Nobelpreisträger Scholes

Börsenchaos beschert Spekulanten goldene Zeiten

Die Nervosität an den Märkten löst starke Kursschwankungen aus. Nobelpreisträger Scholes sieht darin vor allem Chancen für Risikofreudige.

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Alle drei Jahre kommen die Granden der Wirtschaftswissenschaften in Lindau am Bodensee zusammen. Es ist eine Art Klassentreffen der Geistesgrößen. Mit Blick auf See und Alpen wird debattiert, gestritten, gefeiert. In diesem Jahr standen die Finanzmärkte im Mittelpunkt der Diskussionen. Mit dabei war auch Myron Scholes. Er ist einer der Menschen auf der Welt, die am intensivsten über Kapitalmärkte nachgedacht haben.

Der emeritierte Stanford-Professor hat nicht nur die maßgebliche Theorie über den fairen Wert von Optionen und anderen Finanzinstrumenten entwickelt, er hat sich immer auch als Praktiker verstanden. Dass der von ihm beratene Riesen-Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) nach mehreren erfolgreichen Jahren 1998 pleiteging und mit viel Geld der Finanzindustrie gerettet werden musste, ficht ihn nicht an.

Das Verständnis der Börsen ist für Scholes ein evolutionärer Prozess: Erfahrung führt zu stetiger Anpassung der Theorie. Im Gegensatz zu vielen seiner Standeskollegen hat Scholes den Glauben an die freien Kapitalmärkte noch nicht verloren. Scholes grenzt sich zum Beispiel von dem 2001 ausgezeichneten George Akerlof aus Berkeley ab, der die Irrationalität der Märkte anprangert und Abhilfe fordert.

Der 1941 geborene Scholes wirkt wie ein entspannter Privatier. In rosafarbenem Poloshirt, Freizeithose in Beige und schwarzen Sneakers haftet ihm nichts von dem Dünkel an, der so manchen Laureaten umgibt. Trotz 36 Grad im Schatten ist Scholes in bester Streitlaune.

Zweieinhalb Stunden lang macht er, der sich selbst als „War General“, als Kriegsgeneral der Märkte bezeichnet, mit den Reportern einen Parforceritt durch die Börsenlandschaft. Zwischendurch schaut Scholes’ junge Ehefrau vorbei und gibt sich als hartgesottene Spekulantin zu erkennen, die ihren Mann bei der Risikofreude sogar noch in den Schatten stellt.

Scholes versprüht Begeisterung für die Kapitalmärkte und hält auch mit seiner Meinung zur Geldpolitik nicht hinterm Berg. Allein als das Thema auf seinen Schiffbruch mit LTCM kommt, wird er schmallippig. Lieber wolle er über neue Chancen reden als über alte Irrtümer.

Morgenpost Online: Die hohen Schwankungen an den Märkten verschrecken viele Anleger. Ist das der Fluch außer Rand und Band geratener Märkte?

Myron Scholes: Wir alle lieben Fixpunkte, im Privaten nicht anders als bei der Geldanlage. Doch dieser Anker ist durch die Finanzkrise zerbrochen. Die Märkte müssen jetzt erst einen neuen Fixpunkt finden, und das kann eine Zeit lang dauern.

Morgenpost Online: Welche Gesetze steuern das Geschehen an den Märkten?

Scholes: Das Geschehen an den Märkten lässt sich mit dem Getümmel auf einem Spielplatz vergleichen. Manche Kinder tummeln sich zusammen im Sand, andere spielen zusammen mit dem Ball und wieder andere sind an der Rutsche oder der Schaukel. Wir sehen das Geschehen von außen und erkennen Strukturen. Ökonomen sprechen auch von Korrelationen. Doch plötzlich lösen sich die Gruppen auf, und die Kinder strömen alle in eine Richtung. Auf einmal korreliert alles miteinander. Was ist passiert? Ein Eiswagen hat gebimmelt.


Morgenpost Online: An der Stelle sind wir jetzt?

