Einbruch

Was ist bloß an der deutschen Börse los?

Sparer und Anleger blicken fassungslos auf das Chaos an den Finanzmärkten. Zehn Fragen und Antworten rund um den Crash.

Foto: dpa

Manchmal würde man sich wünschen, nicht recht gehabt zu haben. Vor drei Wochen überschrieben wir hier einen Artikel mit „Von nun an geht’s abwärts“. Er legte dar, warum Aktienbesitzer mit stürmischen Zeiten rechnen müssen. Am Tag darauf gab es den ersten Crash. Seither hat der Deutsche Aktienindex (Dax) fast 25 Prozent an Wert verloren. Einzelne Werte traf es sogar noch wesentlich schlimmer.

Der August ist zum Horrormonat für Sparer und Anleger geworden. Nicht nur die Aktienmärkte befinden sich im freien Fall, auch der Markt für festverzinsliche Papiere ist im Panikmodus und der Goldpreis rennt von Rekord zu Rekord. Die Finanzwelt droht in totales Chaos abzurutschen, und kaum jemand durchschaut noch, was hier eigentlich gerade warum passiert. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu und wagen einen Blick nach vorn.

1. Was ist die Ursache für den Aktien-Crash?

Das große Thema in den Medien war in den vergangenen Wochen die europäische Schuldenkrise. Doch für den Crash an den Aktienmärkten war dies nicht der ausschlaggebende Punkt. Vielmehr liegt die Ursache des Absturzes in den USA. Seit der Finanzkrise ist die US-Wirtschaft nie recht in Gang gekommen. Die hohe Verschuldung der Privathaushalte führt dazu, dass viele Amerikaner sparen müssen und weniger konsumieren. Lange Zeit wurde dies durch staatliche Konjunkturprogramme ausgeglichen. Diese laufen jedoch aus.

Schon seit einiger Zeit wurden die Konjunkturdaten daher schwächer. In den vergangenen drei Wochen kamen nun jedoch einige Umfragen hinzu, deren Ergebnisse schlicht katastrophal ausfielen, am Donnerstag beispielsweise der Stimmungsindex der Notenbank von Philadelphia. Er sank so tief, dass die Interpreten daraus ein Abrutschen der US-Wirtschaft in die Rezession ablesen. Dies würde einen drastischen Gewinnrückgang bei den Unternehmen bedeuten, und die Börsen nehmen dies vorweg – überall auf der Welt. Denn die USA sind zum einen nach wie vor die größte Volkswirtschaft der Welt.

Zum anderen sind die meisten Investoren Amerikaner. Die Schuldenkrise war also nicht die Ursache des Absturzes, sie verstärkte ihn aber. Denn eigentlich soll die Politik in Krisen helfen, diese einzudämmen. Doch diesmal geschieht das Gegenteil – die Politiker sowohl in Europa als auch in den USA agieren so, dass die Panik der Investoren noch geschürt wird.

2. Ist die Gefahr einer Rezession wirklich so groß?

Bisher gibt es keine harten Daten dafür, dass die US-Wirtschaft wirklich in die Rezession abgleitet. Alle veröffentlichten Indizes sind sogenannte Frühindikatoren. Sie versuchen mithilfe von Umfragen und Stimmungen zu ermitteln, wie es um die Wirtschaft steht. Diese Indikatoren funktionieren oft, aber nicht immer. Manchmal liegen sie daneben.

Allerdings sollten deutsche Anleger auch nicht den Fehler machen , aus der hiesigen Lage allzu viel Optimismus abzuleiten und nun darauf zu setzen, dass die Panik sich als völlig unbegründet erweist. Die deutsche Wirtschaft scheint zwar nach wie vor sehr gut zu laufen, selbst wenn das Wachstum sich abschwächt. Deutschland ist aber eine Insel der Seligen – in fast allen anderen Industriestaaten ist die Lage sehr düster, und die Frage ist nur, ob die Wirtschaft ganz schwach wächst oder schrumpft.

Zudem kann es zu einem Teufelskreis kommen. Fallen die Stimmungsindikatoren, sinken die Aktienkurse. Und die Kurseinbrücke führen wiederum zu einer schlechteren Stimmung, auch und gerade in den Unternehmen. So können sich die Panik an den Finanzmärkten und die schlechteren Aussichten in der Wirtschaft gegenseitig verstärken und hochschaukeln.

