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Facebooks Börsengang schürt Angst vor Blase 2.0

Die Euphorie rund um Facebooks Börsengang ist riesengroß. Doch ein Vergleich mit dem Erzrivalen Google schürt Zweifel an seinem Erfolg.

Foto: Welt Infografik / Welt Infografik/Eigene Recherche

Das ist sie wohl, die Demokratie des Web 2.0: Auf einer eigens dafür eingerichteten Seite bei Facebook wirbt ein Nutzer des Kontaktnetzwerks um Gleichgesinnte für seine Sache. Und die ist der Protest gegen den Börsengang von – Facebook. "People against FB IPO" nennt sich die Bewegung mit bisher überschaubarem Zulauf, die ihr Initiator mit dem Wunsch begründet, nicht mehr so viel über eben dieses Thema hören zu müssen.

Ein verständliches Anliegen, zumal nach der vergangenen Woche. Denn nach vielen Monaten vage schwelender Gerüchte konkretisiert sich der Börsengang des Social-Media-Überfliegers nun offenbar erstmals – und heizt die Euphorie wieder an.

So berichtet etwa das renommierte "Wall Street Journal" unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise, Facebook werde ab April 2012 den Gang aufs Parkett wagen, weil es dann aufgrund seiner Eigentümerstruktur nach US-Börsenrecht ohnehin seine Geschäftszahlen offenlegen müsste . Auf rund 100 Milliarden Dollar soll sich die Bewertung des Internetkonzerns dann belaufen, platziert werden sollen indes Anteile für "nur" zehn Milliarden.

Das Unternehmen aus Palo Alto wäre damit der schwerste Newcomer in der Geschichte börsennotierter Technologiekonzerne. Bisher hält diese Position ein Konzern inne, der auch Anlegern hierzulande in vermutlich zumeist schlechter Erinnerung ist: Der Chipkonzern Infineon, der auf dem Höhepunkt der New-Economy-Ära im März 2000 umgerechnet 5,9 Milliarden Dollar für seine Anteile erlöste. Nach dem folgenden Börsenabsturz herrschte Eiszeit am Markt für größere Technologie-Börsengänge – bis zum IPO der Suchmaschine Google, die im August 2004 Anteile für 1,9 Milliarden Dollar platzierte.

Eben weil Facebook noch nicht an der Börse ist, sind die Informationen über das Unternehmen bislang spärlich gesät. Das, was bekannt ist, wird aber gern mit den Zahlen von Google in Relation gesetzt, denn die Suchmaschine kommt von den bereits gelisteten Unternehmen dem Geschäftsmodell von Facebook am nächsten.

Und dieser Vergleich zeigt, wie ambitioniert die Absichten des vom ehemaligen Psychologiestudenten Mark Zuckerberg gegründeten Konzerns sind. Als etabliertes Unternehmen mit sieben Jahren Börsenlisting kommt Google als Platzhirsch des Internets auf eine Marktkapitalisierung von 150 Milliarden Dollar. Das ist viermal so viel, wie der Konzern umsetzt.

Für Facebook läge diese Bewertungskennzahl für einen angenommenen Börsenwert von 100 Milliarden Dollar bei sage und schreibe 25. "Facebook hat ein überzeugendes Gewinnwachstum, bei den Umsätzen aber hat das Unternehmen noch nicht die Dynamik wie etwa Google zu seiner Anfangszeit", warnt Nicholas Carlson, Internetexperte beim Branchendienst Business Insider.

Die Euphorie um Facebook wollen sich auch andere Unternehmen aus der Internetbranche zunutze machen. So könnte auch Zynga, ein Betreiber browserbasierter Onlinespiele, demnächst seine Parkettpremiere geben. Möglicherweise feiern die Macher des populären Facebook-Spiels "Farmville" sogar noch in diesem Jahr ihr Börsendebüt. Die anvisierte Bewertung: kaum niedriger als die von Facebook.

