Investoren

Das fragile Nervenkostüm der Börsianer

Verhaltensforscher haben das Verhalten der Anleger an der Börse und den Hochfrequenzhandel analysiert. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Verzweifelte Anleger, rasante Abwärtsspiralen, abstürzende Kurse: An den hochnervösen Börsen entscheiden auch menschliche Emotionen, gerade die negativen. "Und die Ansteckung mit Angst passiert im heutigen Handel eindeutig schneller als früher", sagt Martin Weber, Professor auf dem Gebiet der finanzwissenschaftlichen Verhaltensforschung. Einen Grund für Kettenreaktionen sieht er darin, "dass Informationen immer schneller verfügbar sind und superschnell verarbeitet werden – das ist faszinierend."

Die "Behavioral Finance" erforscht, was den modernen Hochfrequenzhandel stark bewegt : Welche Aktionen stecken hinter blitzschnellen Handelsprogrammen, die so schnell kaufen und verkaufen, wie es kein Mensch je schaffen würde? Und was bewegen die menschlichen Akteure mit ihrem Wissen und ihrem Halbwissen, ihren Hoffnungen und Ängsten? "Ich bin sicher, dass letztlich noch immer menschliche Entscheidungen den Ausschlag geben", sagt Weber. Auch hinter den größten Investmentfonds steckten Menschen.

Doch denen bleibt für den kleinen oder ganz großen Deal immer weniger Zeit. "Früher standen Neuigkeiten am nächsten Tag in der Zeitung – heute schauen selbst Privatanleger ständig auf die News-Ticker, alles geht immer schneller." Dies könne leicht dazu führen, dass Übertreibungen entstehen, "weil einfach zu spontan und zu stark reagiert wird".

Menschen handeln nur begrenzt rational

Was leitet Fonds-Manager – sind es rationale Entscheidungen auf der Grundlage von Zahlen und Fakten, oder gehen Emotionen mit ihnen durch? "Es gibt einen großen Irrtum: Man denkt immer, dass Marktteilnehmer kaufen und verkaufen ausschließlich auf der Grundlage ökonomischer Veränderungen", erklärt Joachim Goldberg, Finanzmarktanalyst und Börsenpsychologe. Dies sei aber, wenn überhaupt, nur beim allerersten Aktienkauf der Fall: "Denn wir wissen, dass sich Menschen nur begrenzt rational verhalten.

Haben sie den Markt erst einmal betreten, richten sie sich fast nur noch nach Gewinnen und Verlusten." In der Fachsprache ausgedrückt sind Marktteilnehmer "verlustavers": "Im Misserfolg neigen sie zu selektiver Wahrnehmung und zu Passivität. Sie handeln langsam oder gar nicht, wie es auch die Politik in der Euro-Schuldenkrise getan hat. Erst durch das Abwarten und Lavieren sind die Kosten der Krise immer größer geworden." Für Goldberg eine typische Beobachtung: "Menschen vermeiden es, Verluste zu realisieren, was dazu führt, dass ihr Minus immer größer werden kann." Hinzu komme, dass die meisten Menschen Verluste etwa zwei bis zweieinhalb Mal so stark wie Gewinne in gleicher Höhe wahrnähmen: "Gewinne werden zu früh abgegeben und Verluste laufen gelassen."

Anleger gewöhnen sich an Verluste

Andererseits sorgen Gewöhnungseffekte dafür, dass sich Menschen relativ schnell an neue Realitäten anpassen. "Was ein Gewinn und was ein Verlust ist, hängt nach einem Börsen-Auf-und-Ab nicht mehr notwendigerweise von meinem Einstiegspreis ab, sondern von meinem wahrgenommenen Einstiegspreis." Irgendwann gewöhne sich der Anleger an seine Verluste genauso wie an andere negative Nachrichten – dann reiche schon ein kleiner Hoffnungsschimmer, damit es wieder aufwärts geht.

Ihre begrenzte Rationalität räumen Investoren in Befragungen sogar ein, wie Forscher Martin Weber berichtet. "Sie antworten dann: Ich entscheide rational, nehme aber die Emotionen der anderen zur Kenntnis." Oder: "Ich höre auch auf mein Bauchgefühl." Auf jeden Fall, so Weber, sei viel Psychologie dabei.

Auch Ängste werden mit eingepreist

Ändert sich der Gemütszustand – in der Theorie der "Frame of mind" – eines Anlegers, würden ähnliche Informationen plötzlich nicht mehr positiv oder neutral, sondern negativ interpretiert. Mit einem Mal sei das Glas nicht mehr halb voll, sondern fast leer: "Denken Sie an die Entstehung der Schuldenkrise: Die Griechen waren auch vor zwei Jahren schon nahe an der Pleite. Doch erst später wurden ganz ähnliche oder leicht schlechtere Daten negativ interpretiert."

Wie sollte sich der Anleger in einer losgaloppierenden Herde verhalten? "Natürlich kann es für den einzelnen besser sein, mit der Herde zu galoppieren", erklärt Weber. Denn auch wenn jemand sicher wisse, dass es eigentlich gute Gründe für einen Kurssprung gebe, "aber niemand kauft und der Kurs steigt einfach nicht – dann nützt ihm das gar nichts". Dann bleibe dem Händler nichts anderes übrig, als sich auf den Markt einzulassen und zu akzeptieren, "dass der aktuelle Preis einer Aktie wohl doch das Beste ist: Der berücksichtigt eben auch die Ängste der Anderen".