Schuldenkrise in Europa

EZB senkt überraschend den Euro-Leitzins

Die erste Entscheidung der EZB unter ihrem neuen Chef, Mario Draghi, überrascht: Die Zentralbank senkt den Euro-Leitzins auf 1,25 Prozent.

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Die EZB hat unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi überraschend die Zinsen gesenkt. Der Rat der Europäischen Zentralbank verringerte bei seiner turnusmäßigen Sitzung, die erstmals unter dem Vorsitz des Italieners stattfand, den Leitzins auf 1,25 Prozent.

Die meisten Ökonomen hatten trotz der drohenden Rezession und der Staatsschuldenkrise vorerst keine Zinssenkung erwartet. Denn die Inflation im Euro-Raum liegt deutlich über dem Zielwert der Währungshüter von knapp unter 2 Prozent. Das spricht eher für höhere Zinsen.

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher – und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation. Die EZB hatte unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet wegen gestiegener Risiken für die Preisstabilität den wichtigsten Zins zur Versorgung der Geschäftsbanken im Euro-Raum mit Zentralbankgeld zuletzt zwei Schritten von 1,0 auf 1,5 Prozent angehoben. Als sich die Schuldenkrise verschärfte und am Konjunkturhimmel schwarze Wolken aufzogen, legten die Währungshüter in den vergangenen Monaten eine Zinspause ein.

Die überraschende Zinssenkung trieb die Kurse an den europäischen Aktienmärkten in die Höhe, belastete aber gleichzeitig den Euro. Der Dax weitete seine Gewinne bis auf 3,8 Prozent auf 6193 Punkte aus. Der EuroStoxx50 stieg um 3,4 Prozent. Kurz vor der Entscheidung hatte der Dax 2,3 Prozent und der EuroStoxx gut zwei Prozent im Plus gelegen.

Der Euro gab auf 1,3735 von knapp 1,38 Dollar nach, erholte sich im Verlauf aber wieder leicht. „Die Zinssenkung ist völlig überraschend. Das hätten viele der EZB nicht zugetraut“, erklärte Aktienstratege Heino Ruland von Ruland Research. Die Entscheidung hänge eindeutig mit der Entwicklung in Griechenland zusammen. „Das zeigt auch, dass die EZB unter Draghi einen erheblich pragmatischeren Kurs fahren wird“, fügte Ruland mit Blick auf den Amtsantritt des neuen EZB-Chefs hinzu. „Die EZB ist jetzt eher bereit, die nicht einfache Situation in der Euro-Zone zu stützen.“