Geldanlage

Finanzkrise macht Zertifikate salonfähig

Nach den Kursverlusten befinden sich börsengehandelte Fonds im Aufwind. Die neuen Zertifikate-Kunden achten auf Sicherheit.

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Zertifikate haben sich als fester Bestandteil in den von Bankberatern und Vermögensverwaltern geführten Kundendepots etabliert. Nach einer aktuellen Studie der Steinbeis Hochschule Berlin, die „Morgenpost Online“ exklusiv vorliegt, beträgt der durchschnittliche Depotanteil von Zertifikaten derzeit zehn Prozent und soll in den kommenden drei Jahren deutlich ausgeweitet werden.

Damit stellen sie zusammen mit börsengehandelten Fonds (ETF) und den artverwandten Exchange Traded Commodities (ETC) für die Anlage in Rohstoff-Futures die einzigen Kapitalmarktprodukte dar, bei denen die knapp 200 befragten Anlageprofis von einer Ausweitung der Portfoliogewichtung ausgehen.

Der Studie zufolge soll der Zertifikate-Anteil in den kommenden drei Jahren von zehn auf zwölf Prozent steigen. Der Anteil von ETF und ETC könnte von jetzt acht auf elf Prozent anziehen. Die Verschiebungen gehen vor allem zu Lasten von klassischen offenen Investmentfonds und von direkt gehaltenen Anleihen. Wobei diese beiden Anlageformen aber auch dann noch mit 30 beziehungsweise 27 Prozent zu den mit Abstand wichtigsten Portfolio-Größen gehören werden.

„Diversifizierte Aktieninvestments setzen sich immer mehr durch. Anleger hinterfragen jedoch zunehmend die bei aktiv gemanagten Produkten erhobenen Gebühren, da passive Investments schon mit relativ kleinen Beträgen einen kostengünstigen Zugang zu fast allen Märkten ermöglichen“, nennt Matthias Kinttof von der DZ Bank, die die Studie in Auftrag gegeben hat, als den wichtigsten Grund für den Trend zu den kostengünstigen passiven Investments.

Die von den Anlageprofis erwartete Erholung des Zertifikatemarktes, dem mehr als 60 Prozent der Umfrageteilnehmer in den nächsten Jahren ein Wachstum von zum Teil deutlich mehr als fünf Prozent pro Jahr zutrauen, wertet Kinttof als Zeichen dafür, dass die vor drei Jahren durch die Pleite der US-Bank Lehman Brothers ausgelöste Vertrauenskrise inzwischen überwunden ist. „Das erwartete Marktwachstum geht mit einer Rehabilitation der Produktkategorie als solcher einher“, so Kinttof. Während bei der Befragung im Frühjahr 2009 noch jeder zweite Bankberater eine Imageverbesserung als einen der wichtigsten Faktoren für eine stärkere Nutzung von Zertifikaten benannte, sei dies in diesem Jahr nur noch für jeden zehnten Anlageprofi relevant gewesen.

Ein weiteres deutliches Erholungssignal ist die starke Zunahme bei der von den Bankberatern und Vermögensverwaltern wahrgenommenen aktiven Kundennachfrage nach Zertifikaten. Nachdem in den beiden Umfragejahren nach dem Lehman-Desaster lediglich sechs Prozent der Berater angaben, dass ihre Kunden von sich aus nach Zertifikaten fragen, stieg der Anteil in diesem Jahr um ein Drittel auf immerhin acht Prozent. Damit ist die Anlageform zwar noch weit von den Rekordwerten des Jahres 2007 entfernt, als 14 Prozent der Berater von aktivem Kundeninteresse sprachen, trotzdem deutet auch dies auf eine Trendwende hin.

Dabei zeigt sich auch, dass die „neuen“ Zertifikateanleger aufgeklärter und kritischer sind als früher. So geben beinahe 90 Prozent der Berater und Vermögensverwalter an, dass die Kunden im Beratungsgespräch häufiger Nachfragen stellen und weitergehende Informationen verlangen als vor der Finanzkrise. Und immer noch 80 Prozent erklären, dass sich viele Kunden vor einem Beratungsgespräch besser über Produkte und Marktgeschehen informieren als früher.

Damit einher geht auch eine Verschiebung der thematisierten Fragestellungen. Während sich Bankkunden in der letzten Umfrage vor dem Lehman-Ausfall vor allem für die Chancen der Anlageprodukte interessierten, stehen heute vor allem Sicherheitsaspekte, Kosten und die Funktionsweise der Produkte im Fokus des Kundeninteresses.

Das erhöhte Sicherheitsbedürfnis spiegelt sich auch bei der Wahl der Produkte wider. Die für Bankkunden mit Abstand wichtigsten Produkttypen sind Papiere mit Kapitalsicherung. Auf sie entfallen derzeit knapp 70 Prozent der in den Kundendepots enthaltenen Zertifikate und in diesem Segment wird auch für die kommenden Jahre das stärkste Wachstum erwartet. Mehr als die Hälfte der Anlageprofis geht in diesem Segment auch für die Zukunft von steigenden oder sogar stark steigenden Absatzzahlen aus. Auf Rang zwei folgen Aktienanleihen , denen ebenfalls von mehr als der Hälfte der Berater deutliche Zuwächse zugetraut werden. Im Aufwind sind aber auch andere klassische Zertifikatetypen wie Bonus- oder Discountpapiere.

Diese Erwartungen decken sich auch mit den vom Branchenverband DDV veröffentlichten Marktdaten, denen zufolge rund 60 Prozent der rund 100 Milliarden in Zertifikaten investierten Anlage-Euros in Produkten mit Kapitalsicherung stecken. Das stärkste prozentuale Wachstum verzeichneten in den ersten fünf Monaten des Jahres Discountzertifikate, Bonuszertifikate und Aktienanleihen, bei denen das Anlagevolumen bis Ende Mai (neuere Daten liegen noch nicht vor) um rund 30 Prozent anstieg.