Schneeballsystem

Deutsche Anleger um 100 Millionen Euro betrogen

Opfer wurden mit falschen Renditeversprechen um rund 100 Millionen Euro geprellt. Bei einer Großrazzia wurden drei Deutsche festgenommen.

Foto: picture alliance / dpa

Damit hatte Ralf Möllmann nun wirklich nicht gerechnet. Bei der Suche nach Geschädigten in einem Fall von möglichem Anlagebetrug musste sich der für Wirtschaftskriminalität zuständige Oberstaatsanwalt aus Düsseldorf böse Worte von vermeintlichen Opfern anhören.

Er störe mit seinen Nachforschungen die günstige Geldanlage, wurde dem Ermittler von einigen der angesprochenen Investoren vorgeworfen. Rund drei Jahre ist das mittlerweile her. Und Möllmann kann es noch immer nicht glauben. Zumal sich der Fall mittlerweile zu einem richtig großen Betrugsverfahren weiterentwickelt hat.

Bis zu 4000 Anleger sollen mit Anteilen der New Yorker Firma Business Capital Investors (BCI) um rund 100 Millionen Euro geprellt worden sein. Drei mutmaßliche Betrüger aus Deutschland wurden bereits verhaftet. Und es könnte weitere Festnahmen geben.

Zwar will Möllmann mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht konkret werden. Es sei aber nicht auszuschließen, dass sich die Zahl der Beschuldigten noch erhöht, sagte der Oberstaatsanwalt "Welt Onine". Gemeinsam mit dem Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen hat seine Behörde kartonweise Beweismaterial gesammelt.

Papiere in betrügerischer Absicht verkauft

Aufgrund dessen werden die mutmaßlichen Betrüger verdächtigt, Anleger zu Investitionen in ein dubioses Schneeballsystem verleitet zu haben. Deutschen, die auf der Suche nach attraktiven Geldanlagemöglichkeiten waren, sollen Finanzberater "in betrügerischer Absicht" Beteiligungen an BCI verkauft und dabei Renditen in Höhe von 15,5 Prozent in Aussicht gestellt haben.

Tatsächlich aber dürfte das eingesetzte Geld verloren sein. "Wir haben bis jetzt keine renditeträchtige Geschäftstätigkeit dieses Unternehmens feststellen können", sagt Oberstaatsanwalt Möllmann. Er gehe davon aus, dass wesentliche Teile des Geldes nicht mehr vorhanden sind. Denn den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zufolge sind die Erträge neuer Anleger in einer Art Schneeballsystem aus den Einzahlungen neuer Investoren finanziert worden.

Erste Indizien dafür liegen offenbar schon länger vor. Die Stiftung Warentest jedenfalls hatte bereits im Jahr 2005 vor BCI gewarnt und das Unternehmen auf seiner Warnliste geführt. Damals hatte die Finanzaufsicht BaFin einem Finanzberater das Verkaufen von BCI-Beteiligungen untersagt.

Einem Aachener Rechtsanwalt wiederum wurde verboten, Anlegergeld für die BCI als Treuhänder anzunehmen. Richtig in Bewegung kam der Fall dennoch erst 2009. Schweizer Ermittler hatten damals ein sogenanntes Strafverfolgungsübernahmeersuchen gestellt, weil die Beschuldigten aus Deutschland stammen.

Länderübergreifende Razzia

In dieser Woche nun gab es eine Großrazzia, bei der 116 Ermittler des LKA und sieben Staatsanwälte insgesamt 13 Wohnungen und Büroräume in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen und Hessen durchsucht haben. Zeitgleich waren auch Fahnder in der Schweiz und in Kanada sowie in Litauen und Spanien aktiv. Verhaftet wurden dabei drei Deutsche im Alter von 50, 64 und 66 Jahren. Aufgespürt wurden sie in Oldenburg, im Raum Köln sowie im Ausland.

Für die Geschädigten hat das LKA in Düsseldorf eine Hotline eingerichtet. Und die wird nach Aussage einer Behördensprecherin stark frequentiert. Zwar gebe es regelmäßig Betrugsfälle mit Schneeballsystemen. Der aktuelle sei aber ein nicht unerheblich großer. Das zeigen auch die Vergleichszahlen für NRW. Immerhin entspricht die prognostizierte Schadenssumme von 100 Mio. Euro allein fast einem Drittel des Gesamtschadens aus dem Vorjahr im Bereich Wirtschaftskriminalität mit Anlagen und Finanzierungen.