Weibliche Intuition

Frauen haben sicheres Gespür für gute Investments

Männer beschäftigen sich lieber mit Geldanlagen als Frauen. Dabei hat das weibliche Geschlecht gerade in Krisenzeiten den besseren Riecher.

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Frauen kaufen lieber Schuhe als Männer. Es sind meist weitverbreitete Klischees wie dieses, die sich besonders hartnäckig halten und am Stammtisch genüsslich zerpflückt werden. Was wie das Bekenntnis eines eingefleischten Chauvinisten klingt, geht tatsächlich aus einer Studie hervor, die die comdirect bank im September veröffentlicht hat.

Danach beschäftigen sich nur 44 Prozent der Frauen gern mit der Geldanlage – bei Männern sind es immerhin 61 Prozent. Ungleich mehr Freude kommt beim Kauf von Schuhen auf – ein Thema, für das sich drei von vier Frauen erwärmen können. „Frauen sollten selbst Verantwortung für ihre Vermögensanlage übernehmen und sich aktiv damit auseinandersetzen“, mahnt daher Sabine Münster, Leiterin Banking bei der Commerzbank-Tochter. „Wer den inneren Schweinehund überwindet, stellt schnell fest, wie spannend Geldanlage sein kann.“

Vielen Kennern dieser Materie erscheint die Vorliebe für den Schuhkauf jedoch allzu klischeehaft. So zeigt eine Vielzahl von Statistiken, dass Frauen im Schnitt deutlich weniger Vermögen besitzen als Männer – und entsprechend weniger Bedarf haben, sich um ihr Erspartes zu kümmern. Nach einer Erhebung der Targobank von Ende vergangenen Jahres gehen 39,2 Prozent der Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1000 Euro nie zur Bankberatung, während Befragte mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 3800 Euro nur zu 29,3 Prozent den Gang zum Bankberater verweigern.

Das schöne Geschlecht liegt in puncto Vermögen zwar hinter seinem männlichen Pendant. Doch der Abstand wird zunehmend kleiner: Zwischen 1974 und 2007 ist das Pro-Kopf-Einkommen der Frauen in Deutschland doppelt so stark gestiegen wie das der Männer. Einer Studie der Boston Consulting Group vom Juli vergangenen Jahres zufolge besaßen Frauen mit 20,2 Billionen US-Dollar 27 Prozent des weltweiten Vermögens.

Bis 2014 soll das Vermögen um jährlich acht Prozent zunehmen. Dabei attestieren die Autoren dem weiblichen Geschlecht einen langfristigeren und ganzheitlicheren Denkansatz als ihren männlichen Gegenübern. „Frauen spielen eine immer entscheidendere Rolle, wenn es um das Familienvermögen geht“, schrieben die Experten der Schweizer Bank Credit Suisse Anfang Februar – und nannten eine Reihe von Unternehmen, die von dieser Entwicklung mittelfristig durchaus profitieren könnten.

Auch wenn es um die Beschäftigung mit der Altersvorsorge geht, kann von weiblichem Desinteresse keine Rede sein. Nur 62 Prozent der von der Fondsgesellschaft Union Investment im Frühjahr befragten Herren gaben an, sich mit dieser Materie befasst zu haben – so wenig wie noch nie seit Beginn dieser quartalsweisen Erhebung durch das Marktforschungsinstitut Forsa im Herbst 2007.

Ganz anders sah es bei den Teilnehmerinnen der Umfrage aus: Für die Absicherung im Alter konnten sich 76 Prozent erwärmen. Das verwundert wenig, reißen die Jahre der Schwangerschaft und des Erziehungsurlaubs doch häufig große Lücken in die Rentenkasse. „Frauen müssen endlich genau so wie Männer selber für das Alter vorsorgen“, fordert daher die Münchner Finanzplanerin Stefanie Kühn ihre Geschlechtsgenossinnen zu mehr Eigenverantwortung auf.

Ein Fall aus ihrer Praxis verdeutlicht die Brisanz: Eine 49-jährige Diplom-Chemikerin hatte wegen der Erziehung ihrer drei Kinder nie gearbeitet, weil ihr Mann mit rund 15?000 Euro netto im Monat überdurchschnittlich gut verdiente. Doch dann kam die Scheidung und warf die Planung für den Ruhestand über den Haufen. Gemessen an dem Betrag, den ihr früherer Mann zahlt, kann sie im Rentenalter auf lediglich 750 Euro pro Monat zurückgreifen.

