Studie

Deutsche geraten durch Krankheit in Schuldenfalle

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Karsten Seibel

Foto: dpa / dpa/DPA

Schwere Erkrankungen treiben Menschen in Deutschland immer häufiger in die Schuldenfalle. Das geht aus einer Studie hervor. Von 2005 bis zum ersten Quartal 2011 hat sich demnach der Wert mehr als verdoppelt.

Eine schwere Krankheit treibt Menschen immer häufiger in die Schuldenfalle. Mittlerweile sind Erkrankungen bereits der Hauptauslöser für jede zehnte Überschuldung in Deutschland. Der Prozentsatz stieg seit dem Jahr 2005 von fünf Prozent auf 10,5 Prozent im ersten Quartal 2011. Damit haben Krankheiten mittlerweile annähernd den gleichen negativen Einfluss auf die finanzielle Situation eines Menschen wie Scheidungen oder Trennungen (12,5 Prozent) und der fehlgeschlagene Versuch, sich selbstständig zu machen (12,1 Prozent). An der Spitze liegt unverändert die Arbeitslosigkeit. In 31,2 Prozent der Fälle war der Verlust der Arbeit Hauptauslöser. Das geht aus dem „Überschuldungsreport 2011“ des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) hervor, der Morgenpost Online exklusiv vorliegt.

3,15 Millionen Schulden-Haushalte

Als überschuldet gilt, wer seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, ohne die eigene Grundversorgung zu gefährden. Zahlungsverzug, Kredit- und Kontokündigungen sind untrügliche Zeichen. Hochrechnungen zufolge gibt es 3,15 Millionen überschuldete Haushalte in Deutschland. Die Ergebnisse der jährlich erscheinenden IFF-Studie beruhen auf der Auswertung der Situation von 13000 Menschen, die um Hilfe bei einer Schuldnerberatungsstelle baten.

Krankheiten werfen laut der Auswertung besonders Menschen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren aus der Bahn. Junge Menschen sind dagegen vor allem durch allzu unbedachte Einkaufstouren durch Läden und das Internet gefährdet. Allerdings ist es nicht die Gruppe der 20- bis 25-Jährigen, die davon besonders betroffen ist. Die Schuldnerberater bescheinigen zwar knapp 16 Prozent dieser Altersgruppe, wegen eines unverantwortlichen Konsumverhaltens überschuldet zu sein, bei der Gruppe der 25- bis unter 30-Jährigen betrifft es aber mit 19,4 Prozent fast jeden fünften. Danach geht der Wert wieder zurück. Insgesamt spielt der Konsum nur noch eine untergeordnete Rolle. Lediglich bei 8,2 Prozent der überschuldeten Haushalte wird dies als Hauptauslöser gesehen. „Das Merkmal hat in der Schuldnerberatung damit lange nicht die Relevanz, die ihm in der öffentlichen Diskussion zukommt“, heißt es in der Studie.

Insgesamt hat sich die Wirtschaftskrise in der Überschuldungsstatistik mit einer Zeitverzögerung von eineinhalb Jahren niedergeschlagen. So stieg die Zahl der Verbraucherinsolvenzen in Deutschland im Vorjahr auf 106.300 und erreichte damit den höchsten Stand seit 1999. Allerdings gehen die Studienverfasser davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte zu einer Trendwende kommt. Darauf deute bereits der Rückgang der Insolvenzeröffnungen im ersten Quartal 2011 hin.

Positiv wird in der Studie zudem vermerkt, dass die Belastung je überschuldetem Haushalt gesunken ist. Die durchschnittlichen Verpflichtungen der Ratsuchenden sanken von 31.996 Euro im Jahr 2009 auf 27.132 Euro im vergangenen Jahr. Im ersten Quartal 2011 waren es sogar nur noch 23244 Euro. Vor allem die Ausstände bei Banken gingen deutlich zurück. Sie reduzierten sich seit 2009 von 14.598 Euro auf 11.364 Euro im ersten Quartal. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Banken unverändert die wichtigsten Gläubiger sind, weit vor öffentlich-rechtlichen Stellen und der privaten Wirtschaft, etwa Telekommunikationsunternehmen.

Bildung schützt vor Pleite

Eine fehlende oder schlechte schulische und berufliche Bildung spielt in Sachen Überschuldung eine immer größere Rolle. Seit 2006, als noch knapp 43 Prozent der Überschuldeten ohne Abschluss waren, hat sich die Ausbildungssituation nochmals verschlechtert. Der Anteil der Überschuldeten ohne Ausbildung stieg bis 2010 auf 46 Prozent.

Ab einem Alter von 35 Jahren liegen laut Untersuchung in 70 Prozent der Fälle Bankschulden vor. In gut zehn Prozent haben die Betroffenen sogar mindestens vier Kredite aufgenommen. Anders als bei vielen anderen Schuldnern, die vor allem in jungen Jahren für Studium, Wohnungseinrichtung oder eine Immobilie ein Darlehen beantragen, steigt bei den überschuldeten Haushalten die durchschnittliche Anzahl der Kredite bis zum Alter von 45 Jahren kontinuierlich an und verharrt dann auf hohem Niveau.

Bei der Frage, wie sich die überschuldeten Haushalte in Deutschland zusammensetzen, gibt es einen weiteren Trend: Die Gruppe der Alleinlebenden nimmt weiter zu. Vor allem Männer sind offenbar immer stärker gefährdet. Ihr Anteil stieg von 2009 auf 2010 von 34,1 Prozent auf 37,5 Prozent, der Anteil allein lebender Frauen sank hingegen von 18,6 Prozent auf 16,6 Prozent. Der Anteil der Paare unter jenen, die in der Schuldenfalle stecken, ging leicht zurück, der der Alleinerziehenden verharrte auf dem Niveau der Vorjahre. Wobei die Wahrscheinlichkeit bei Alleinerziehenden am größten ist, dass sie in die Schuldenfalle geraten. Laut Statistik ist jede oder jeder Fünfte von ihnen überschuldet, genau 20,1 Prozent. Bei allein lebenden Männern liegt dieser Prozentsatz allerdings mittlerweile auch schon bei 15,8 Prozent. Die Gefahr der Überschuldung bei allein lebenden Frauen ist dagegen auf 6,1 Prozent zurückgegangen.