Edelmetall

Wenn der Goldverkauf zum Frustgeschäft wird

In der Krise setzen Geschäftsleute auf Gold. Doch vom Hype um das Edelmetall profitieren Kleinanleger nur selten. Ein Selbstversuch.

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Die Stadt erwacht gerade erst, da meldet die Stimme aus dem Radio: „Feinunze Gold kostet erstmals mehr als 1900 Dollar.“ Genau sollen es 1913,50 Dollar sein, die in der Nacht in Singapur für 31,1 Gramm des Edelmetalls gezahlt wurden.

Die Aktienkurse schmieren ab, und Gold steigt und steigt. Nicht mehr viel, und die 2000 Dollar sind da, jene magische Zahl, die schon lange prophezeit wird – zumindest von Pessimisten, die gern über drohende Hyperinflation und unvermeidbare Euro-Demontage reden und Gold längst zur wahren Währung erkoren haben.

Wenn alle kaufen, dann verkaufe ich. Täglich neue Rekorde, plus 17 Prozent seit Anfang des Monats, plus 35 Prozent seit Anfang des Jahres, das kann nicht so weitergehen. Die Blase bei Technologieaktien am Neuen Markt platzte einst auch, als sich niemand mehr vorstellen konnte, dass es überhaupt noch einmal nach unten geht. Am Nachmittag ziehe ich los mit einem Armband – defekt, aber das Gold schimmert verlockend.

Schlangestehen beim Goldhändler

Erste Station: ein Goldankäufer unweit der Zeil, der großen Einkaufsstraße in Frankfurt am Main. Wer rein will, muss klingeln. Fensterloser Raum, Theke, Weltzeituhren an der Wand. Einer Frau werden gerade ein paar Hundert Euro ausgezahlt. Zwei Herren reichen drei, vier Münzen über die Theke und lassen sie wiegen. Der vom Händler genannte Preis ist ihnen offenbar nicht hoch genug. Sie gehen.

Jetzt bin ich an der Reihe. Offen und freundlich ist der Herr. Er legt mein Armband auf die Waage: 61,4 Gramm. Dann nimmt er ein Stück, reibt es auf einem Stein und streicht eine Flüssigkeit darüber. Salpetersäure, wie ich später nachlese. Je reiner eine Goldlegierung, desto eher widersteht sie der scharfen Säure.

Bis zu einem Wert von 22 Karat kann der Schnelltest Anhaltspunkte zur Reinheit geben. Je reiner, desto mehr ist es wert. 24 Karat sind pures Gold, also 100 Prozent, bei 22 Karat bestehen 91,6 Prozent aus Gold, der Rest ist häufig Kupfer oder Silber. Bei 18 Karat sind es 75 Prozent, bei 14 Karat etwas mehr als 58 Prozent. Doch mit Prozentzahlen hantieren die Fachleute nicht. Sie sprechen dann von 916er Gold, 750er Gold, 583er Gold – oder eben von Karat.

Mein Armband lässt sich von der Säure wenig beeindrucken. „Oh, das ist zumindest 916er-Gold“, sagt der Händler. Also 22 Karat. Das klingt gut. Er tippt auf seinem Taschenrechner herum, geht kurz hinter die Stellwand, kommt zurück und sagt dann: „Ich kann Ihnen 2000 Euro dafür geben.“ 32,57 Euro je Gramm.

Ich erinnere mich an den Rat eines Goldexperten : Immer verschiedene Angebote vergleichen. Es geht dem Goldhändler nicht darum, seinen Kunden einen guten Preis zu machen, sondern vor allem sich selbst. Ich packe das Armband wieder ein – auf zum nächsten Händler, zwei Straßen weiter, ein Juwelier.

Ich bin allein in dem kleinen Laden, zeige das Armband. Der Herr hinter dem Tresen hält sich eine Lupe vor das Auge, er sucht den Prägestempel. Vergeblich. Die winzigen eingestanzten Zahlen würden die Bestimmung vereinfachen. Wobei es viele Geschichten von Urlaubern gibt, die stolz mit ihrem neuen Schmuck inklusive Prägung zurückkehrten und dann feststellen mussten, dass es das Gold im Süden doch nicht günstiger gibt, die Fälscher nur fleißiger sind.

Angebotsvergleich lohnt sich

Auch der Juwelier greift auf den Säuretest zurück. „Das ist 18 Karat Gold“, sagt er und lächelt mich erwartungsfroh an. Weniger als bei dem Händler zuvor. Immerhin zeigt seine Waage mehr an: 62,4 Gramm. Ein Gramm mehr. Seltsam. Kann aber stimmen, eben war das kleine Tütchen mit den defekten Teilen nicht dabei. Wieder Taschenrechnergeklapper: 1716 Euro, 27,50 Euro pro Gramm.