Scholes: Nein, der Eiswagen ist schon wieder weg, aber die Kinder finden sich nicht zu ihrem alten Spiel zusammen. Jeder sucht sich etwas Neues aus. Genau in dieser Suchphase befinden wir uns jetzt. So was wie den Eiswagen nennen wir in der Wissenschaft Attraktor. Der Eiswagen, der alles durcheinandergebracht hat, war die Finanzkrise.

Morgenpost Online: Können wir aus der Historie ableiten, auf welche Weise und wie schnell die Kinder wieder zu Gruppen zusammenfinden?

Scholes: Der Blick in die Geschichte hilft auf jeden Fall. Er lehrt uns, dass die Kinder nicht auf Dauer chaotisch herumrennen werden. Sie werden wieder das bilden, was wir in der Wissenschaft Cluster nennen. Die verschiedenen Anlageklassen werden wieder miteinander korrelieren. Aber wie schnell das geht und welche neuen Spielgefährten sich zusammenfinden, das vorherzusagen ist die Kunst.

Morgenpost Online: Überwiegen derzeit die Chancen oder die Risiken am Kapitalmarkt?

Scholes: Noch ist es eine extrem schwierige und unruhige Zeit. Die hohe Volatilität funktioniert wie ein Zeitraffer. Kursbewegungen, wie sie sonst in einem Jahr anzutreffen sind, werden in einen Handelstag komprimiert. Ich kann es keinem Anleger verdenken, der Sicherheit sucht.

Morgenpost Online: Gibt es so was wie Sicherheit denn noch in diesen Zeiten?

Scholes: Wer Sicherheit sucht, muss zwei Komponenten beachten: Der Emittent muss krisenfest und die Anlageform, die er ausgibt, muss gegen Geldentwertung geschützt sein. Da bleiben wenige Anlagen übrig, vor allem inflationsindexierte US-Staatsanleihen, sogenannte TIPS. Beim Emittenten USA steht außer Zweifel, dass Zinsen und Tilgung gezahlt werden können, und das Risiko des Wertverlusts ist durch die Kopplung der Zinsen an die Inflationsrate ausgeschaltet.

Morgenpost Online: Ist die hohe Volatilität an der Börse d as Todesurteil für die Aktienanlage?

Scholes: Es mag sich überraschend anhören, aber eine zu niedrige Volatilität ist auf Dauer ebenfalls nicht gut. Sie verführt die Investoren dazu, über alle Maßen Risiken einzugehen und legt damit den Grundstock für die nächste Finanzkrise.

Zu niedrige Schwankungen lullen die Anleger ein. Sorglosigkeit macht sich breit, weil der Markt linear und leicht berechenbar scheint. Und wenn dann plötzlich ein Schock die Finanzwelt erschüttert, sind alle aufgeschreckt, weil sie erkennen, dass ihre Investments doch nicht so risikofrei waren. Wenn die Dinge allzu gut laufen, ist es schwer, geistig flexibel zu sein.

Morgenpost Online: Sehen Sie denn jetzt auch Chancen?

Scholes: Zweifelsohne bietet eine Umbruchphase auch Chancen. Das sind goldene Zeiten für Risikofreudige. Alte Gewissheiten werden erschüttert, neue Theorien bilden sich aus. Über kurz oder lang kehren die Märkte nach einer Korrektur zu einem langfristigen Trend zurück. Und wer auslotet, wo der langfristige Trend liegt, kann aus den Übertreibungen Profit schlagen. Er muss sich allerdings sputen, weil die Anpassungsprozesse sich relativ schnell vollziehen ...

Morgenpost Online: ... aber ist das Geld nicht lange weg, ehe der langfristige Trend erreicht ist, etwa weil meine Verlustbegrenzung gegriffen hat oder mein Zertifikat an einer Barriere ausgestoppt wurde?

Scholes: Dafür gibt es Modelle für Risikomanagement und Portfolio-Allokation. Sie bewahren Anleger davor, allzu einseitig zu investieren oder zu wenig Risikopuffer einzubauen.

