Unternehmensanleihen

Valensina und Katjes wollen das Geld der Sparer

Bekannte Firmen setzen vermehrt auf Anleihen statt Bankkredite. Privatanleger reißen sich um die hoch verzinsten Papiere.

Was haben Valensina, Underberg, Katjes oder Air Berlin gemeinsam? Neben einem bekannten Markennamen haben die Mittelständler zuletzt Unternehmensanleihen an den deutschen Börsen platziert und Millionen an frischen Geldern eingesammelt. Und die Anleger reißen sich regelrecht um die Schuldtitel der Unternehmen.

Wie groß der Ansturm ist, machte am Montag Katjes deutlich. Der Lakritzhersteller musste die Zeichnungsfrist für eine 30 Millionen Euro schwere Anleihe bereits am ersten Tag nach einer halben Stunde vorzeitig beenden, da das Papier zu diesem Zeitpunkt schon zweieinhalbfach überzeichnet war. Ähnlich war es zuvor Underberg, Valensina oder Air Berlin ergangen, die insgesamt fast eine halbe Milliarde Euro platziert hatten.

Fast könnte man von einem kleinen Mittelstandswunder sprechen, das sich momentan in Deutschland abspielt. Wird seit Jahren über die schwierige Kapitalbeschaffung kleinerer und mittelgroßer Unternehmen hierzulande lamentiert, bekommen die Firmen Bares plötzlich hinterhergeworfen. Sie haben es geschafft, an den Banken vorbei eine wahre Geldader anzubohren: die Sparvermögen der deutschen Privathaushalte.

Knapp fünf Billionen Euro haben die Bundesbürger auf der hohen Kante, ein guter Teil davon schlummert auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten, die weniger als zwei Prozent abwerfen. Da kommen die Angebote aus dem deutschen Mittelstand gerade recht. Katjes, Valensina & Co. bieten immerhin zwischen sieben und acht Prozent.

Für den Mittelstand kommt der Boom wie gerufen . Die Firmen entdecken die Anleihe als Finanzierungsalternative zum klassischen Bankkredit. Denn die Finanzinstitute vergeben nur noch widerwillig Kredite. Viele Häuser sind noch immer dabei, nach der Finanzkrise ihre Bilanzen zu reparieren. Zudem werfen neue Regulierungsanforderungen ihre Schatten voraus. Die Banken müssen künftig für riskantere Kredite große Summen an Eigenkapital zurücklegen. Das ist teuer und wird an die Unternehmen weitergegeben. Firmen müssen entweder höhere Zinsen zahlen oder aber mehr Sicherheiten einbringen. Und das schränkt den Handlungsspielraum der Unternehmen ein.

Zu leiden haben gerade Schuldner mit einer schlechteren Bonität. Die haben sich in der Vergangenheit fast vollständig auf die Bankfinanzierung verlassen. Schätzungen zufolge besorgten sich Mittelständler 80 Prozent ihrer Finanzmittel von ihrer Hausbank. Viele Betriebe bekamen diese Abhängigkeit in der Finanzkrise schmerzhaft zu spüren. Obwohl sich die Banken nach wie vor die Finanzierung kleinerer und mittlerer Unternehmen auf die Fahnen geschrieben haben, drehten sie den Firmen den Geldhahn zu.

Banken vergaben einfach keine Kredite mehr, weil sie jegliche weitere Risiken in ihren Bilanzen vermeiden wollten. Insofern nutzen die Mittelständler nun die neuen Finanzierungsmöglichkeiten mit den Anleihen. Innerhalb weniger Monate ist aus dem Nichts ein ganz neuer Markt entstanden. Sämtliche deutschen Regionalbörsen haben flugs eigene Mittelstandssegmente gegründet.

Bis heute wurden an der Börse Stuttgart, dem Mittelstandsmarkt Düsseldorf, dem Entry Standard Frankfurt oder der Mittelstandsbörse Hamburg-Hannover mehr als zwei Milliarden Euro an Schuldtiteln platziert. Einige Unternehmen wie die Fluglinie Air Berlin oder die Anbieter von alternativen Energien, SAG Solarstrom und Windreich, haben den Markt sogar schon mit einer zweiten Anleihe angezapft.

Die Mittelstandsanleihe ist eine Art Eier legende Wollmilchsau . Alle beteiligten Akteure scheinen gleichzeitig zu gewinnen. Da sind die Unternehmen, die zu günstigeren Konditionen Geld bekommen. Da sie sich insbesondere an Privatanleger richten, müssen sie ein bis zwei Prozentpunkte weniger Zinsen zahlen, als wenn sie die Papiere bei institutionellen Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen platzieren würden.

Außerdem fordern private Anleger weit weniger Transparenz. Börsenprospekte können knapper gehalten werden, sogenannte Roadshows, auf denen die Firmenchefs ihr Unternehmen präsentieren müssen und von Investoren befragt werden, sind nicht notwendig. Und die Banken profitieren nicht nur von den Emissionsgebühren. Viele Institute nutzen die Möglichkeit, alte Kredite durch die Mittelstandsanleihen abzulösen und sich damit von Risiken in ihren Bilanzen zu trennen.

Nicht zuletzt bekommen die Sparer für die Papiere zwischen sieben und neun Prozent an Rendite und damit ganze sechs Prozentpunkte mehr als für herkömmliche Zinsanlagen. Das Etikett „deutscher Mittelstand“ steht für Tradition und Solidität. Größere Risiken erkennen nur die wenigsten Anleger.

