Nobelpreisträger-Tagung

Angst bedingt die Schwankungen am Aktienmarkt

Furcht herrscht an den Märkten. Anleger sollten jetzt nicht auf Schwankungen setzen, sie werden von Hedgefonds übers Ohr gehauen.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Wer an der Börse Geld verdienen will, sollte nicht auf Ökonomen hören. Die alte Anlegerweisheit wird dieser Tage am Bodensee Lügen gestraft. Nach Lindau sind 17 Wirtschaftsnobelpreisträger angereist, um über den Zustand der Finanzmärkte zu beratschlagen.

Ein Konzept steht im Mittelpunkt der Lorbeerbekränzten: die Volatilität. Dieses Phänomen beeinflusst die Renditechancen des Sparers ebenso wie die des milliardenschweren Hedgefonds-Managers. Wer die Gesetze der Volatilität missachtet, erleidet Schiffbruch.

Volatilität ist ein Maß für die Stärke der Kursschwankungen an den Märkten. Steigt oder fällt der Dax mehrere Prozent am Tag, ist die Volatilität hoch. So hatte der Dax am Donnerstag deutlich im Plus gelegen und stürzte später um bis zu vier Prozent ab, um sich dann wieder zu erholen. Geht es gemächlicher zu, ist die Volatilität dagegen niedrig. Bei fallenden Kursen ist die Vola, wie sie im Jargon heißt, höher als bei steigenden. Das liegt daran, dass Minuszeichen Angst erzeugen und die fließt in das Schwankungsmaß mit ein. Die Vola ist so etwas wie die dunkle Macht der Börse.

Wie sehr die dunkle Macht sich nach vorn spielt, lässt sich an den Volatilitätsindizes ablesen, die die großen Börsenbetreiber ermitteln. In Deutschland ist der VDax zuletzt auf den höchsten Stand seit der Lehman-Pleite gestiegen. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Übersee. Der amerikanische VIX , der die Schwankungserwartungen bei den größten US-Aktien misst, hat – abgesehen von den Niveaus 2008 – sogar den höchsten Stand seit 1987 markiert.

„Fundamentaldaten wie Gewinne oder Wirtschaftswachstum zu kennen ist das eine, die Volatilität als wesentliche Bestimmungsgröße für die Portfoliozusammensetzung und das Renditepotenzial das andere“, sagt Nobelpreisträger William Sharpe, der seine akademische Laufbahn den Risikomaßen gewidmet hat.

Seinen ersten wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte er 1963: „Ein vereinfachtes Modell zur Portfolio-Analyse“. Vor allem in der Fondsbranche ist Sharpe bekannt. Mit der nach ihm benannten Sharpe-Ratio hat er eine der wichtigsten Kennzahlen für die Geldanlage geschaffen. Sie gibt an, welches Risiko ein Fondsmanager in Kauf genommen hat, um Rendite zu erzielen. So wird mancher Profi entzaubert, weil er zwar hohe Erträge ausweisen kann, aber auf Kosten extremer Kursausschläge.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Laureaten ergründen in Lindau noch andere Dimensionen der Börsenschwankungen: „Es mag sich überraschend anhören, aber eine zu niedrige Volatilität ist auf Dauer ebenfalls nicht gut“, sagt Nobelpreisträger Myron Scholes. Denn Volatilität und Anlagezeit sind miteinander verknüpft. Wenn die Ausschläge an einem Tag neun Prozent betragen, wird die Kursentwicklung eines durchschnittlichen Börsenjahres in wenige Handelsstunden gepresst.

„Ein solcher Zeitraffer bringt Investoren um den Verstand“, sagt Scholes. Andererseits verführt eine dauerhaft niedrige Volatilität Investoren dazu, über Gebühr Risiken einzugehen. Und damit legen sie den Grundstock für die nächste Finanzkrise. Zu niedrige Schwankungen ermüden Anleger. Sorglosigkeit macht sich breit, weil der Markt linear und leicht berechenbar erscheint. „Und wenn dann plötzlich ein externer Schock die Finanzwelt erschüttert, sind alle aufgeschreckt, weil sie dann erkennen, dass ihre Investments doch nicht so risikofrei waren“, sagt Scholes.

Modell zur Ermittlung des fairen Wertes

Er weiß, wovon er spricht. Seine Berühmtheit in der akademischen Welt rührt von einem Modell her, mit dem sich der faire Wert von Optionen und anderen Finanzinstrumenten ermitteln lässt. Darüber hinaus kam er Ende der Neunzigerjahre in die Schlagzeilen, als einer der Köpfe des Hedgefonds LTCM. Der damals größte Hedgefonds der Welt hatte sich mit hohem Hebel verspekuliert und legte eine der größten Pleiten der Finanzgeschichte hin.

Und was bedeutet das für Anleger? Volatilität ist Bestandteil in praktisch jedem Portfolio. Anleger sollten sich von hohen Schwankungen nicht zum kurzfristigen Spekulieren verleiten lassen, sagt Sharpe. „Als Kleinanleger spielt man bei diesem Spiel gegen die Hedgefonds. Und die ziehen einem das Fell über die Ohren“, sagt der Laureat.

Ebenso skeptisch zeigt sich George Akerlof. „Extreme Volatilitäten sind ein Signal dafür, dass die Märkte nicht richtig funktionieren.“ Sharpe plädiert dafür, dass Anleger in einen noch zu schaffenden Weltfonds investieren, in dem alle relevanten Assetklassen entsprechend ihres proportionalen Anteils am Weltvermögen vertreten sind. Anders sieht das bei der Volatilität aus.

Hohe Schwankungen ausgleichen

Die erhöhten Schwankungen haben auch die Anbieter auf den Plan gerufen. Sie offerieren strukturierte Anlagevehikel, mit deren Hilfe Anleger gegensteuern können. Ein Indexfonds auf den US-Vola-Index VIX bildet dessen Kursentwicklung ab. Zuletzt konnten Anleger zweistellige prozentuale Gewinne verbuchen. Für Europa hat die UBS Papiere auf den Vola-Index VStoxx aufgelegt, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren, aber nach einer bestimmten Zeit auslaufen.

Wer auf eine Normalisierung setzt, kann Scheine der Société Générale erwerben. Sollte der Dax nicht unter eine bestimmte Marke fallen, können Anleger damit hohe Gewinne einfahren. Allerdings droht bei den momentanen Schwankungen rasch der Totalverlust. Es ist genau diese Unsicherheit, die auch die Nobelpreisträger umtreibt.

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