Solche Meldungen wecken Erinnerungen an die Zeit vor der Jahrtausendwende, als sich um alle Firmen der sogenannten TMT-Branchen (Telekom, Medien, Technologie) eine gigantische Blase gebildet hatte. Alte Bewertungsmuster, hieß es damals, seien überholt, der Weg nach oben sei frei. Im Frühjahr 2000, nach dem Infineon-Börsengang, kam die Wende. Rund fünf Billionen Dollar wurden im folgenden, fast dreijährigen Abschwung allein an der US-Hightech-Börse Nasdaq ausgelöscht.

Droht nun die Hightech-Bubble 2.0? Im Gegensatz zu diesem Frühjahr, als Marktbeobachter durch die Exzesse im außerbörslichen Handel erstmals auf Übertreibungen im Sektor hingewiesen hatten, gibt es mittlerweile belastbare Erfahrungen entsprechender Börsenneulinge. Und die sind allenfalls durchwachsen.

So ging der Aktienkurs des größten Business-Onlinenetzwerks LinkedIn zwar am Tag der Erstnotiz durch die Decke. Zu 45 Dollar ausgegeben, stieg der Kurs sogar bis auf 122 Dollar. Doch wer zu diesem Höchstkurs gekauft hat, liegt nach der jüngsten Abwärtsbewegung bereits mit 50 Prozent im Minus.

Raues Pflaster an der Börse

Wie ruppig es an der Börse zugeht, musste man auch bei der Schnäppchen-Website Groupon erkennen. Ursprünglich für September geplant, musste CEO Andrew Mason den IPO verschieben, weil er wegen kreativer Kennzahlen Ärger mit der Börsenaufsicht bekam. Als der Weg frei war, war der Markt zudem durch die eingetrübte Stimmung verschreckt – Mason musste deutliche Abstriche machen. Damit nicht genug: Zuletzt stürzte die Aktie binnen Tagen um rund 40 Prozent ab, schaffte erst nach guten Zahlen vom "Thanksgiving"-Shopping in den USA die Gegenbewegung.

Ungeachtet dieser Beispiele kann der Markt die Börsenpremiere kaum erwarten. Auf Handelsplattformen wie Secondmarket, wo bereits Facebook-Anteile die Besitzer wechseln, indizieren die Kurse einen Marktwert von rund 75 Milliarden Dollar. "Bei aller Euphorie scheint mir eine solche Bewertung beinahe irrsinnig", sagt Hendrik Brandis, Managing Partner beim Wagnisfinanzierer Earlybird. "Facebook müsste mehrere Milliarden Dollar Gewinn machen, um einen Marktwert von 100 Milliarden Dollar nachhaltig zu rechtfertigen." Zwar scheint Facebook bestens positioniert.

So nutzen 800 Millionen Menschen weltweit seine Dienste, allein in Deutschland gewann Facebook seit Jahresbeginn im Schnitt 22.000 neue Nutzer pro Tag hinzu. Doch auch beste Ausgangslagen sind im Internet schnell verspielt. Ein verpasster Trend, eine falsche Entscheidung – die Folgen können fatal sein.

Beispiele dafür sind Google-Vorgänger Yahoo oder das Netzwerk MySpace. Und die Konkurrenz schläft nicht: Google startete erst kürzlich seinen Angriff auf Facebook und führte das Netzwerk Google + ein, das dem Bedürfnis nach Datenschutz und Privatsphäre in den Augen vieler Internetnutzer auf Anhieb näher kam als der Widersacher, der sich bisher alle Zugeständnisse nur mühsam abringen ließ. Und auch der Börsengang selbst birgt Gefahren für die Entwicklung des Unternehmens.

Trifft Gründer und Haupteigner Zuckerberg die Entscheidungen über sein "Baby" bisher weitgehend selbst, so könnte künftigen Anteilseignern der schnelle Dollar wichtiger sein als eine strategisch getroffene Entscheidung, die ihren Nutzen erst im Lauf der Zeit erkennen lässt.

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