Schwarzwald

93 Bilder weg – weil die Freundin die Diebe rein ließ

In der süddeutschen Provinz werden einem Sammler 93 Kunstschätze gestohlen. Seine ukrainische Freundin ließ nachts die Diebe ins Haus.

Foto: dapd

Lange hatte die Frau aus der Ukraine, deren Verhaftung die Polizei bereits bekannt gab, nicht gebraucht, um sich das Vertrauen von Egon Wolfgang Tistou Kerstan zu erschleichen. Denn der Name des Kunstsammlers war in Deutschland erst im März 2009 bekannt geworden.

Bis dahin hatten nur wenige Eingeweihte gewusst, dass der Landschaftsarchitekt und seine Frau, die Augenärztin Charlott Kerstan, eine fantastische Sammlung von Werken der Klassischen Moderne besaßen.

Erst im Frühjahr vor zwei Jahren zeigte das städtische Museum im südbadischen Engen eine Auswahl von rund 60 Werken aus der Kollektion – darunter Gemälde von Jawlensky, Münter und Kandinsky, Papierarbeiten von Schlemmer, Feininger, Kirchner, Heckel und Kirchner und Grafiken von Cézanne, Beckmann, Picasso und Matisse – und nannte den Namen der Sammler.

Katalogtext verrät Adresse des Sammlers

Im Dezember des Jahres setzte das Karlsruher ZKM noch einen drauf und verriet in einem Katalogtext ungeniert, wo genau sich die wertvolle Sammlung befand: im 7000-Seelen-Örtchen Murg im Hotzenwald, am südlichsten Zipfel des Schwarzwaldes. „Der Aufbau unserer Sammlung hat uns immer zu echten Entbehrungen gezwungen“, wird Tistou Kerstan in dem Katalog zitiert, „doch das Sammeln erfüllte uns immer mit Freude.“

Vielleicht war es Einsamkeit, vielleicht fühlte er sich auch geschmeichelt, als eine in Köln lebende, rund 20 Jahre jüngere Frau seine Nähe suchte. In der Kosmetikbranche sei sie tätig, hatte die gebürtige Ukrainerin den Ermittlungen zufolge dem heute 83-Jährigen erzählt. Und dass sie von ihrem Ehemann getrennt lebe. Beides stimmte nicht.

Tatsächlich war der Kontakt zum angeblich Verflossenen noch so eng, dass die Frau ihm immer dann, wenn sie im Hause Kerstan übernachtete, heimlich die Haustür öffnete. Während der Sammler schlief, konnte sich der Ehemann in der Wohnung umsehen und immer wieder Bilder mit Mietwagen abtransportieren. Die Polizei geht von mindestens 18 Fällen und einem Gesamtschaden von 1,6 Millionen Euro aus.

Ein Jahr lang hatte das inzwischen geständige Diebespaar Zugang zum Haus in Murg. Dann erst fiel dem Sammler etwas auf: Kurz nachdem er im April 2010 seine Leihgaben aus dem ZKM zurückerhalten hatte, bemerkte Kerstan, das zwei der angelieferten Bilder bei ihm zu Hause nicht mehr aufzufinden waren. Er überprüfte seine Bestände und stellte entsetzt fest, dass 93 Werke verschwunden waren.

Etwa zur selben Zeit erschienen in deutschen Tageszeitungen mysteriöse Kleinanzeigen mit dem Hinweis auf eine inzwischen abgeschaltete Website mit der Domain www.gemäldediebstahl.de (Seite nicht mehr anwählbar, Anm. der Redaktion). Wer sie anklickte, fand unter der Überschrift „Gemäldediebstahl aus einer Sammlung in Süddeutschland in den letzten zwei Monaten“ zwar kein Impressum, dafür aber eine ausführliche Dokumentation der Sammlung Kerstan.

Belohnung auf verschwundene Bilder ausgesetzt

Abgebildet waren Vorder- und auch Rückseiten zahlreicher Bilder. Außerdem gab es eine Mobilnummer und folgende Aufforderung: „Für zweckdienliche Hinweise, die zu dem Täter führen, werden 20.000 Euro ausgelobt. Für Hinweise, die zur Wiederbeschaffung der Kunstwerke führen, werden 5 Prozent des jeweiligen Marktwertes ausgelobt.“ Es folgte eine Liste mit 34 Werken.

