Fonds

Anleger ziehen Milliarden aus Schwellenländern ab

Investoren verkaufen Fonds aus Schwellenländern wie seit der Lehman-Pleite nicht mehr. Die frei werdenden Dollar fließen in "sichere Häfen".

Foto: Infografik WELT ONLINE

Anleger haben sich in den vergangenen zwei Wochen scharenweise aus Schwellenländern zurückgezogen. Seit Mitte September verkauften sie Fondsanteile im Wert von mehr als fünf Mrd. Dollar aus Ländern wie Mexiko, Russland, Brasilien, Thailand oder Indonesien. Eine solche Flucht in Milliardenhöhe gab es zuletzt im Herbst 2008 kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Der Verkaufsdruck belastet auch die Wertentwicklung der Publikumsfonds, deren Manager gezwungen sind, sich von Anleihen zu trennen, um die Anleger auszahlen. Einer der größten auf Schwellenländer spezialisierten Staatsanleihefonds, der Julius Baer Local Emerging Bond Fund, büßte in den vergangenen vier Wochen mehr als zehn Prozent ein.

Dabei hatten noch im Frühjahr alle Experten von Anlagen in Staatsanleihen der vermeintlich weniger entwickelten Länder in Südamerika oder auch Asien geschwärmt: deutlich stärkeres Wirtschaftswachstum als in den westlichen Industrienationen, dazu eine stetig sinkende Staatsverschuldung. Viele dieser Länder blieben schließlich von der Finanzkrise verschont, sie mussten keine Banken mit Milliarden-Steuergeldern zur Hilfe eilen.

Die Schuldenquote dort sank in den vergangenen Jahren auf unter 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, während sie im Westen über die 100-Prozent-Marke sprang. Entsprechend liehen immer mehr Menschen den Schwellenländern Geld. Die Fonds erlebten eine nie dagewesene Nachfrage. Allein zwischen Frühjahr 2008 und September 2011 verzwanzigfachte sich das Volumen. Die bange Frage lautet: War alles nur eine Blase, die nun geplatzt ist?

Dem widerspricht Michael Mewes, Leiter des Anleiheteams bei JP Morgan Asset Management, entschieden: „An der fundamentalen Langfristgeschichte der Schwellenländer hat sich nichts geändert.“ Der Fonds seines Hauses verlor innerhalb eines Monats mehr als sechs Prozent an Wert. Mewes bewertet die Abkehr von den Schwellenländern erneut nur als kurzfristiges Phänomen, ähnlich der Entwicklung vor drei Jahren.

Die Ursache liege nicht in den Schwellenländern, sondern in der mangelnden Liquidität anderer Anlageklassen. „Staatsanleihen von Peripherieländern in Europa oder von Papieren der großen Banken werden derzeit kaum noch gehandelt“, sagt Mewes. Wenn ein Anleger Geld brauchte, boten sich zuletzt dagegen vor allem Währungen und Anleihen der Schwellenländer an, da diese noch relativ schnell verkauft werden konnten. So wurde das Risiko in den Portfolien reduziert.

Hinzu kommt eine immer wieder zu beobachtende Bewegung in Krisenzeiten: Kapital fließt in die Sicherheit der jeweiligen Heimathäfen zurück. Dies trifft vor allem für die USA zu. Die negative Entwicklung bei den Schwellenländerfonds läuft parallel zur Aufwertung des US-Dollar der vergangenen Wochen – nicht nur gegenüber dem Euro, sondern vor allem auch gegenüber vielen Währungen in den Emerging Markets.

Dies brachte einige Investoren zusätzlich in Bedrängnis. „Viele Schwellenländer-Anlagen werden durch Ausleihungen von US-Dollar finanziert“, sagt Mikio Kumada, Chefstratege von LGT Capital Management. Wenn der Dollar im Wert steige, könne dies zu weiteren hastigen Schließungen „gehebelter“, sprich kreditfinanzierter Positionen in den Portfolien führen, bevor die Rückzahlung des Kredits immer teurer wird.

Die volkswirtschaftlichen Daten sprechen ganz grundsätzlich weiterhin für Schwellenländer. Bislang schwächt sich in vielen dieser Regionen die Konjunktur nur ein wenig ab. „Falls die westliche Hemisphäre in eine tiefer als erwartete Rezession hineinschlittert, können sich aber auch die Bedingungen in den ‚Wachstumsmärkten' erheblich verschlechtern“, sagt Kumada. Wirksame Konjunkturprogramme ließen sich dort dieses Mal nicht so einfach umsetzen. So habe China die heimische Kreditvergabe in den vergangenen drei Jahren bereits massiv ausgeweitet. Gegen eine weitere Expansion arbeitet Peking aus Sorge um eine zu hohe Inflation bereits an.

Schwellenländer-Bonds niedrig bewertet

Festzuhalten bleibt, dass viele Staatsanleihen von Schwellenländern derzeit zu niedrig bewertet sind – oder die der klassischen Industrienationen, beispielsweise der Vereinigten Staaten viel zu hoch. Entsprechend umgekehrt verhält es sich mit den Renditen. So lagen die durchschnittlichen Renditen von Schwellenländeranleihen vor drei Jahren lediglich 1,5 Prozentpunkte über denen amerikanischer Staatsanleihen, heute sind es 4,4 Prozentpunkte. „Und das, obwohl sich die Bonität der Schwellenländer in dieser Zeit verbessert, die der USA verschlechtert hat“, sagt Mewes.

Der Fondsmanager geht deshalb davon aus, dass sich die Bewertungen wieder anpassen und Schwellenländeranleihen im Wert steigen. „2008 waren Schwellenländeranleihen die ersten, die wieder drehten, deutlich vor den Aktienmärkten.“ Eine Prognose zum Zeitpunkt wagt er nicht. Vieles wird davon abhängen, wie sich die Schuldenkrise in Europa weiter entwickelt – und wie stark dabei Banken in Schwierigkeiten geraten.