Deutscher Aktienmarkt

Sechs-Tage-Rallye – Dax legt 1000 Punkte zu

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Frank Stocker

Foto: REUTERS

Aufatmen am deutschen Aktienmarkt: Der Dax klettert über die 6000-Punkte-Marke. Einst abgestrafte deutsche Aktien führen die Rallye an.

So schnell, wie es nach unten ging, so schnell geht es an den Börsen nun wieder nach oben. Der deutsche Aktienindex (Dax) sprang wieder über die Marke von 6000 Zählern. Auch wenn er anschließend etwas nachgab, so hat er doch innerhalb von sechs Handelstagen fast 1000 Punkte zugelegt . Und auch der Euro, der in den vergangenen Wochen kräftig verloren hatte, setzt zu einem neuen Höhenflug an. Er hat sich im selben Zeitraum von 1,31 auf 1,38 Dollar erholt.

Der Grund für die neue Zuversicht ist die Aussicht, dass Europa nun doch endlich seine Schuldenprobleme in den Griff bekommt. Das Versprechen von Bundeskanzlerin Merkel und dem französischen Präsidenten Sarkozy, bis Ende des Monats eine Lösung für die Banken gefunden zu haben, verbunden mit der Aussicht, dass der größere Rettungsschirm trotz der Verzögerungen in der Slowakei nun endlich aufgespannt wird, lässt Anleger wieder hoffen. Die Anzeichen mehren sich damit, dass die Weltwirtschaft noch einmal an einer Rezession vorbeischrammt.

Diese Signale kommen zwar in letzter Minute, aber doch gerade noch rechtzeitig. „Die Weltwirtschaft ist wie ein Flugzeug, das beinahe auf dem Boden aufgeschlagen wäre“, sagt Todd Martin, Aktienstratege bei der Société Générale. „Jetzt gewinnt es ganz langsam wieder an Höhe.“ Über den Berg sei es damit allerdings noch lange nicht.

Doch auch von den Statistikern kommen wieder Daten, die die Zuversicht zusätzlich nähren. So wurde am Mittwoch bekannt gegeben, dass die Industrieproduktion in der Euro-Zone im August um 1,2 Prozent gestiegen ist, und vor allem in Italien (+4,3 Prozent), Irland (+4,4 Prozent) und Portugal (+8,2 Prozent) fiel der Zuwachs besonders stark aus, also in jenen Länder, die besonders tief in der Krise stecken. Erst am Montag war zudem bekannt geworden, dass die deutschen Exporte im August um 3,5 Prozent gestiegen sind – ebenfalls deutlich stärker als erwartet.

Deutsche Aktien führen derzeit auch die Erholungsrallye an. Der Dax hat in den vergangenen Tagen deutlich stärker zugelegt als andere europäische Indizes aber auch stärker als der amerikanische Dow Jones. Die liegt daran, dass deutsche Titel im Vorfeld auch wesentlich stärker verloren hatten, sie gehörten sogar weltweit zu den größten Verlierern in den Wochen seit Anfang August.

Denn hiesige Firmen sind besonders stark mit der Weltwirtschaft verwoben und leiden daher besonders stark unter einer Verlangsamung des globalen Wachstums. Deutsche Aktien sind also eine Art Optionsschein auf die Weltwirtschaft. Läuft sie gut, profitieren deutsche Titel überdurchschnittlich stark. Und dies betrifft vor allem konjunktursensible Titel. Diese gehörten in den vergangenen Tagen daher auch zu den Hauptgewinnern. Volkswagen, ThyssenKrupp und BMW haben innerhalb einer Woche rund 20 Prozent zugelegt. Daimler, BASF und Linde bringen es auf etwa 15 Prozent.

Finanztitel bleiben unter Beobachtung

Und diese Werte dürften auch weiter ganz vorne dabei sein, wenn der Aufschwung anhält. Das Gleiche gilt für viele Unternehmen aus der zweiten Reihe, die im MDax notiert sind. Denn auch sie sind besonders stark auf den Weltmärkten aktiv, profitieren also vom globalen Wachstum.

Finanztitel dagegen, vor allem die Banken, werden auch weiter unsichere Kantonisten bleiben. Das gilt zumindest so lange, wie nicht klar ist, ob und wie sie zusätzliches Eigenkapital aufnehmen müssen. Wenn diese über eine Zwangsbeteiligung des Staates geschieht, verwässert dies den Anteil der anderen Aktionäre und führt damit zu einem Wertverlust.

So imposant die Kursgewinne der vergangenen Tage sind, so hat die Berg- und Talfahrt der vergangenen Wochen aber auch dazu geführt, dass die wenigsten Privatanleger bei der Rallye dabei sind. Denn in den vergangenen Monaten hat sich deren Stimmung drastisch gewandelt, wie das Stimmungsbarometer der Investmentbank JP Morgan zeigt, das auf einer Umfrage unter 2000 Deutschen basiert. Demnach waren zuletzt rund 45 Prozent pessimistisch für die weitere Entwicklung der Börsen gestimmt, nur jeder vierte war noch optimistisch. Noch im Mai war das Verhältnis umgekehrt.

Doch auch unter den Profis sieht es nicht viel anders aus. „Die meisten glauben, dass sie die ersten zehn bis 15 Prozent des Aufschwungs ruhig verpassen können“, sagt Todd Martin. „Denn wenn die europäischen Politiker in den kommenden Wochen die richtigen Entscheidungen treffen, dann könnten wir vor einem schönen, langen Aufwärtszyklus stehen.“ Dann wäre also auch noch genug Geld zu verdienen, wenn man erst einmal abwartet, ob sich die Dinge wirklich zum Guten wenden.

Das bedeutet aber auch, dass von den Entscheidungen der kommenden Wochen viel abhängt. Scheitern die Bemühungen von Merkel, Sarkozy und den anderen Staatslenkern, dann dürften Dax & Co. schnell wieder in die Tiefe rauschen.

Dann wird die Angst vor einem Finanzcrash und einer globalen Rezession die Märkte wieder im Griff haben. „Die gegenwärtige Phase ist schwierig und volatil“, sagt Todd Martin daher. „Aber es ist auch eine notwendige Phase in der klar werden wird, wie es weitergeht.“