Anleihen-Märkte

Der Euro-Rettungsschirm ist fast schon Ramsch

Die Rating-Agenturen geben noch 13 Nationen die Bestnote AAA – Deutschland ist dabei die Referenz. Für den Rettungsfonds sieht es hingegen schlecht aus.

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Hayek gegen Keynes, der Heilige der freien Marktwirtschaft gegen den Propheten der gezielten Staatsintervention. Wer von beiden hat recht? In intellektuellen Zirkeln wird diese Debatte derzeit so verbissen geführt wie nie. Und nicht nur dort: Fernsehsender heben Talkshows ins Programm, die Regale der Buchhandlungen sind voller Titel zu dem Thema. Durch die Schuldenkrise ist die Hayek-Keynes-Frage ebenso unerwartet wie heftig in die Lebenswirklichkeit der Menschen eingebrochen. Die Krise, soviel kristallisiert sich heraus, ruft nach einem radikalen Umdenken.

Auch bei Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzen geht es heiß her. Befürworter der einen wie der anderen Seite schenken sich nichts. Die Hayek-Keynes-Debatte hat auch für Anleger eine sehr konkrete Dimension: Senden die Kapitalmärkte die richtigen Signale oder handelt es sich um Zerrbilder der Wirklichkeit, die schnellstens staatlicher Korrektur bedürfen?

Ob man der einen oder der anderen Position zuneigt, bestimmt letztlich die Anlage-Entscheidung. Das gilt für Private, die ein paar Tausend Euro unterzubringen haben, ebenso wie für professionelle Investoren mit ihren milliardenschweren Positionen.

Das Paradebeispiel für den Widerstreit sind die Rentenmärkte. Hält man die derzeitigen Börsen für neurotisch und traut man der Politik zu, dass sie mit Eingriffen eine Heilung herbeiführen kann, dann lassen sich bei Anleihen derzeit jede Menge Schnäppchen machen.

Märkte geben EFSF bestenfalls BBB-

Da ist etwa die Platzierung der Europäischen Finanzmarktstabilisierungsfazilität, kurz EFSF , vom Montag. Obwohl die größten europäischen Volkswirtschaften hinter diesem als Euro-Rettungsfonds bekannten Emittenten stehen, wirft sein 10-jähriges Papier 3,61 Prozent Rendite ab. Das ist doppelt so viel wie eine Bundesanleihe gleicher Laufzeit hergibt. Deutsche Staatstitel gelten als die sichersten aller großen Länder auf dem Kontinent und sind daher besonders niedrig verzinst. Die EFSF-Anleihe rentiert aber sogar um 0,53 Prozentpunkte über französischen Staatstiteln.

Das Verblüffende daran: Bei allen drei Emittenten, also sowohl beim EFSF als auch bei der Bundesrepublik Deutschland und bei Frankreich, wird das Ausfallrisiko als nahe null eingeschätzt. Sie alle haben bei den Rating-Agenturen die beste Bonitätsnote AAA (Dreifach-A, englisch Triple-A). Die Märkte indes signalisieren etwas anderes: Danach kommt die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft Frankreich nur noch mit Ach und Krach auf eine A-Bewertung und könnte schon bald in die B-Liga rutschen. Der Hilfsfonds EFSF verdient aus Sicht der Marktteilnehmer allenfalls ein BBB-, die letzte Stufe im Investment-Grade-Bereich. Gleich darunter beginnt schon das Schrott-Niveau.

Hat der Markt denn Recht?

Hayek würde dem Markt recht geben und unterstellen, dass die Rating-Noten falsch sind. In seinem Denken fungiert der Markt als „Entdeckungsverfahren“: Tausende oder gar Millionen von Akteuren mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen kommen zu einer besseren Einschätzung als individuelle Entscheider wie Bonitäts-Analytiker oder Politiker. Preissignale sind für Hayek sakrosankt. Interventionen führen zu nichts außer Verzerrungen und Wohlstandsverlust. Seiner Philosophie zufolge sind Eingriffe auch nicht nötig, auf kurz oder lang finden die Märkte von selbst zum Gleichgewicht zurück.

Keynes würde aufs Heftigste widersprechen. Seiner Einschätzung zufolge kann es unter zu ökonomischen Krisen kommen, in denen die Märkte in eine Abwärtsspirale geraten. Die Misere, die mit einem solchen Marktversagen einhergeht, kann unsägliches Elend über die Menschen bringen. Daher muss der Staat gelegentlich eingreifen, um die Abwärtsspirale zu durchbrechen. Der Staat, das sind in dem Fall nicht nur die Regierungen, dazu zählen auch die Notenbanken. Dieser Akteur der Akteure sollte Ordnung schaffen an den Kapitalmärkten, sagen die Keynesianer. So prekär wie die Lage ist, dürften sie damit allerdings nicht mehr allzu lange warten.

Besonders kritisch steht es aktuell um die Anleihen von Italien. Die drittgrößte Ökonomie der Euro-Zone ist zwar beileibe kein Dreifach-A-Schuldner, aber nach Meinung von Ökonomen wie zum Beispiel Erik Nielsen von UniCredit stellt es keineswegs einen hoffnungslosen Fall dar. Er vergleicht den Stiefel-Staat mit dem Vereinigten Königreich, das zwar keine so hohe Schuldenquote hat, dafür jedoch eine hohe Inflation. Großbritannien zahlt nur 2,3 Prozent Zins auf seine 10-jährigen Anleihen. Von Italien wurden am Dienstag 6,7 Prozent verlangt.

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Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan .

Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick .