Staatsanleihen

Deutschland zahlt so wenig Zinsen wie nie zuvor

Die Euro-Krise treibt Anleger in als sicher geltende deutsche Anleihen. Der Bund macht Schulden zum Nulltarif und spart damit ein Vermögen.

Des einen Leid, des anderen Freud: Während für die Euro-Peripherieländer die Kosten für die Schuldenaufnahme auf immer neue Höchststände klettern, spart Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aus demselben Grund viel Geld ein. Denn aus Angst vor einer möglichen Pleite von Euro-Staaten flüchten Investoren in sogenannte „sichere Häfen“. Und dazu zählen aus ihrer Sicht derzeit vor allem deutsche Staatsanleihen.

Der Bund kann sich daher fast zum Nulltarif neues Geld besorgen. 3,8 Milliarden Euro lieh sich der deutsche Staat am Montag. Zinsen musste er dafür kaum noch zahlen. Für die Papiere mit einer Laufzeit von sechs Monaten wird lediglich der Mini-Zinssatz von 0,08 Prozent fällig. Bei der Auktion vor einem Monat waren es noch 0,29 Prozent gewesen.

„Der Zinssatz lag damit so niedrig wie noch nie in diesem Segment“, teilte die Deutsche Finanzagentur mit. Der Bund hätte mehr als doppelt so viele Papiere absetzen können, so groß war das Interesse. „Das Ergebnis der Auktion belegt die hohe Nachfrage nach Papieren des Bundes in einem nervösen Marktumfeld“, so die Finanzagentur.

Die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik wird wegen vergleichsweise solider Staatsfinanzen von allen großen Ratingagenturen mit der Bestnote „AAA“ bewertet, womit ein Zahlungsausfall als höchst unwahrscheinlich gilt. Investoren sind für diese Sicherheit sogar bereit, real hohe Verluste einzufahren. Denn der läppische Zinssatz, den die deutschen Schuldtitel bieten, wird vollständig vernichtet durch die Inflationsrate. Die liegt im Euro-Raum aktuell bei drei Prozent.

Experten halten die extrem günstigen Refinanzierungskosten für den deutschen Staat nicht für gerechtfertigt. „Ich bin zwar schon lange Optimist für Bundesanleihen. Dass die Zinsen für zehn Jahre laufende Papiere allerdings auf unter zwei Prozent fallen würden, hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt Stefan Schilbe, Deutschland-Chefvolkswirt von HSBC Trinkhaus.

Deutschland könnte Milliarden an Zinskosten sparen

Seit Ende Oktober liegen die Zinsen für zehn Jahre laufende Schuldtitel unter dieser Marke. Das wirtschaftliche Umfeld rechtfertige solche niedrigen Zinsen nicht, sagt Schilbe. Der Ökonom rechnet dennoch nicht damit, dass die Zinsen bald signifikant steigen werden. „Sicher sind auch mal wieder 2,75 oder drei Prozent vorstellbar. Einen Anstieg auf vier Prozent erwarte ich auf absehbare Zeit aber nicht“, so Schilbe.

Wie viel der Bund dank der Niedrigzinsen spart, zeigt eine Berechnung der italienischen Großbank UniCredit für "Morgenpost Online“. Demnach liegt der durchschnittliche Zinssatz für fünf bis sechs Jahre laufende Schuldpapiere derzeit bei rund 0,9 Prozent. Im November 2009 – vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise – musste der Staat Anlegern noch 2,6 Prozent bieten. Verharrt der Zinssatz bis 2015 auf dem niedrigen Niveau, würde der Staat bis dahin im Vergleich mit dem Zinssatz vor Ausbruch der Schuldenkrise rund 44 Milliarden Euro an Zinskosten sparen.

Denn in den nächsten Jahren wird der Bund (zusammen mit dem Rest dieses Jahres) rund 720 Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen. Bei anderen Vergleichen macht der Staat relativ gesehen sogar noch einen größeren Reibach: Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag der Zinssatz für fünf bis sechs Jahre laufende Staatsanleihen bei 3,5 Prozent.

Bei der gleichen Rechnung wie im ersten Fall – die Zinsen bleiben bis 2015 auf dem derzeit außerordentlich niedrigen Niveau – spart der Staat im Vergleich zu dem Zinssatz von 3,5 Prozent sogar 66,5 Milliarden Euro ein. Noch größer wird das Plus um Staatssäckel, wenn die Volkswirte die aktuelle Niedrigzinsphase mit der Situation vor der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers vergleichen.

Im August 2008 musste der Staat im Schnitt 4,2 Prozent für die Aufnahme neuer Schulden zahlen. Im Vergleich dazu spart der Bund bis 2015 sogar 84 Mrd. Euro ein. Immer wieder heißt es deshalb, Deutschland sei der große Profiteur der Krise. UniCredit-Volkswirt Alexander Koch will das so nicht stehen lassen. „Gemessen an den Bürgschafen und den damit verbundenen Risiken, die der deutsche Steuerzahler im Zuge der Schuldenkrise übernommen hat, kann man sicher nicht vom deutschen Staat als Profiteur sprechen.“