Morgenpost Online: Das ist uns zu akademisch. Was heißt das denn konkret?

Scholes: Erst mal sollten wir uns klarmachen, dass die jetzige Krise nicht das Ende der Welt ist. Und es werden auch nicht alle Unternehmen pleitegehen. Es gibt so viele ungelöste globale Probleme vom knappen Trinkwasser bis hin zu Körperersatzteilen, für die Firmen Produkte entwickeln können. In den USA wie auch in Europa finde ich eine Menge innovativer Gesellschaften, die gute Anlagemöglichkeiten bieten. Denken Sie nur an Siemens oder Philips mit ihrer Medizintechnik oder den Ölzulieferer Schlumberger. In diesen Technologien ist der Westen das Zentrum der Innovation. Und es gibt noch viele Zukunftsbereiche: Nanotechnik oder 3-D-Printing als Produktionsverfahren zum Beispiel. Auf diesen Gebieten ist der Westen führend. Dass China aufschließt, ist noch lange nicht absehbar.

Morgenpost Online: Also sollte man jetzt einsteigen?

Scholes: Erst müssen wir aus dem politischen Schlamassel herausfinden. Danach werden Aktien wieder ein großartiges Investment sein.

Morgenpost Online: Auch viele Ihrer Nobelpreiskollegen fordern mehr Regulierung, damit sich die Märkte beruhigen.

Scholes: Die Regulierung ist immer noch ein großes Rätsel. Das Problem damit ist vor allem, dass die Leute, die die Regulierung machen, dümmer sind als die Leute, die reguliert werden. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Regulatoren so schlecht bezahlt werden. Das wäre so, als würde man einen Schiedsrichter bei einem Fußballspiel einsetzen, der die Fußballregeln nicht kennt.

Häufig behindert Regulierung daher Innovation. Das Dodd-Frank-Gesetz, das den US-Finanzmarkt regulieren soll, umfasst 2300 Seiten. Der Glass-Steagall-Act von Anfang der 30er-Jahre kam noch mit 34 Seiten aus. Regulierung verzerrt Märkte, verhindert Innovation und bremst die Wohlstandsentwicklung. Wir müssen wieder mehr auf die Märkte vertrauen. Die Feldgeneräle dürfen nicht durch die Stabsgeneräle gefesselt werden.

Oder um ein anderes Bild zu gebrauchen: Die Dämme werden immer dort gebaut, wo zuletzt die Überschwemmung war und nicht dort, wo die nächste Überschwemmung droht.

Morgenpost Online: Beurteilen Sie das Eingreifen der Notenbanken am Kapitalmarkt ähnlich kritisch?

Scholes: Ja, Maßnahmen wie quantitative Lockerung erhöhen lediglich die Volatilität. Wenn Notenbanken damit auch noch den langfristigen Zins unter die Inflationsrate drücken, dann führt das zur Fehl?allokation von Kapital.

Morgenpost Online: Sie sprachen Finanzinnovationen an. Wie erzeugen denn zum Beispiel Derivate, die Warren Buffett einst finanzielle Massenvernichtungswaffen nannte, Wohlstand?

Scholes: Sie verteilen die Risiken besser und erhöhen die Liquidität in den Märkten, und beides ist natürlich positiv, höhere Liquidität bedeutet zum Beispiel niedrigere Kosten für die Geldaufnahme von Unternehmen.

Morgenpost Online: Aber Sie können doch nicht ernsthaft behaupten, dass die Derivate nur Gutes hervorgebracht haben, immerhin sind sie mit für die Finanzkrise verantwortlich.

Scholes: Wie bei jeder Innovation gibt es auch schlechte. Der Fehler der Finanzindustrie war, dass sie mit unzureichenden Modellen für das Risikomanagement ?gearbeitet hat. Die Ratingagenturen haben ihren Beitrag zur Misere geleistet, indem sie bestimmte Strukturen systematisch zu positiv bewertet haben, so hat sich ein gefährliches Maß an Risiko angesammelt.

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