Fast 300 Euro Unterschied. Ein drittes Angebot muss her. Auf ins Bahnhofsviertel. Eine Leuchtschrift verspricht „Goldankauf zu fairen Preisen, bis zu 45 Euro pro Gramm“. Mal sehen. Ein großer Laden mit schmuckbefüllten Vitrinen. Doch die interessieren nicht. An den drei Schaltern am Kopfende sind die Kunden. Hat etwas von einer Bank.

Das ganze Armband will ich ungern unter der Scheibe durchschieben. Ich gebe nur eines der kleinen Teile. Der Mann nimmt es, verschwindet. Nach zwei, drei Minuten ist er zurück. „Das sind 18 Karat“, sagt er. „Dafür zahlen wir 22 Euro pro Gramm.“ Ganz schön wenig. Auf meinen Einwand hin, dass andere mehr zahlen wollten, folgt eine abschätzige Handbewegung. Der Blick sagt: Nimm das Geld oder verschwinde. Ich verschwinde.

Dann lieber noch einmal zum Juwelier von eben. Der wollte für 18 Karat immerhin 27,50 Euro zahlen. Vielleicht lässt er sich überzeugen, dass es mehr als 18 Karat sind. Und siehe da, hier geht tatsächlich noch etwas. 750er- oder 916er-Gold? Das kleine Holzkästchen mit den Säurefläschchen kommt wieder auf den Tresen, zum Vergleich holt er dieses Mal auch noch eine Goldmünze aus der Schublade.

Beide Metalle reibt er auf den Stein und bestreicht den Abrieb. Dann schaut er sich das Armband wieder mit der Lupe an. „Hmm, wirklich kein Stempel, bestimmt auf dem fehlenden Verschlussteil“, murmelt er. Wo es denn her sei. „Aus Saudi-Arabien, schon lange her“, sage ich und frage, auf den Stein zeigend: „Was ist denn nun mit dem Säuretest?“ „Später, später“, kommt die knappe Antwort. Offenbar liefert der Test nicht das erhoffte Ergebnis.

Der Juwelier ist noch bei der Herkunft. „Ah, Saudi-Arabien, dann sind es 21 Karat.“ Moment, waren es vor einer halben Stunde nicht noch 18 Karat? „Ja, wenn der Schmuck aus Spanien oder Portugal wäre, dann wären es 18 Karat, aber Saudi-Arabien sind 21 Karat.“ Mir soll es recht sein. Jetzt gibt es mehr: 1984 Euro. So schnell kann es gehen, das Armband ist fast 270 Euro mehr wert, statt 27,50 Euro pro Gramm nun fast 32 Euro.

Ich beende erst einmal meine Verkaufsoffensive und gehe zurück ins Büro. Zwischen 22 Euro und gut 32 Euro pro Gramm wollten die Goldankäufer also zahlen. Jetzt hole ich den Taschenrechner raus. Wie hoch der Abschlag gegenüber dem Weltmarktpreis wohl ist? Der liegt mittlerweile bei 1870 Dollar je Feinunze. Umgerechnet auf die genannten Karatzahlen liegt der Abschlag zwischen 13 und satten 30 Prozent. Wobei dazugesagt werden muss, dass dies nicht alles der Gewinn des Ankäufers ist.

Händler kassiert Risikoabschlag

Zu den Kosten, etwa für Laden und Personal, kommt noch ein Risikoabschlag, wie ein erfahrener Händler am Telefon erklärt. Schließlich wisse der Ankäufer in dem Moment, in dem er das Armband nimmt, nicht, was er selbst dafür bekommt. Er wird das Gold erst Tage später zum Einschmelzen bei der Scheideanstalt abgeben – dann kann der Preis schon wieder ein anderer sein. Hinzu kommt: Der Säuretest liefert nur ein vages Ergebnis, der wahre Reinheitsgehalt wird erst später im Labor festgestellt. Irrt sich der Händler zu häufig, zahlt er drauf.

Was mit dem Risikoabschlag genau gemeint ist, merke ich zwei Tage später, es ist mittlerweile Donnerstag. Die Feinunze wird an den Kapitalmärkten gerade noch zu 1710 Dollar gehandelt. Einen solchen Absturz gab es seit 2008 nicht mehr. Schon wird gemunkelt, dass die Blase geplatzt ist, wie einst beim Neuen Markt. Ich gehe noch einmal zu jenem Goldankäufer, der am Dienstag 2000 Euro bot.

„Behalten Sie es“, sagt er jetzt, kaum dass ich in seinem Laden stehe. Er wolle das Gold nicht mehr. Er könne mir für das Armband nur noch 1600 Euro bieten. 1600 Euro statt 2000 Euro. Das sind 20 Prozent weniger, obwohl der Preis an den Weltmärkten nur um rund zehn Prozent gesunken ist.

„Ja, wenn der Goldpreis fällt“, entgegnet der Händler. Das Risiko, dass er selbst in einigen Tagen noch weniger für das Armband bekommt, ist ihm zu hoch. Keine Chance. Beim Hinausgehen frage ich mich noch: Was bringt mir Gold, wenn ich es nicht zu einem vernünftigen Preis loswerde, wenn ich Geld brauche?