Yuan

Chinas Währungspoker gegen die Drei-Fronten-Krise

Das Wachstum bremst ab, die Schuldenkrise und die Immobilienblase belasten China. Peking wird verstärkt am Devisenmarkt intervenieren.

Foto: picture alliance / dpa / PA/dpa

In jedem beliebigen anderen Land der Welt wären solche Zahlen eine Sensation. Doch China ist eben kein beliebiges Land. Dort ist man mehr gewohnt, mehr als die 9,1 Prozent Wachstum im dritten Quartal, die am Dienstag für die Wirtschaft des Landes verkündet wurden. Es war die niedrigste Rate seit zwei Jahren. Und prompt wurden die Diskussionen darum wieder angeheizt, was für das Reich der Mitte nun folgt – ein schroffer Absturz der Konjunktur oder eine langsame, leichte Abschwächung, im Expertendeutsch: harte Landung oder weiche Landung?

Nouriel Roubini, der neuerdings überall herumgereichte, so genannte „Star-Ökonom“ mit einem starken Hang zur Schwarzseherei, ist sicher: Die Versuche der Regierung, eine sanfte Landung hinzubekommen seien eine „mission impossible“, also schlicht ein Ding der Unmöglichkeit, sagte er auf einer Veranstaltung in Helsinki. Zwar werde die Regierung alles versuchen, um die Wachstumsraten über acht Prozent zu halten, allein schon, um für den anstehenden Übergang der Macht auf eine neue Führungsriege im kommenden Jahr in das passende Umfeld einzubetten. Doch das werde die künftigen Risiken nur noch weiter erhöhen. Dann komme die harte Landung eben erst 2013 oder 2014.

Andere Ökonomen sind nicht ganz so pessimistisch. So rechnet Jim O'Neill, Chef von Goldman Sachs Asset Management, nur mit einer vorübergehenden Abschwächung des Wachstums. Er begründet dies mit seinen Eindrücken vor Ort. „Nach allem, was ich bei meinen jüngsten Treffen und Diskussionen in Hongkong erfahren habe, glaube ich weiterhin an eine sanfte Landung“ sagt er.

Doch ob hart oder sanft: Alle Beobachtern gemein ist, dass sie von einer schwächeren Konjunktur in China ausgehen. Darüber hängt noch das Damoklesschwert der Immobilienblase, die zu platzen droht, und hierzu gesellt sich in einigen Regionen derzeit auch noch eine Schuldenkrise, nachdem diverse Untergrundbanken, die vor allem kleine und mittlere Unternehmen finanzieren, zusammengebrochen sind.

Dass all dies auch nicht ohne Wirkung auf die westlichen Ökonomien und deren Finanzmärkte bleiben wird, ist eine Binsenweisheit. Doch die Gefahren drohen vor allem von einer Seite, auf die die wenigsten schauen: die Währung. Denn China hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass es seine wirtschaftlichen Probleme vor allem durch eine gezielte Beeinflussung des Wechselkurses anzugehen versucht.

Grundsätzlich lässt das Land den Yuan gegenüber dem Dollar seit 2005 kontinuierlich aufwerten. Doch als Mitte 2008 die Konjunktur ins Stocken geriet, stoppte Peking diesen Trend kurzerhand einfach wieder, um so den eigenen Exporteuren das Leben nicht noch zusätzlich zu erschweren. Erst als die Wachstumsraten wieder da waren, wo man sie haben will, ließ man eine weitere Aufwertung der eigenen Währung zu.

Doch damit nicht genug. Auch die Aufwertung erfolgte stets nur so, dass die eigene Wirtschaft kaum schmerzte. Denn entscheidend ist für China nicht der Wechselkurs zum Dollar, sondern das Austauschverhältnis zu allen Währungen, in denen man Handel treibt. Dieses Verhältnis wird im handelsgewichteten Wechselkurs ausgedrückt. In ihm sind alle Fremdwährungen mit dem Anteil berücksichtigt, den sie im Handel innehaben. „Dabei zeigt sich, dass der Kurs zum Dollar zwar kontinuierlich stieg, handelsgewichtet bewegte sich der Yuan-Kurs über weite Strecken aber praktisch gar nicht“, sagt Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank. China ließ den Yuan gegenüber dem Dollar also immer nur so weit steigen, wie er gegenüber anderen Währungen verlor. Wenn er gegenüber anderen nicht mehr verlor, dann stoppte man kurzerhand die Dollar-Aufwertung.

Genau dies könnte auch jetzt wieder passieren. Das hätte jedoch weit reichende Folgen. Zum einen für all jene Firmen, die einen großen Teil ihres Umsatzes in China machen. Denn sollte die Aufwertung des Yuan stoppen oder dieser sogar an Wert verlieren, so würden die Umsätze in Dollar oder Euro gerechnet weniger wert. Damit würden auch die Gewinne stagnieren oder zumindest weniger schnell steigen.

Auf der anderen Seite haben in den vergangenen Monaten aber auch Millionen Anleger in so genannte Dim-Sum-Anleihen investiert. Dim Sum sind kleine Häppchen, die vor allem in Südchina gerne gegessen werden, auch und gerade in Hongkong. Dort sind diese Anleihen notiert, die jedoch nicht auf Hongkong-Dollar sondern auf Yuan lauten – und das ist das Interessante an ihnen, was sie für Anleger so appetitlich macht. Denn damit können sie erstmals direkt auf einen Wertzuwachs des Yuan setzen.

In der Folge haben sie sich geradezu auf die kleinen Anleihe-Häppchen gestürzt, obwohl diese nur extrem geringe Zinsen bieten – der Coupon beträgt nur ein bis drei Prozent. Und die Firmen haben fleißig entsprechende Papiere emittiert, allein bis Ende September summierten diese sich auf 190 Mrd. Yuan (knapp 22 Mrd. Euro). Wenn nun jedoch der Wertzuwachs über die Aufwertung des Yuan ausbleibt, so fällt das entscheidende Argument für diese Papiere weg. Die Firmen müssen dann entweder deutlich höhere Zinsen zahlen oder die Anleger bleiben weg.

Und noch ein Problem kommt bei diesen Anleihen hinzu: Denn sie notieren zwar in Yuan, dies sind jedoch nur virtuelle Yuan. In chinesisches Bargeld darf sie nur die Bank of China tauschen, und diese wiederum hat dafür nur eine bestimmte Quote pro Monat zur Verfügung. Wie hoch diese liegt, ist geheim. Wenn sie jedoch voll ist, dann kommt es zu Engpässen, und dann koppelt sich der Kurs des virtuellen Yuan plötzlich vom echten Yuan ab. In den zwölf Monaten, seit dieser Markt existiert, ist dies bereits zwei Mal passiert, mal sprang der Wert mehrere Prozent nach oben, mal brach er ebenso stark nach unten aus. Und wenn der Devisenmarkt demnächst in Turbulenzen geraten sollte, könnte dies noch häufiger geschehen.

So lange nicht klar ist, wohin die Reise der chinesischen Wirtschaft und damit des Wechselkurses des Yuan geht, sollten sich Investoren daher nun erst einmal zurückhalten, sowohl bei Anlagen in Firmen mit hohem China-Anteil als auch bei Dim-Sum-Anleihen – und einstweilen ihr Geld vielleicht lieber in kulinarische Dim-Sum-Genüsse investieren.

Verbinden Sie sich mit unserem Morgenpost Online-Autor auf Twitter. Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.