Für das Gespräch mit den Bankern rät die Honorarberaterin zu Bestimmtheit und Selbstbewusstsein, um auf Augenhöhe zu sprechen und nicht einem populären Fehler aufzusitzen: „Frauen neigen besonders schnell zum Vertragsabschluss, wenn sie kostenlos beraten wurden.“

Frauen verlieren in der Krise weniger Geld

Dass das sogenannte schwache Geschlecht auch im Rennen um die beste Rendite mit den männlichen Anlagekünsten mithalten kann, zeigen zwei repräsentative Studien der DAB Bank. Zunächst nahm die Münchener Onlinebank im Frühjahr 2009 rund 465.000 Depots aus den extrem gegensätzlichen Börsenjahrgängen 2007 und 2008 unter die Lupe. Das Ergebnis: Sowohl im Top-Jahr 2007 als auch im Bärenmarkt 2008 schnitten Frauen besser ab.

Während das schöne Geschlecht im Krisenjahr „nur“ 30 Prozent an Verlusten einfuhr, mussten männliche Anleger ein Minus von 36 Prozent hinnehmen. Die DAB führt das in erster Linie auf das sicherheitsorientierte Denken der Anlegerinnen zurück. Frauen gewichteten Anleihen und Fonds höher, während Männer lieber direkt in Aktien investierten. Zwei Jahre später allerdings wendete sich das Blatt: Die Analyse von nunmehr 450.000 Depots offenbarte ein durchschnittliches Plus von 17,2 Prozent in den Männerdepots, während sich Frauen mit einem Wertzuwachs von 14,2 Prozent begnügen mussten.

Jetzt profitierten die Herren der Schöpfung dank ihrer höheren Risikobereitschaft, die sich im Kauf von Optionsscheinen und einer deutlich höheren Handelsaktivität widerspiegelte. Sind Frauen am Ende tatsächlich vorsichtiger und agieren defensiver auf dem oft rutschigen Börsenparkett?

Der Lehrstuhl für Finanzpsychologie, -soziologie und Finanzethik an der School of Management and Innovation der Steinbeis-Hochschule Berlin ging dieser Fragestellung mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund. „Die Frauen in unserer Untersuchungsgruppe erweisen sich tendenziell als weniger risikobereit“, fasst Lehrstuhlleiterin Sabine Meck die Auswertung der insgesamt 1000 Fragebögen zusammen. „Das zeigt sich dann auch in der Selbsteinschätzung der Risikobereitschaft, die erheblich niedriger liegt als bei den Männern.“

„Frauen wollen mit Geld möglichst die Welt positiv gestalten und sehen seinen Wert weniger als Statussymbol“, ergänzt Susanne Kazemieh, die vor 22 Jahren in Hamburg die Frauen-Finanz-Gruppe gründete. Sie geht noch einen Schritt weiter und betrachtet gerade die urweibliche Tugend der emotionalen Intelligenz als Korrektiv, das Frauen am Kapitalmarkt vor Schlimmerem bewahrt. So ist es für Kazemieh keineswegs der Kapitalismus, der die aktuelle Finanzkrise verursacht. Vielmehr sei es „das männliche Prinzip“, in dem Fehler verpönt seien und das vor Arroganz strotze.

„Die Finanzkrise wäre unvorstellbar gewesen, hätten Frauen an den Schalthebeln gesessen.“ Mit dieser Meinung steht sie nicht allein: Ein britisches Forscherteam enthüllte, dass Selbstsicherheit und der Mut zum Nervenkitzel von Börsenhändlern mit ihrem Testosteronspiegel steigen.

Das Credo von Finanzfachfrau Kazemieh, die auch Männer berät, ist angesichts des oft Frauen zugeschriebenen Glaubenssatzes „Geld ist für mich nicht wesentlich“ ein Aufruf zur finanziellen Selbstbestimmung: „Geld ist verdammt wichtig und stellt eine Form der Wertschätzung dar.“