Krisengipfel

Börsen feiern das Happy End für den Euro

Erleichterung in Europa: Der Kurs der Gemeinschaftswährung klettert wieder über 1,41 Dollar und der Dax steigt sogar um mehr als fünf Prozent.

Foto: dapd

Es war ein Film mit Überlänge. Das Publikum war schon kurz davor meuternd den Vorstellungssaal zu verlassen. Doch nun scheinen die Filmvorführer sie doch noch davon überzeugt zu haben, dass sich das Warten auf die Schlussszenen lohnt.

„Die Eurozone könnte auf dem Weg zu einem Happy End sein“, sagt Carsten Brzeski, Volkswirt bei der ING Bank als Reaktion auf den Brüsseler EU-Gipfel. Zwar werde es kein Happy End amerikanischen Stils werden, leicht verständlich und mit fulminantem Schlusspunkt. „Eher wie in einem französischen Kinofilm, wie man ihn auf Arte sehen kann: hoch kompliziert und mit viel Drama.“ Aber eben doch mit Happy End .

Die Börsen jedenfalls feierten die Ergebnisse des jüngsten Euro-Gipfels, der u.a. einen Schuldenschnitt für Griechenland, eine Rekapitalisierung der Banken und eine Erweiterung des Rettungsschirms EFSF vorsieht. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sprang gleich nach Öffnung des Handels gut 200 Punkte nach oben und kletterte im weiteren Verlauf des Tages immer weiter.

Am späten Nachmittag überstieg er sogar wieder 6300 Zähler und lag damit rund fünf Prozent im Plus gegenüber dem Vortag. Seit der ersten Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy vor rund drei Wochen, die Probleme der Eurozone bis Ende Oktober lösen zu wollen, haben deutsche Aktien damit sogar rund 20 Prozent zugelegt.

Aber auch der Euro erholte sich weiter, kletterte um mehr als zwei Cent und damit erstmals seit Anfang September wieder über 1,41 Dollar. Innerhalb von vier Wochen hat er damit rund zehn Cent gutgemacht.

Ein wesentlicher Grund für diesen Überschwang ist, dass die Regierungschefs im Wesentlichen das geliefert haben, was die Investoren von ihnen erwarteten. Dies zeigt der Vergleich einer Umfrage von Bank of America / Merrill Lynch unter Großanlegern mit den Beschlüssen von der Nacht zum Donnerstag.

Die Befragung hatte zwischen dem 19. und 21. Oktober stattgefunden und einige klare Erwartungen des Marktes gezeigt: Einen Schuldenschnitt für Griechenlands um 50 Prozent, eine Hebelung des Rettungsschirms um das vier- oder fünffache, eine Eigenkapitalquote für die Banken von neun Prozent. Exakt dies haben die Euro-Länder nun beschlossen.

Damit unterscheidet sich dieser Gipfel deutlich von den vorangegangenen. Denn bei früheren Gelegenheiten wurden jeweils nur Dinge beschlossen, die der Markt schon längst wieder als ungenügend erkannt hatte. Während beispielsweise im Juli ein Schuldenschnitt für Griechenland von 21 Prozent beschlossen wurde, war sich der Markt schon längst einig, dass es 50 Prozent sein müssten.

In Europa kehrt Realismus ein

Ein anderer Unterschied: Die Grundannahmen der Euro-Länder sind inzwischen wesentlich realistischer. Im Juli glaubte man, durch einen Schuldenschnitt um 21 Prozent die Schuldenquote Griechenlands bis 2020 auf 98 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken zu können. Nun rechnet man trotz eines Schuldennachlasses von 50 Prozent bis dahin nur noch mit einer Reduzierung der Quote auf 120 Prozent – einfach, weil man die Wachstumsraten für Griechenland gesenkt und damit realistischer gestaltet hat.

Es gibt also nun eine echte Chance, dass sich die Krise um den Euro beruhigt und die Finanzmärkte in ruhigeres Fahrwasser gelangen. Allerdings stehen in den kommenden Wochen noch drei weitere Prüfungen bevor. Erst wenn auch diese Hürden genommen werden, kann wirklich Entwarnung gegeben werden.

Schon in der kommenden Woche steht eine Entscheidung der Europäischen Zentralbank darüber an, ob sie trotz des erweiterten Rettungsschirms den Aufkauf von Staatsanleihen aus den Krisenländern fortsetzt. Die Märkte rechnen fest damit. Michala Marcussen von der Société Générale glaubt auch, dass die EZB am Ball bleibt. „Man sollte nur nicht erwarten, dass sie es explizit sagt.“

Italien soll Reformpaket vorlegen

Der zweite Test wird am 15. November erfolgen. An diesem Tag soll Italien laut EU-Beschlüssen sein neues Reformprogramm vorlegen. Das Land gilt inzwischen als entscheidend dafür, ob die Eurozone es schafft, aus den Negativschlagzeilen zu kommen – Griechenland ist für die meisten längst nicht mehr das wichtigste Thema. Rom muss dann endlich Maßnahmen ergreifen, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft zu verbessern. Tut es dies nicht, so kann sich die Krise erneut verschärfen, Italien würde unter den Rettungsschirm gezwungen und die Finanzmärkte dürften wieder eine Schwächephase durchleben.

Schließlich könnte die Stimmung an den Märkten aber auch durch Frankreich wieder getrübt werden. Die Ratingagenturen haben die Bonität des Landes bereits unter Beobachtung gestellt. „Wir gehen unverändert davon aus, dass die Top-Bonität nicht gehalten werden kann“, schreiben die Analysten der DZ-Bank in einer Reaktion auf die EU-Beschlüsse.

Kommt es jedoch tatsächlich zu einer Herabstufung, dann gerät der gesamte Hilfsmechanismus ins Wanken, da er zu einem guten Teil auf den Top-Bonitäten Deutschlands und Frankreichs basiert, die den größten Teil der Garantien stellen. In diesem Fall wären wieder Krisen-Gipfel angesagt, und die Kinobesucher müssten doch noch etwas länger auf den Abspann warten.

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