Milliarden-Projekt

In Nigeria wächst eine Stadt aus dem Meer

Eine Viertel Million Menschen sollen auf einer künstlichen Insel vor der Küste Nigerias wohnen. Vorbild für die Landgewinnung ist eine deutsche Stadt.

Foto: eko atlantic

Babatunde Fashola will nicht nur der Welt zeigen, dass ein schwarzafrikanischer Staat in der Lage ist, dem Meer Land zu entreißen, um Menschen neue Wohnstätten zu bieten. Für den Gouverneur der nigerianischen Megametropole Lagos mit ihren mehr als zehn Millionen Einwohnern ist das weltweit jüngste Projekt urbaner Großplanung der Beginn zu einer besseren Zukunft für das mit Abstand bevölkerungsreichste Land des Kontinents: „Wir schaffen eine neue Stadt und das neue Finanzzentrum Afrikas.“

Eine neun Quadratkilometer große künstliche Insel lässt die Chagoury Gruppe, eines der finanzkräftigsten Konglomerate südlich der Sahelzone, derzeit direkt vor der Küste von Lagos aus dem Atlantik wachsen.

250.000 Menschen sollen hier in wenigen Jahren wohnen, weitere 150.000 Arbeitsplätze in den Bürotürmen finden, die für Banken aus Afrika, Europa und den USA bald in den Himmel wachsen werden. Auch Nigerias Börse soll hier künftig ihren Sitz haben.

Der Name der neuen Stadt ist Programm: Eko Atlantic. Während Lagos, die größte Megametropole Afrikas, am Verkehr, den Abfällen und den ungereinigten Abwässern ihrer Millionen-Bevölkerung zu ersticken droht, soll die neue künstliche City für den ganzen Kontinent zum Vorbild ökologischen Wohnens und Arbeitens werden: Sauberes Trinkwasser, Kläranlagen nach westeuropäischem Standard, ein intaktes Nahverkehrssystem samt Straßenbahn.

2,5 Millionen Quadratmeter Land werden aufgeschüttet

„Eko Atlantic wird den Menschen eine sichere und gesunde Atmosphäre bieten“, sagt David Frame, Geschäftsführer von South Energyx Nigeria Limited, die von der Chagoury-Gruppe zur Realisierung des neuen Milliardenprojekts gegründet wurde.

Die erste Phase der Arbeiten ist bereits beendet. 2,5 Millionen Quadratmeter Land sind aufgeschüttet und durch einen mehr als zwei Kilometer langen Damm, die „Große Mauer von Lagos“, auch vor den Wellen des Atlantiks geschützt. Stunde für Stunde bringen Lastwagenkonvois über einen Damm Betonklötze heran, von denen jeder fünf Tonnen wiegt, um die Trutzmauer bis zu ihrer Gesamtlänge von sieben Kilometer wachsen zu lassen.

Ihre Dimensionen wurden vom DHI Institut in Kopenhagen berechnet. Danach ist das Bollwerk stark genug, um selbst Flutwellen zu widerstehen, die jene Ausnahme-Stürme anbranden lassen, die nur einmal alle 1000 Jahre über den Atlantik fegen.

Mit der Aufspülung der Sandmassen aus dem Meer ist der belgische Spezialist Dredging International beauftragt. In der Vergangenheit hatte die Gesellschaft unter anderem die Aufspülungen von Altenwerder zur Erweiterung des Hamburger Hafens vorgenommen und künstliche Inseln zur Gewinnung neuen Baulands in Singapur geschaffen.

Zwar ist es nur wenige Jahre her, dass die gigantischen Bauprojekte samt neuer Inseln in Dubai im finanziellen Desaster für Investoren und die halbstaatlichen Projektentwickler des kleinen Emirats am Persischen Golf endeten.

Auf der Hauptinsel gibt es keine freien Flächen

Doch alle Experten sind sich einig, dass Eko Atlantic mit dem Größenwahn in dem Scheichtum, das wie Nigeria ebenfalls über größere Ölvorkommen verfügt, überhaupt nicht vergleichbar ist. Gerade einmal 1,8 Millionen Einwohner zählte Dubai – und wollte dennoch mit seinen gigantischen Projektentwicklungen neue Wohnstätten für mehr als zwei Millionen Bewohner schaffen. Vor allem reiche Ausländer sollten sich in dem heißen Emirat am Golf niederlassen.

Ganz anders ist die Situation in Lagos: Die 1472 vom portugiesischen Entdecker Rui de Sequeira als Stützpunkt für weitere Entdeckungsfahrten auf der Suche des Seewegs nach Indien gegründeten Stadt erstreckt sich über natürliche Inseln und wenige feste Landstriche in einer von Sümpfen geprägten Lagune.

In dem auf der Hauptinsel gelegenen Geschäftsbezirk gibt es keine freien Flächen mehr zur Erweiterung. Gleiches gilt auch für die bevorzugten Wohninsel Ikoyi und Victoria Island, auf denen Apartmentkomplexe und Luxusvillen reicher Afrikaner dicht an dicht stehen.

„Die Nachfrage nach neuem Wohnraum und neuen Büros in Lagos ist immens“, sagt Gouverneur Fashola. Diese Ansicht teilt ebenso die UNO-Abteilung für menschliche Siedlungsprojekte, UN-Habitat, die die Planung für Eko Atlantic unterstützt.

Neues Stadtviertel soll das Image von Lagos verbessern

Auch die französische Großbank BNP Paribas Fortis ist vom Erfolg überzeugt. Gemeinsam mit der First Bank of Nigeria und der First City Monument Bank aus dem afrikanischen Staat zählt sie zu den Finanzierungspartnern des Großvorhabens.

Das neue Stadtviertel soll auch den Ruf von Lagos international aufpolieren. Bislang gilt die von Slumvierteln aus Wellblechhütten und Holzverschlägen umgebene Megametropole als Synonym für die große Armut im ölreichen Nigeria. 65 Prozent der Einwohner leben nach Schätzungen von UN-Habitat unterhalb der Armutsgrenze. Weniger als zwei US-Dollar verdienen sie pro Tag.

Allerdings konnte Gouverneur Fashola die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich steigern – durch die Einführung des Grundbuchs. Sämtliche Grundstücke und Immobilien in Lagos werden im Kataster erfasst. Das ermöglicht selbst den Eigentümern primitivster Baracken einen Kredit auf ihren Besitz aufzunehmen, um so ein Geschäft zu starten.

Durch diesen Schritt kann die Stadt auch Grundsteuern erheben, um neue Straßen zu bauen und bestehende zu sanieren, Kläranlagen zu errichten und die Deiche zu verstärken. 42.000 neue Jobs sind in den vergangenen Jahren allein bei der Stadtverwaltung von Lagos und kommunalen Unternehmen entstanden, weitere Zehntausende in der Bauwirtschaft. „Wir verändern die Stadt und geben den Menschen Hoffnung“, sagt Fashola. Eine Entwicklung, die Eko Atlantic noch verstärken soll.