Wirtschaftsforscher

Riestern bringt oft nicht mehr als ein Sparstrumpf

Top-Ökonomen haben die Riester-Rente auf den Prüfstand gestellt. Ihre Ergebnisse schockieren die Sparer und verärgern die Versicherungen.

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Zehn Jahre nach ihrer Einführung wird die Kritik an der Riester-Rente immer lauter. Nach Ansicht der Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Riester-Rente für viele Sparer ein schlechtes Geschäft.

„Die Riester-Produkte haben sich seit der Einführung zuungunsten der Sparer entwickelt“, sagte die Expertin für Verbraucherpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Kornelia Hagen. „Riestern“ sei oft nicht besser, als das Geld in den Sparstrumpf zu stecken. Die Versicherungswirtschaft wies die Berechnungen mit scharfen Worten zurück.

Im Mittelpunkt der Vorwürfe des DIW steht, dass die Versicherungen mit einer sehr hohen Lebenserwartung der Kunden kalkulierten. Eine 35-Jährige Frau, die 2001 einen Riestervertrag abgeschlossen hat und bis zum 67. Lebensjahr Beiträge zahlt, müsse mindestens 78 Jahre alt werden, um zumindest wieder das herauszubekommen, was sie eingezahlt hat plus der staatlichen Förderung, heißt es in der Untersuchung. Bei einem Single belaufen sich die staatlichen Zulagen aktuell auf 154 Euro im Jahr.

Um auf eine Rendite von 2,5 Prozent zu kommen, muss die Frau den Berechnungen zufolge schon 90 Jahre leben. Unerreichbare 128 Jahre – und damit mehr als 40 Jahre Rentenzahlungen – sind notwendig, um die eingezahlten Beiträge am Ende mit fünf Prozent verzinst zu haben.

Erwirtschaftet der Versicherer Überschüsse, an denen Sparer beteiligt werden müssen, ändert sich das Bild zugunsten der Sparer. Dann reichen in dem Beispiel auch schon 82 und 92 Jahre, um in den Genuss einer Verzinsung zu kommen.

Vor einigen Jahren wurde die Verteilung der Überschüsse allerdings zu Gunsten der Versicherer verändert. Seitdem können die Policenanbieter einen größeren Teil des Geldes behalten, das sie wegen eines relativ frühen Todes eines Versicherten nicht auszahlen müssen. Früher mussten mindestens 90 Prozent davon in einen Topf kommen, aus dem die übrigen Versicherten bedient wurden, heute sind es nur 75 Prozent.

Zudem ist der Anteil des Geldes, der zu Rentenbeginn für den Fall eines besonders langen Lebens des Versicherten zurückgelegt wird, deutlich gestiegen. Hintergrund ist, dass die Versicherungen den Fall absichern müssen, dass ein Riester-Sparer älter als 85 Jahre alt wird.

Versicherer kalkulieren mit langer Lebenserwartung

Eine Beispielrechnung des DIW zeigt, dass für einen 35 Jahre alten Mann, der 2001 einen Riester-Vertrag abschloss, 12,7 Prozent des eingezahlten Kapitals für diesen Fall zurückgelegt wurde. 2011 wären es bereits 33,2 Prozent, auch weil die Beiträge für Frauen und Männer mittlerweile vereinheitlicht wurden.

Stichwort: Unisextarife . Je mehr Geld für das Risiko der Langlebigkeit zurückgelegt wird, desto niedriger fallen die monatlichen Rentenzahlungen aus. „Die Lebensversicherer kalkulieren dabei mit sehr hohen Lebenserwartungen“, so Wissenschaftlerin Hagen. Dass sich die Situation verschlechtert habe, liege zudem an der Absenkung des Garantiezinses von 3,25 Prozent auf aktuell 2,25 Prozent.

Die verschlechterten Bedingungen führen die Autoren auch auf den „zunehmenden Willen und die zunehmende Kreativität“ der Versicherungsunternehmen zurück, den gesetzlichen Rahmen auszureizen. Trotz der enttäuschenden Bilanz raten sie von Schnellschüssen ab. „Man kann nicht sagen, dass es sich um eine gute Anlage handelt, wahrscheinlich ist sie aber sicherer als irgendwelche spekulativen Anlagen“, so Hagen.

Angesichts der Mängel im System der Riester-Rente fordert das DIW, vor allem die Transparenz und Vergleichbarkeit der Riester-Verträge zu erhöhen, etwa durch standardisierte Kosteninformationen, eine inhaltlich bewertende Zertifizierung der Riester-Produkte und nachvollziehbare Kalkulationsgrundlagen.

Die Versicherungswirtschaft reagierte harsch: „Die DIW-Bilanz, Riester-Produkte rentierten sich nicht, ist falsch“, hieß es in einer Stellungnahme. Die Behauptung, Riester-Renten lohnten sich oft nicht mehr als ein ‚Sparstrumpf‘, berücksichtige nur die anfangs zugesagten Mindestleistungen. Damit werde unterstellt, dass die Versicherungswirtschaft nie Überschüsse erwirtschaftet.

„Richtig ist, dass sich für die allermeisten Bürger, insbesondere Geringverdiener und Familien, keine Vorsorge so gut rechnet wie die Riester-Rente.“ Auch Namensgeber Walter Riester (SPD) wies den Vorwurf einer zu geringen Rendite zurück. Dass heute so geringe Beträge ausgezahlt würden, liege an der kurzen Ansparphase und den vergleichsweise kleinen Beträgen, die Riester-Sparer in den ersten Jahren einzahlen mussten.