Herbstrallye

Aktienkurse steigen, als gäbe es keine Probleme

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Frank Stocker

Foto: Infografik WELT ONLINE

Die Firmenberichte zum dritten Quartal werden schlecht ausfallen – und doch dürften die Aktienkurse steigen. Für diese Entwicklung gibt es starke Argumente.

Viel war zuletzt von Eile die Rede. Die europäischen Banken müssten so schnell wie möglich rekapitalisiert werden, heißt es seit Tagen. Komme nicht bald eine Lösung, drohe ein neuer Crash an den Märkten. Das Vertrauen schwinde von Tag zu Tag. Dennoch wollen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy bis Ende des Monats Zeit lassen , wie sie am Wochenende verkündeten. Noch mindestens drei Wochen, bis die Welt erfährt, wie sie sich eine Lösung der Probleme vorstellen.

Doch die Aktienkurse steigen, als gäbe es keine Probleme mehr, keine Angst um Griechenland, um Europas Banken, um den Euro. Beschwingt hüpfte der deutsche Aktienindex (Dax) am Montag über die Marke von 5700 Punkten , und auch die amerikanischen Börsen starteten positiv. Der Euro-Kurs stieg parallel wieder über 1,36 Dollar. Es scheint, als hätten die Anleger ihren Blick plötzlich abgewendet vom alten Kontinent. Als hätten sie jetzt andere Interessen.

Und das ist durchaus der Fall. „Mit dem Beginn der Berichtssaison für das dritte Quartal müssen sich makroökonomische Daten das Rampenlicht teilen“, sagt Patrick Legland, Stratege bei der Société Générale. Am Dienstagabend wird der amerikanische Aluminiumhersteller Alcoa den Reigen der Bilanzpräsentationen einläuten. In den zwei Wochen danach werden auf die Anleger Tag für Tag Umsatz- und Gewinnzahlen aus den großen US-Konzernen einprasseln. Die europäischen Firmen legen erst rund zwei Wochen später los.

Die Berichte werden nicht besonders gut ausfallen, so viel steht fest. Denn die Arbeitslosigkeit in den USA verharrt bei rund neun Prozent, die Haushaltseinkommen sind zuletzt zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder gesunken, die Konsumausgaben stagnieren folglich und die Gesamtwirtschaft dürfte in diesem Jahr gerade noch um magere 1,6 Prozent wachsen, möglicherweise ist sie inzwischen sogar schon in eine Rezession abgerutscht. Vor diesem Hintergrund dürften auch die Gewinne der Firmen kaum noch steigen – wenn überhaupt.

Der Großteil der Investoren ist folglich auch pessimistisch. Eine Umfrage der Citibank unter 110 professionellen Anlegern, die in den vergangenen Tagen durchgeführt wurde, zeigt das klar. Für das laufende Jahr erwartet fast die Hälfte der Befragten zwar noch Gewinnsteigerungen der Konzerne, die zwischen 11 und 15 Prozent liegen dürften. Doch hier sind die recht hohen Profite aus der ersten Jahreshälfte bereits eingerechnet. Fragt man die Profis nach ihren Erwartungen für das kommende Jahr, wird deutlicher, wie angespannt die Lage ihrer Meinung nach ist. Fast ein Drittel rechnet dann mit keinerlei Gewinnsteigerungen mehr bzw. sogar mit Gewinnrückgängen. Der Rest gesteht den Firmen allenfalls noch Zuwächse zwischen einem und zehn Prozent zu.

Doch, so absurd es auf den ersten Blick aussehen mag, den Aktienkursen wird dies in den kommenden Wochen wohl nicht allzu viel ausmachen. Im Gegenteil – sie könnten sogar zu einer kleinen Herbstrallye ansetzen. Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Landesbank Hessen-Thüringen, sieht das jedenfalls so. „Zwar werden die Ausblicke der Unternehmen vermutlich spürbar vorsichtiger ausfallen“, sagt er. „Extremszenarien, wie sie im Zuge des Kursrutsches gehandelt wurden, sind aus heutiger Sicht jedoch nicht zu erwarten.“ Und genau dies dürfte die Kurse beflügeln.

Denn in den vergangenen Wochen sind die Kurse bereits stark gefallen, in Erwartung deutlich schlechterer Erträge der Unternehmen. Dies ist ganz normal, denn die Börsen nehmen solche Entwicklungen stets vorweg – das war auch in der Vergangenheit stets so. So fielen in Phasen fallender Unternehmensgewinne die Kurse nie dann am stärksten, wenn die Firmen diese Nachrichten bekannt gaben. Vielmehr fielen die Kurse immer außerhalb dieser Phase, also schon einige Wochen vor Beginn der Bilanzsaison.

Dies war auch diesmal so, in den Monaten August und September, mit dem Ergebnis, dass derzeit in den Aktienkursen schon jede Menge schlechter Nachrichten eingepreist sind. Parallel dazu haben auch die Analysten ihre Prognosen für die Gewinnentwicklung der Firmen bereits deutlich nach unten angepasst. Kurz: Die Marktteilnehmer erwarten eine total verhagelte Bilanzsaison. Wenn diese nun jedoch nicht ganz so schlecht ausfällt wie befürchtet, wenn vielleicht der ein oder andere Konzern sich sogar robust zeigt, so wird dies die Stimmung aufhellen und kann die Kurse beflügeln. „Es bestehen berechtigte Hoffnungen auf ein versöhnliches Jahresschlussquartal“, sagt Markus Reinwand daher.

Hinzu kommen noch einige Indizien, die für ein starkes viertes Börsenquartal sprechen. Da ist zum einen die Historie. So konnten die amerikanischen Börsen in den letzten drei Monaten eines Jahres seit 1965 im Durchschnitt jeweils die größten Gewinne verzeichnen. „Nach zweistelligen Verlusten im dritten Quartal konnten die US-Indizes sogar stets zulegen.“, so Reinwand. Und das letzte Quartal war von hohen, deutlich zweistelligen Verlusten geprägt.

Helmut Knestel, Portfoliomanager beim Finanzdienstleister Gecam, weist noch auf einen weiteren Punkt hin. „Positiv überraschen könnten die Ausblicke der Industrieunternehmen“, sagt er, „denn zum einen stellen günstigere Rohstoffkosten eine nicht unerhebliche Entlastung dar und zum anderen sind die Auftragsbücher der Unternehmen nach wie vor gut gefüllt.“ So ist allein der Kupferpreis seit Anfang September um 20 Prozent abgestürzt, auch der Rohölpreis ist deutlich zurückgegangen. Das kommt amerikanischen Firmen noch mehr zugute als europäischen, da die Notierungen der Rohstoffe stets in Dollar erfolgen, der Kurs der US-Währung zuletzt aber deutlich gestiegen ist .

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