Kreditwürdigkeit

Euro-Bonds könnten "alternativlos" werden

Lange waren Euro-Bonds Tabu. Aber es könnte einen Zeitpunkt geben, wo sie "alternativlos" werden. Doch das wird die Währungsunion nicht retten.

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In der Debatte zur Rettung des Euro tauchen plötzlich wieder zwei Begriffe auf, die lange Zeit ein Tabu waren: die Worte „Euro-Bonds“ und „Transferunion“. Zwar sprachen sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen die Einführung von Euro-Bonds aus. Solche Anleihen könnten allenfalls am Ende des Weges stehen. Ob die Märkte sich aber still verhalten, bis dieses Ende erreicht ist? Wohl kaum: Diese Beruhigungspillen sind Teil einer Dramaturgie der Kanzlerin: Erst ein Versprechen geben, um es dann, wenn wieder einmal Panik an den Börsen herrscht, zu brechen – weil die Lage „alternativlos“ sei.

Aber Euro-Bonds wären die europäische Version der Subprime-Masche in Amerika. Bei diesen Produkten der findigen Wall-Street-Jongleure wurden Hypothekenanleihen von guter Bonität mit solchen von schlechter Bonität gemischt und als „strukturierte Schuldverschreibungen“ an den Markt gebracht. Dieser Müll hat die Finanzwirtschaft vergiftet und zu einer schweren Erkrankung der Weltwirtschaft geführt.

Zwar handelt es sich bei den Subprime-Anleihen um private Schuldner, bei Euro-Bonds dagegen um staatliche, aber die Inhalte der Pakete sind ähnlich: Sie enthalten etwas gute und viel schlechte Ware. Für die schwachen Südländer würden die Neuemissionen billiger, für Deutschland dagegen teurer. Ein großes Risiko aber ist, dass Deutschland als Hauptzahlmeister der Euro-Zone infolge der finanziellen Überbelastung seine Bestnote verlieren würde.

Wir sollten die Warnung des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln ernst nehmen, der gesagt hat: „Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem Ihr die Starken schwächt. Ihr könnt den Menschen nie auf Dauer helfen, wenn Ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und könnten“. Für die Südeuropäer heißt das, ihre Wirtschaft so fit zu machen, dass sie im Euro-Club wie Gleiche unter Gleichen leistungs- und wettbewerbsfähig würden.

Vor dem Beitritt zur Währungsunion mussten sie für zehnjährige Staatsanleihen rund zwölf Prozent Zinsen zahlen, Deutschland nur sechs Prozent. Nach dem Beitritt mussten sie nur so geringe Zinsen zahlen wie Deutschland. Ihre Zinslast hatte sich durch den Euro-Beitritt gedrittelt. Sie haben über Nacht die Bestnote „AAA“ erhalten – ein Geschenk des Himmels. Sie hatten aber nicht begriffen, dass man sich diese Bestnote jeden Tag erarbeiten muss. Nun fordern sie ein zweites Geschenk: die gute Bonität Deutschlands soll ihnen wieder zu niedrigeren Zinsen verhelfen.

Das wäre der Eintritt in eine Transferunion, ähnlich dem deutschen Länderfinanzausgleich. Ist es nicht grotesk, dass wir in Europa noch ein loser Staatenbund sind, aber trotzdem gegenüber den insolventen „Nachbarn“ immer größere Zahlungen übernehmen, während die USA ein Bundesstaat sind, der aber keinen Cent an insolvente „Familienmitglieder“ wie Kalifornien zahlt?

Es führt kein Weg daran vorbei, dass einige Staaten an der südeuropäischen Peripherie ausscheiden. Es wäre für alle Beteiligten besser, ihnen einen Teil ihrer Schulden zu erlassen und ihre Banken zu rekapitalisieren, als unablässig Geld in ein Fass ohne Boden zu werfen. Dann wären sie wieder Herr ihrer Geschicke und sie wären nach einer Abwertung ihrer Währungen auch wieder konkurrenzfähig. Es wird aber noch dauern, bis wir an diesem Punkt angelangt sind, denn die Politik in Berlin und Paris wird versuchen, den Status quo auf Biegen und Brechen zu erhalten, und sich von Krise zu Krise durchzuwursteln.

Das bedeutet, dass wir für längere Zeit mit weiteren Turbulenzen an den Finanzmärkten, aber auch mittelfristig mit einer höheren Inflation, rechnen müssen. Die Börsen haben seit dem Zwischenhoch massiv verloren. Gleichzeitig haben die Kurse der Fluchtvehikel Gold, Schweizer Franken und deutsche Staatsanleihen neue Höchstkurse erreicht – Zeichen höchster Verunsicherung.

Die Märkte haben die Beschlüsse, die Frau Merkel und Herr Sarkozy am Dienstag in Paris ausgeheckt hatten , allesamt als Luftbuchungen gewertet. Eine Wirtschaftsregierung und eine Schuldenbremse für alle Euro-Mitglieder sind Ladenhüter, die entweder erst spät oder vielleicht nie zum Einsatz kommen.

Ist die Situation wirklich ausweglos? Zunächst: Eine gigantische Immobilien- und Rohstoffblase wie 2008 gibt es nirgendwo. Die Rohstoff- und Ölpreise sind schon deutlich gefallen, so dass auch die Inflationsraten wohl ihren Höhepunkt überschritten haben. Das gibt den Notenbanken freie Hand, ihre ultralockere Geldpolitik fortzusetzen, und den Konsumenten mehr Kaufkraft. Überdies hat Präsident Barack Obama bereits ein Wirtschaftsförderprogramm angekündigt, das er im September vorlegen will.

Europa bleibt das schwächste Glied. Hier liegt die Hauptlast auf den Schultern der EZB, die als „Geldgeberin der letzten Instanz“ weiter ihren Sündenfall begehen und südeuropäische Anleihen kaufen wird. Was bedeutet dies für die Geldanlage? Die Unsicherheit wird noch anhalten. Daher ist bis zum Herbst noch mit Schwankungen zu rechnen.

Doch die Perspektiven für Aktien sind – umso mehr nach dem Kursabsturz – gut. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis des Dax liegt mit „Neun“ am untersten Rand, wie bei einer schweren Rezession. Selbst wenn die Unternehmensgewinne etwas zurückgehen, sind Aktien noch sehr günstig bewertet. Zudem sind sie mit Dividendenrenditen von vier bis acht Prozent viel attraktiver als Bundesanleihen.

Der Autor ist Senior Partner bei der Fiduka-Depotverwaltung.