3. Können sich die Schwellenländer abkoppeln?

An die These von der Abkopplung glaubten viele auch zu Beginn der Finanzkrise Ende 2008. Am Ende konnten sich die aufstrebenden Volkswirtschaften dem Abwärtstrend dennoch nicht entziehen. Denn die Bedeutung der USA für Wirtschaft und Finanzmärkte bleibt hoch. Allerdings haben die Schwellenländer das Potenzial, die konjunkturelle Schwächephase abzufedern, sodass sie weniger stark und kürzer ausfällt als in der westlichen Welt. Für einige Länder, wie Indien oder Indonesien, gilt dies aufgrund der großen Bedeutung der Binnenkonjunktur mehr, für andere, wie China oder Russland, weniger. Sie sind nach wie vor stark von Exporten in den die westlichen Staaten abhängig.

Teilweise ist die Abschwächung der Konjunktur in den Schwellenländern jedoch von den Regierungen auch bewusst herbeigeführt worden, um so die Inflation in Schach zu halten. Dazu haben sie in den vergangenen Monaten die Zinsen teilweise drastisch erhöht. Diese könnten sie nun, wenn es hart auf hart kommt, ebenso drastisch wieder senken. Diese Möglichkeit haben die Industriestaaten nicht – hier sind die Leitzinsen schon bei oder nahe null Prozent.

4. Warum trifft es gerade deutsche Aktien so stark?

Deutschlands Wirtschaft hatte in den vergangenen zwei Jahren eine Sonderkonjunktur. Sie profitierte davon, dass sich die deutschen Firmen in den Jahren davor fit gemacht haben für den globalen Wettbewerb und sich voll auf die neuen Wachstumsregionen in den Schwellenländern eingestellt haben. Durch ihre Exportstärke profitieren sie daher von dem dortigen Aufschwung. Dies führte dazu, dass der Dax seit dem Tiefpunkt im März 2009 so stark gestiegen ist wie kaum ein anderer Index der westlichen Industriestaaten. Vor vier Wochen notierte er nur noch etwas mehr als zehn Prozent unter seinem Allzeithoch von 2007.

Der französische CAC 40 war dagegen zum selben Zeitpunkt noch 30 Prozent von seinem Rekordstand entfernt, der Mailänder MIB-Index sogar 50 Prozent. Diese Überrendite hatten die deutschen Werte vor allem ausländischen Investoren zu verdanken, die sehr viel Geld in deutsche Aktien investierten.

Wenn sich die Konjunktur nun abkühlt, dürften vor allem die exportstarken Nationen darunter leiden, glauben diese Investoren. Zudem ist in jeder Abwärtsphase zu beobachten, dass Anleger vor allem jene Positionen verkaufen, mit denen sie zuletzt am meisten Gewinn gemacht haben, um diese Gewinne zu sichern. Genau dies geschieht nun. Daher verliert der Dax besonders schnell an Wert. Er steht aber selbst jetzt beispielsweise immer noch besser da als der französische Index, betrachtet man den Zeitraum seit März 2009.

5. Verstärken Computer den Kursverfall zusätzlich?

Auffällig ist bei diesem Crash, wie rasant es nach unten geht. Innerhalb von drei Wochen verlor der Dax in der Spitze über 25 Prozent seines Wertes. Dies ist zumindest zum Teil auch durch die Automatisierung des Handels in vielen Banken zu erklären.

Zum einen wird die sogenannte Risikokontrolle heute weitgehend durch Computer übernommen. Dabei wird zuvor festgelegt, wie hoch die maximalen Verluste ausfallen dürfen. Wird diese Schwelle überschritten, wird automatisch die Reißleine gezogen und alles auf den Markt geworfen. Eine Krise auszusitzen – dieses Konzept kennen die Computer nicht. Und dies verstärkt dann noch den Abwärtstrend.

Zum anderen handeln viele Computer heute auch sonst vollkommen automatisch. Sturen Algorithmen folgend, die ihnen einprogrammiert wurde, durchforsten sie den Markt, kaufen und verkaufen, teilweise 30-mal pro Sekunde, nur um hie und da einen Cent Gewinn rauszuschlagen. Die Masse der Orders bringt den großen Ertrag. Diese Systeme können jedoch einen Absturz ebenfalls verstärken, da sie oft darauf programmiert sind, Trends zu folgen – egal in welche Richtung diese gehen.

