map-Report

Bei den Lebensversicherungen herrscht Zinsnotstand

| Lesedauer: 5 Minuten
Holger Zschäpitz

Foto: picture-alliance/ dpa

Der Branchendienst map-Report erteilt den Lebensversicherungen schlechtere Noten. Den Sparern fehlt Geld für die private Altersvorsorge.

Die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten werden zum Problem bei der privaten Altersvorsorge. Sichtbar ist das besonders bei der Lebensversicherung, noch das beliebteste Produkt der Bundesbürger. Die Kunden bekommen auf ihre Ersparnisse immer weniger gutgeschrieben.

Aber auch die Anbieter stecken in einer Zinsfalle. Das zeigt die jüngste Analyse des Branchendienstes map-Report. Der Studie zufolge sinkt die Eigenmittelausstattung der Lebensversicherungen. Sollte die Schmelze anhalten, könnte das sogar die Versicherungsaufsicht auf den Plan rufen. Schon jetzt schneiden die Assekuranzen bei den Branchenkennern immer schlechter ab.

Der renommierte Branchendienst map-Report unterzieht die Lebensversicherer jedes Jahr einer Art Stresstest. Anhand fester Kriterien wie Bilanzstärke, Service- und Vertragsqualität erstellen die Experten dann ein Rating. Für Verbraucher sind solche Ratings wichtiger denn je , da sich in schlechten Zeiten wie diesen die Spreu vom Weizen zu trennen beginnt. Gerade bei langfristigen Sparanlagen müssen die Kunden aber sicher sein, dass ein Anbieter die versprochenen Leistungen später auch auszahlen kann.

Versicherungen erhalten weniger Punkte

Die Assekuranzen bekommen immer weniger Punkte von den map-Analysten. Grund sind die niedrigen Kapitalmarktzinsen, die in den Büchern der Anbieter ihre Spuren hinterlassen. So ist die Zuführung zur Rückstellung für Beitragsrückerstattung, die sogenannte RfB-Quote regelrecht in die Knie gegangen. Der Rückgang von über 25 Prozent auf 12,3 Prozent ist laut map „dramatisch“. Denn über die RfB wird nicht nur die Überschussbeteiligung der Kunden gespeist. Der den Kunden noch nicht verbindlich zugewiesene Teil der RfB ist eine der wichtigsten Komponenten für die Solvabilität, also die Eigenmittelausstattung der Lebensversicherer.

Die Kunden müssen fürchten, in Zukunft gerade noch den staatlich zugesicherten Garantiezins gutgeschrieben zu bekommen. Im schlimmsten Fall könnte die Versicherungsaufsicht BaFin schwächere Anbieter von dem Garantiezins ganz befreien. Dann gäbe es für die Kunden noch nicht einmal diesen Minizins. Für Verträge, die nach 2007 abgeschlossen wurden, beträgt die Mindestausschüttung 2,25 Prozent. Bei früheren Verträgen liegt die Rendite bei bis zu vier Prozent. "Leidet die Solvabilität nachhaltig, so wird die Versicherungsaufsicht BaFin nicht lange tatenlos zusehen", schreibt map-Chef Manfred Poweleit in der 75 Seiten starken Analyse.

Leistungkürzungen trifft private Altersvorsorge

Kunden könnte damit zum Verhängnis werden, dass Lebensversicherungen nicht zu den systemrelevanten Spielern an den Kapitalmärkten gehören. Anders als bei Banken können die Verbraucher nicht darauf setzen, dass ihre Ansprüche im Zweifelsfall von den Steuerzahlern beglichen werden. Werden die Leistungen gekürzt, sind davon "lediglich" private Vorsorgesparer im Alter oder Häuslebauer betroffen, deren Rentenlücke dann steigen würde oder die ihren Hypothekenkredit nicht mehr so einfach ablösen können.

Die Diskussion über die Probleme der Branche kommt für die Anbieter zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Gerade hat die Branche einen groß angelegten Schlussverkauf gestartet. Denn ab kommendem Jahr wird die Garantieverzinsung erneut gesenkt, auf dann 1,75 Prozent. Wer bis Ende des Jahres noch eine Police abschließt, hat dagegen noch Anrecht auf die Verzinsung von 2,25 Prozent. Allerdings handelt es sich um Renditen vor Abzug von Verwaltungskosten. Bei Lebensversicherungen müssen von den eingezahlten Beträgen noch die Prämien für den Todesfallschutz abgezogen werden.

In den vergangenen Jahren lagen die Ausschüttungen aber noch deutlich über dem garantierten Zins. Für dieses Jahr schreiben die Anbieter ihren Kunden im Durchschnitt 4,1 Prozent gut. Um die Jahrtausendwende waren die Bruttorenditen freilich noch fast doppelt so hoch. Im kommenden Jahr dürfte die vier vor dem Renditekomma fallen.

Trotz der fallenden Verzinsung hält Poweleit angesichts der Börsenverwerfungen und der demografischen Risiken bei Immobilien die Lebensversicherung für das relativ gesehen beste Altersvorsorgeprodukt. Allerdings sollten sich Verbraucher mehr denn je die Qualität des Anbieters anschauen. Und da haben sich beim Punkte-Ranking einige Verschiebungen ergeben.

Grund für die Probleme ist das Niedrigzinsumfeld. Warfen deutsche Staatsschuldtitel in den vergangenen 110 Jahren im Schnitt 5,9 Prozent ab, sind es inzwischen nur noch etwas über zwei Prozent. Den langfristigen Durchschnittszins erreichten Bundesanleihen letztmalig Ende der 90er-Jahre. Da die Lebensversicherer inzwischen über 80 Prozent der Kundengelder in solche festverzinslichen Wertpapiere stecken, werden sie mit voller Wucht von den Minizinsen getroffen. "Durch die Niedrigzinsen für die vergangenen 15 Jahre fehlen den Lebensversicherungen und deren Kunden 170 Mrd. Euro in der Kasse", schreibt map-Report-Chef Manfred Poweleit.