Tatsächlich handelt es sich bei den meisten Mittelstandsanleihen um Ramschpapiere, wie Schuldtitel von Unternehmen mit geringerer Bonität genannt werden. Mittelständler wie Valensina oder Katjes haben ein Rating unterhalb von BBB. Damit nicht genug: Die Bonitätsnoten stammen in der Regel nicht von den etablierten großen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch, sondern von kleineren Häusern wie Creditreform oder Hermes.

Auch werden nicht die Anleihen, sondern lediglich die Firmen bewertet. In der Regel gibt es hier Unterschiede, weil die einzelne Anleihe weniger sicher ist. Die Agenturen wollen auch ein Haftungsrisiko vermeiden. Wird eine Anleihe mit einem Rating versehen und fällt diese später aus, haften die Bonitätsprüfer bei grober Fahrlässigkeit.

Ein weiteres Risiko: Einige der Firmen erwirtschaften keine ausreichenden Gewinne. Die Zinszahlungen müssen dann aus neuen Anleihen bedient werden. Außerdem fehlen bei den meisten Papieren Schutzklauseln für den Fall, dass ein Unternehmen einen neuen Eigentümer bekommt.

Nicht selten werden gerade Mittelständler von Private-Equity-Investoren übernommen und der Kaufpreis wird dem Unternehmen als neue Schulden aufgebrummt. Damit verschlechtert sich die Situation der Altgläubiger erheblich. Die meisten Anleihen enthalten eigentlich Sonderkündigungsrechte für die Sparer bei Übernahmen. Diese fehlen aber bei den meisten Mittelstandbonds. Auch räumen sich viele Unternehmen selbst ein einseitiges Kündigungsrecht ein. Läuft es für ein Unternehmen gut, kann es die Anleihen oft einfach zum Nennwert zurückkaufen.

Angesichts der Risiken sind die Renditen also nicht mehr so gewaltig. Ohnehin ist auffällig, dass die Zinsen fast aller Unternehmen im einstelligen Bereich liegen, unabhängig vom Rating oder der Branche des Unternehmens. Auch das ist klug gewählt, haben doch Psychologen herausgefunden, dass zweistellige Renditen bei Anlegern zumeist Misstrauen wecken. Und dementsprechend bietet kein Mittelständler mehr als neun Prozent – selbst SIAG Schaaf Industrie, das mit dem Anleihe-Rating von CCC+ nur wenig besser als Griechenland dasteht.

Schneekppe gewährt Rabatt

Die große Nachfrage zieht auch solche Firmen an, die eigentlich noch nicht reif für den Anleihemarkt sind. Erleichtert wird das dadurch, dass der Markt sehr intransparent ist. Trotz einzelner Börsenregeln existieren keine wirklichen Standards. Auch weitere Anzeichen sollten skeptisch stimmen. So bekommen Halter der Anleihen von Schneekoppe zum Beispiel 20 Prozent Rabatt, wenn sie im Onlineshop Müsli, Tomatensaft oder andere Gesundheitslebensmittel erwerben. Die Münchner Boulevard Möbel GmbH gewährt sogar 30 bis 40 Prozent Nachlass auf Produkte des Hauses, wenn Sparer den 7,5-Prozent-Bond des Gartenmöbelunternehmens kaufen. All das sind Marketing-Maßnahmen, haben allerdings mit dem Anleihenmarkt eher nichts zu tun.

Der Ansturm auf die Firmen-Bonds kommt nicht von ungefähr. Er ist Folge der Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Nach drei Jahren mit niedrigen Renditen zwischen einem und vier Prozent wollen die Sparer nun mehr. Für Tagesgeld gibt es im besten Fall etwas über zwei Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen bringen gerade einmal drei Prozent.

Die euphorische Stimmung bei den Mittelstandsanleihen erinnert viele Beobachter unterdessen an den Neuen Markt. Waren es zur Jahrtausendwende Aktien, die binnen weniger Tage „ausverkauft“ waren, kommen heute die Sparer bei vielen Anleihen nicht zum Zug, weil die Hochprozenter so schnell vergriffen sind. Welche Folgen ein solcher Hype bei Anleihen hat, lässt sich an den USA studieren.

Ende der 80er-Jahre kam es dort zu einem regelrechten Boom bei Ramschanleihen. Viele Firmen nutzten die Möglichkeit, sich billig mit Geld zu versorgen, aus. Die Mittel wurden dann häufig dazu verwendet, Konkurrenten aufzukaufen. Zahlreiche Unternehmen und Finanzmarktakteure missbrauchten das hohe Interesse, um sich zu bereichern. Bekanntester Jongleur war Michael Milken, der für Insiderhandel später verurteilt wurde. Als das Kartenhaus der Ramschanleihen zusammenbrach, begrub es unter sich die Investmentbank Dresel Burnham Lambert.

Experten warnen daher auch jetzt vor einer Spekulationsblase bei den deutschen Ramschanleihen. Sollte der Überschwang zu weit gehen, könnte die eigentlich gute Idee der Mittelstandsfinanzierung irreparablen Schaden erleiden und Deutschland ein wichtiger Wachstumstreiber abhanden kommen. Ohne funktionierenden Anleihemarkt müssten Valensina, Katjes & Co. wieder bei ihrer Hausbank vorsprechen.