6. Wohin fließt das ganze Geld?

Kracht es an den Aktienmärkten, suchen Anleger sichere Häfen. Diese sind traditionell Staatsanleihen und Gold. Genau dorthin fließt das Geld auch. Allerdings ist inzwischen die Auswahl der Staatsanleihen, die noch als sicher betrachtet werden, stark geschrumpft. Dies führt dazu, dass diese letzten Bastionen einen ungeheuren Zufluss an Kapital erleben.

Dies sind vor allem amerikanische, britische und deutsche Anleihen. Dabei mag es seltsam anmuten, dass auch amerikanische und britische Anleihen dazugehören. Doch in New York und London sitzen die größten und wichtigsten Investoren weltweit, und jeder Investor hat stets in seinen eigenen Heimatmarkt das größte Vertrauen.

Hinzu kommt, dass die USA mit dem Dollar immer noch die Weltleitwährung stellen. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn er garantiert, dass der Dollar stets als der ultimative Fluchtpunkt für Kapital gilt, egal wie schlecht es um die US-Wirtschaft und den dortigen Staatshaushalt bestellt ist. In Europa hat diese Funktion schon seit Jahrzehnten Deutschland, was noch aus den Zeiten der Bundesbank herrührt, die als Stabilitätsgarant galt.

Aufgrund der überwältigenden Nachfrage nach diesen Papieren sind deren Kurse zuletzt nach oben geschossen, was wiederum bedeutet, dass gleichzeitig die Renditen immer weiter sinken. In der vergangenen Woche erreichte die Rendite deutscher Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit ein neues Rekordtief bei 2,0 Prozent. Das bedeutet: Wenn der deutsche Finanzminister heute für zehn Jahre Geld ausleihen möchte, dann zahlt er dafür nur noch 2,0 Prozent Zinsen pro Jahr, obwohl die Inflationsrate bei 2,5 Prozent liegt. Investoren haben jedoch derartige Panik, dass sie für die vermeintliche Sicherheit dieser Papiere sogar einen realen Wertverlust hinnehmen.

7. Was bedeuten die Tiefs bei den Anleiherenditen?

Zu den größten Abnehmern deutscher Staatsanleihen zählen traditionell Lebensversicherer und Pensionskassen. Je tiefer die Renditen fallen, desto geringer fallen daher auch die Überschussbeteiligungen bei den Lebensversicherungen aus. Für einige Versicherer dürfte es sogar zunehmend schwer werden, den Garantiezins zu erwirtschaften. Für neue Verträge liegt er derzeit bei 1,75 Prozent – da ist nicht mehr viel Luft bis zu den zwei Prozent Rendite für zehnjährige Bundesanleihen. Zudem liegt der garantierte Zins für ältere Verträge noch deutlich höher, für Abschlüsse zwischen Juli 1994 und Juli 2000 wurden vier Prozent fest zugesichert.

Je länger die Phase der extremen Niedrigrenditen andauert, desto schwerer wird es für die Versicherer, diese Zusagen einzuhalten. Andererseits sind die niedrigen Renditen am Anleihenmarkt gut für alle, die Kredite aufnehmen wollen, vor allem für Immobilienkäufer. Denn der Satz für Immobilienkredite orientiert sich an den Renditen für die zehnjährigen Bundesanleihen. Auch Baugeld ist daher derzeit so günstig wie selten zuvor.

8. Wie tief kann der Dax noch sinken?

Man könnte nun natürlich zynisch antworten: Bei null Punkten ist Schluss. Doch das ist natürlich Unsinn. Es wird vielmehr irgendwann einen Punkt geben, an dem die Mehrheit der Investoren glaubt, dass die negativen Erwartungen, die bei einem bestimmten Indexstand eingepreist sind, völlig übertrieben sind. Wo genau dies der Fall ist, lässt sich natürlich nicht vorhersagen. Aber man kann Vergleiche ziehen.

Beim Höhepunkt der Finanzkrise nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers sank der Dax bis auf 3666 Punkte. Damals standen große Teile der deutschen Industrie praktisch still. Der Handel war in manchen Branchen komplett zum Erliegen gekommen. Selbst die Pleite von Industriegiganten schlossen damals manche nicht mehr aus. Würde der Dax wieder auf dieses Niveau fallen, dann wäre dies in der heutigen Lage sicher eine extreme Übertreibung. Die deutschen Firmen mögen zwar künftig weniger Geschäft machen. Von einer Lage wie 2008/09 sind sie jedoch meilenweit entfernt.