Der Mann, der sich unter der nach wie vor aktiven Nummer heute meldet, bestätigt nur, dass es sich um private Versuche gehandelt habe, die Bilder wieder zu finden. Auch polizeilich ermittelt wurde schon bald: zunächst gegen vier, später nur noch gegen zwei Verdächtige – das Ehepaar mit Wohnsitz Köln. Inzwischen waren der Polizei zahlreiche Widersprüche vor allem in den Aussagen der Ukrainerin aufgefallen.

Auf ihrem Konto gingen regelmäßig höhere Beträge ein. Ihre Angaben über die persönlichen Verhältnisse stimmten nicht. Und in ihrer Kölner Eigentumswohnung, die auf richterlichen Beschluss hin nach den verschwundenen Bildern durchsucht wurde, fanden die Beamten zwar nicht die fehlenden Kunstwerke.

Dafür trafen sie dort aber zu ihrer Überraschung den angeblich getrennt lebenden Ehemann an – einen 63 Jahre alten Kunsthändler. Und sie fanden Unterlagen, die zu einem mutmaßlichen Käufer in Konstanz führten. Er hatte – laut Polizei ohne von deren Herkunft zu wissen – gutgläubig sieben Werke vom Kölner Ehemann erworben.

Gaunerpaar auch in anderen Bundesländern aktiv

Anfang März folgten die Inhaftierung des Ehepaares und Durchsuchungen von Wohnungen und Bankschließfächern von – so die Polizei – überwiegend selbständigen Unternehmern, Ärzten und gut situierten Ruheständlern in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Bayern und Baden Württemberg.

22 weitere Werke aus der Sammlung Kerstan wurden dabei sichergestellt – und schließlich blieb den mutmaßlichen Dieben keine andere Möglichkeit, als ihre Taten zu gestehen. Sie verrieten mehrere Bilderlager, an denen sich weitere 36 noch nicht verkaufte Kunstwerke befanden – unter anderem bei zwei älteren Damen in Kaiserslautern und im bayerischen Auerbach, wo sie unter einem Vorwand abgestellt worden waren.

65 der 93 gestohlenen Kunstwerke hat die Polizei inzwischen gefunden – darunter die beiden berühmten Otto-Dix-Lithografien „Die Kupplerin“ von 1923 und die späte „Contessa“ von 1962. Jürgen Rudier und Hans-Gerdt Rind von der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen präsentierten außerdem eine aquarellierte Strandszene von Erich Heckel, eine Lithografie von Henri Matisse, das kleine Gemälde „Die Grüngasse in Murnau“, das Wassily Kandinskys 1903 in Oberbayern schuf, und Paul Cézannes kolorierte Druckgrafik „Die Badenden“.

1960 – im Jahr ihrer Hochzeit – hatten Charlott und Tistou Kerstan ihre Sammlung begonnen. Charlott Kerstan hatte schon vier Jahre zuvor in ihrer Praxis in Hannover Ida Kerkovius kennengelernt und durch deren Vermittlung Werke von Hölzel, Schlemmer und Baumeister erworben. In den sechziger Jahren freundete sich das Ehepaar mit dem Maler Max Bill an und besuchte Künstler wie Julius Bissier und Marc Chagall.

Seit dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren hatte Tistou Kerstan häufig überlegt, die Sammlung zu verkaufen – zu Gunsten der 1993 gegründeten „Kerstan Stiftung Vision 2000“, die augenmedizinische Forschungen fördert. Die Kollektion sollte dabei als Einheit erhalten bleiben, so der Sammler: „Das Gesammelte von fünfzig Jahren in alle Winde zu zerstreuen, das ist ganz gegen meine Natur.“

Inzwischen aber gibt es die Sammlung Kerstan nicht mehr. Denn alle Werke, die bei den Ermittlungen wiedergefunden wurden, sind inzwischen an Sammler und Händler verkauft. Nun leider doch einzeln. Und sehr wahrscheinlich auch aus Furcht.