Teure Systemrelevanz

Anlegern bei Großbanken drohen niedrige Dividenden

Die Politik segnet eine Liste mit Bankaktien ab, die sicherer sind als andere. Doch diese Sicherheit geht erheblich zu Lasten der Aktionäre.

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Jetzt machen die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer ernst. Um eine zweite Jahrhundertpleite wie die der Investmentbank Lehman Brothers zu verhindern, haben sie bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen im französischen Cannes eine Liste mit 29 Großbanken abgesegnet , die so groß und vor allem weltweit vernetzt sind, dass sie einfach nicht zusammenbrechen dürfen.

Für die wahrlich leidgeplagten Bankaktionäre klingt dies verlockend: Wenn ein Kollaps des globalen Finanzsystems vermieden werden soll, muss also die Existenz dieser 29 Adressen auf Dauer gesichert werden. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Anleger zumindest einen Teil seines Einsatzes zurückbekommt, ist bei diesen Instituten sicherlich höher, als bei den anderen“, sagt Konrad Becker, Bankenexperte des Münchner Vermögensverwalters Merck Finck.

Becker möchte zwar nicht ausschließen, dass auch ein solches Institut Pleite geht. „Doch das Risiko, dass keine Rettungsaktion eingeleitet wird, ist gering.“ Zur Not werden auch in Zukunft wohl viele Milliarden an Steuergeldern eingesetzt. Auch Fondsmanager Helmut Hipper von der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment sieht Vorteile für die Mitglieder des neuen Clubs der 29. „Alle Marktteilnehmer wissen nun, die Großbanken sind systemrelevant, die werden nicht verschwinden.“

Geht es nach den Staats- und Regierungschefs soll ein Trittbrettfahrerverhalten der Aktionäre allerdings verhindert werden. Die Zeiten, in denen die Anteilseigner ruhig abwarteten, bis die Politik zur Hilfe eilt, sollen der Vergangenheit angehören. Eigenverantwortung und Prävention sind zwei der Stichworte. Damit die Banken gar nicht erst in Schwierigkeiten geraten, müssen sich die 29 systemrelevanten Häuser einen größeren Risikopuffer als der Rest der Branche zulegen. Zusätzlich zu den geltenden Regeln wird ab dem Jahr 2016 schrittweise noch einmal zwischen einem und 2,5 Prozent mehr Eigenkapital verlangt. Welche Großbank bis spätestens 2019 wie viel mehr Kapital genau vorhalten muss, steht bislang noch nicht fest.

Systemrelevante Banken brauchen mehr Kapital

Das führt zu einem möglichen Nachteil, für alle jene, die Aktien von Banken der 29er-Liste haben: Der neue Zuschlag bedeutet, dass die systemrelevanten Banken in absehbarer Zeit unter Umständen zusätzliches Kapital in Milliardenhöhe aufnehmen müssen, also zusätzliche Aktien ausgeben. Dadurch sinkt in der Regel der Kurs der bereits gehandelten Aktien, in der Fachsprache spricht man von Verwässerung. Die Folgen mussten in diesem Jahr beispielsweise Commerzbank-Aktionäre kennenlernen.

Auch die zweite Möglichkeit der Kreditinstitute, sich ein Kapitalpolster aufzubauen, klingt zunächst nicht verlockend: Sie behalten Gewinne ein, schütten also keine Dividende aus. So oder so schmälert dieser Punkt die Rendite, was zu Lasten der Attraktivität der Aktien geht. „Aus meiner Sicht überwiegen allerdings auch aus Investorensicht die positiven Aspekte in Form der vermeintlich höheren Sicherheit“, sagt Merck-Finck-Mann Becker. Auch, weil es um die auch von Politik und Regulator angestrebten Langfristeffekte geht.

Stabilität spart den Banken Geld

Zumal die vermeintlich größere Stabilität nach Expertenmeinung den Großbanken auch Geld spart. „Die systemrelevanten Banken werden einen besseren Zugang zum Kapitalmarkt haben“, so Michael Dawson-Kropf, Leiter der deutschen Bankenanalyse bei der Ratingagentur Fitch. Das führe zu besseren Konditionen bei der Refinanzierung. Günstigeres Fremdkapital stünde also den erwartet höheren Eigenkapitalkosten gegenüber. Auch für Anleihenbesitzer ist dies ein wichtiger Aspekt.

Mehr Eigenkapital bedeutet mehr Stabilität, die Nachfrage nach Bankpapieren müsste steigen. Wobei allein der Platz auf der Liste zumindest bei den Ratingagenturen nicht direkt zu einem zusätzlichen Vertrauensvorschuss führt. „Fitch geht davon aus, dass es keine Auswirkungen auf das Rating einer Bank haben wird, nur weil diese mit auf der Liste der systemrelevanten Banken steht“, so Dawson-Kropf. Dieser Aspekt sei bereits vorher berücksichtigt gewesen.