Aber selbst wenn die Stimmung so negativ würde, muss man berücksichtigen, dass dann nicht der Dax-Stand von 2009 der Boden wäre. Denn der Dax ist ein sogenannter Performance-Index. In ihm werden die ausgezahlten Dividenden mitverbucht. Der Unterschied lässt sich bei einem Vergleich mit dem Dax-Kursindex aufzeigen, der die Dividenden außen vor lässt. Da die Dividenden ja bereits ausgezahlt sind, muss man also auf den Kursindex schauen, um zu sehen, wie weit der Boden von 2009 noch entfernt ist.

Dabei zeigt sich: Er müsste noch 25 Prozent sinken, um das Niveau von damals zu erreichen. Auf den Dax-Performance-Index umgerechnet, bedeutet dies, dass der Boden bei rund 4100 Punkten erreicht wäre. Aber wie gesagt: Dabei wäre dann eingepreist, dass die deutsche Wirtschaft ähnlich abstürzt wie damals.

9. Wie hoch kann der Goldpreis noch steigen?

Während die Aktienkurse immer weiter fallen, strebt der Preis für Gold von einem Hoch zum nächsten. In dieser Woche erreichte er in der Spitze 1876 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm), ist also nicht mehr allzu weit von der Marke von 2000 Dollar entfernt. Auch in Euro gerechnet, kostet die Unze inzwischen rund 1300 Euro.

Das Problem bei Gold ist, dass es keinen „fairen“ Wert gibt. Bei jedem Unternehmen kann man die Gewinne als Grundlage für die Berechnung eines angemessenen Preises nehmen. Gold dagegen ist per se nutzlos. Sein Wert ergibt sich einzig daraus, was die Menschen ihm an Wert zuerkennen. Und dies wiederum hängt wesentlich davon ab, wie stark (oder gering) das Vertrauen in das übrige Finanzsystem ist.

Dieses Vertrauen ist derzeit sehr schwach, und bislang deutet wenig darauf hin, dass sich dies schnell ändert. Daher könnte der Anstieg auch über 2000 Dollar hinausgehen. Allerdings: Festigt sich das Vertrauen doch wieder, so kann der Preis auch sehr schnell wieder drastisch fallen. Denn wie gesagt: An sich ist Gold nutz- und daher wertlos.

10. Wie könnte ein Ausweg aus der Krise aussehen?

Der Höhepunkt einer Krise zeichnet sich meist dadurch aus, dass ganz offensichtliche negative Übertreibungen auftreten. Am Freitag überschrieb die „Financial Times“ einen Artikel mit „Warum Afrika Europa hinter sich lässt“ – hier ist offenbar inzwischen wirklich der Blick auf die Realitäten verrutscht.

Aber auch bei den Bewertungen für Unternehmen ist mittlerweile manches recht seltsam. Der Stahlhersteller ThyssenKrupp soll plötzlich nur noch etwas mehr als die Hälfte dessen wert sein, was er vor einigen Wochen wert war. Daimler verkauft weiter fleißig Autos in aller Welt, ist aber ebenfalls nur noch wenig mehr wert als im Frühjahr 2009, als die Bänder praktisch stillstanden.

Wann der Punkt kommt, an dem Investoren schließlich auf die negativen Übertreibungen aufmerksam werden, ist nicht vorhersagbar. Helfen würde jedoch, wenn einerseits die Euro-Staaten endlich die Schuldenkrise in den Griff bekämen und andererseits die USA endlich begännen, die Strukturprobleme ihrer Wirtschaft in Angriff zu nehmen, also weg vom Konsum auf Kredit, hin zu Innovation und einer global wettbewerbsfähigen Produktion.

Vielleicht wird aber auch schon der Freitag zu einem Wendepunkt für die Finanzmärkte. Denn da beginnt in dem Städtchen Jackson Hole im US-Bundesstaat Kansas die alljährliche Klausur der amerikanischen Notenbank. Viele Beobachter glauben und hoffen, dass die Herren des Geldes dann beschließen werden, erneut die Notenpresse anzuwerfen, um auf diese Weise die Konjunktur anzukurbeln. Dass dies wirklich eines der strukturellen Probleme der US-Wirtschaft beseitigen könnte, glaubt zwar niemand. Dennoch würde die neue Geldflut wohl dazu führen, dass die Kurse an den Finanzmärkten stabilisiert würden. Vorerst zumindest. Bis zur nächsten Panikattacke.