung der Euro-Krise gewesen sein – Anleger, die zuvor aus den Peripherie-Staaten in deutsche Anleihen geflüchtet waren, kehrten nun in Anleihen von Italien oder Spanien zurück, so dass deren Renditen gleichzeitig zurückgingen. Die Renditen deutscher Anleihen könnten also weiter steigen, dies dürfte aber wohl eher Folge einer Beruhigung der Euro-Krise sein, weniger die Drohung eines Verlustes des AAA. Risikofreudige Anleger können dies nutzen, indem sie jetzt in spanische oder italienische Anleihen investieren.

Kann es erneut zu einem Börsencrash wie im August kommen?

Der damalige Absturz der Börsen war zwar durch die Herabstufung der Bonität der USA ausgelöst worden, die Ursache war sie jedoch nicht. Vielmehr kam damals plötzlich die Sorge vor einer weltweiten Rezession auf. Diese ist inzwischen aber schon eingetreten oder zumindest schrammen die Länder am Rande eines Minuswachstums vorbei. Für eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage gibt es indes kaum Anzeichen – im Gegenteil.

Jetzt wurde bekannt, dass die Auftragseingänge der deutschen Industrie im Oktober um 5,2 Prozent gestiegen sind, nach einem Rückgang um 4,6 Prozent im September. Daher ist nicht davon auszugehen, dass eine tatsächliche Herabstufung der Ratings der Euro-Länder zu einem erneuten Crash am Aktienmarkt führen würde. Einzelne Kurseinbrüche kann es dennoch geben.

Was würde ein Verlust des AAA für Lebensversicherungen bedeuten?

Sollte dies dazu führen, dass die Renditen von deutschen Staatsanleihen mittelfristig steigen, so wäre dies sogar gut für die Versicherer. Sie litten zuletzt extrem unter den niedrigen Renditen, denn so können sie kaum den Garantiezins erwirtschaften.

Ein höheres Zinsniveau würde dies erleichtern und könnte auch zu höheren Überschussbeteiligungen für die Versicherten führen. Allerdings ist dies nicht allzu wahrscheinlich, zumal die Europäische Zentralbank voraussichtlich erneut den Leitzins senken wird. Dies hat zwar keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Renditen lang laufender Anleihen, mittelfristig zurrt sie damit aber ein generell niedriges Zinsniveau fest.

Verlören deutsche Staatsanleihen damit den Status des sicheren Hafens?

Das ist unwahrscheinlich, schlicht, weil es keine Alternativen gibt. Würden neben Deutschland auch die anderen fünf Euro-Länder ihre Bestnote verlieren, wären weltweit nur wenige Staaten mit AAA-Rating übrig, darunter Länder wie Singapur, deren Markt winzig ist oder die Schweiz, die seit einigen Monaten wie wild Geld druckt, um den Außenwert ihrer Währung zu stabilisieren – kein Merkmal eines sicheren Hafens. Unter den abgewerteten Euro-Ländern wäre Deutschland immer noch ganz klar relativ gesehen das bestbewertete.

Gibt es überhaupt noch sichere Häfen für mein Geld?

„Es gibt keine risikofreien Anlagen mehr“, sagt beispielsweise Frank-Peter Martin, Partner beim Bankhaus Metzler und zuständig für die Portfoliostrategie. Die Schulden hätten ein Niveau erreicht, das nicht mehr tragbar sei, und zwar in allen Staaten. Die Wahrscheinlichkeit von Pleiten ist zwar nach wie vor nicht groß, aber eben nicht mehr gleich Null, ihre Anleihen sind daher nicht mehr risikofrei. Und Peter Stephan sagt: „Der einzige sichere Hafen ist ein diversifizierte Portfolio.“

Was sollten Sparer und Anleger tun?

Frank-Peter Martin rät, verstärkt auf Aktien zu setzen. Viele Unternehmen haben im Gegensatz zu den Staaten geringe Schulden, und die Dividenden liegen oft höher als der Coupon deutscher Staatsanleihen. Ausgewählte Unternehmen könnten sich dabei sogar als neue „sichere Häfen“ etablieren. Wichtig seien dabei eine internationale Ausrichtung, eine große Preissetzungsmacht sowie solide Bilanzkennziffern, die den Konzern relativ unabhängig vom Kapitalmarkt machen.

Deutsche-Bank-Mann Stephan empfiehlt zudem, sich die Anleihen von Schwellenländern genauer anzusehen, die im Gegensatz zu den Industrieländern meist keine Verschuldungsprobleme haben. Auch erstklassige Unternehmensanleihen seien derzeit günstig zu haben, und das Risiko von Ausfällen sei dort oft niedriger als bei Staatsanleihen. Rohstoffe und Gold könnten ebenfalls zu den Gewinnern eines Vertrauensverlustes bei Staatsanleihen gehören. Er warnt aber auch vor Aktionismus: „Ein Verlust des AAA wäre nicht der Untergang des Abendlandes.“

Verbinden Sie sich mit dem Morgenpost Online-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.