Altersvorsorge

"Aktionär" wird in Deutschland zum Schimpfwort

Seit 2001 haben die Deutschen in Summe fast 200 Milliarden Euro mehr an Aktien verkauft als gekauft. Der Negativtrend scheint unaufhaltsam.

Foto: Infografik Welt Online

Das Verhältnis der Deutschen zur Aktie hat sich weiter abgekühlt. "Die deutschen Privatanleger haben seit Jahren per saldo nicht mehr in Aktien investiert, obwohl mehrfach ein günstiges Kursniveau existierte", sagt Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts. Damit würden sie sich und ihrer Altersvorsorge schaden, fügt er hinzu.

Im zweiten Quartal 2000, der Deutsche Aktienindex war kurzzeitig auf mehr als 8000 Punkte geklettert, griffen deutsche Privatanleger ein letztes Mal kräftig zu. 16,4 Mrd. Euro legten sie zusätzlich in Aktien an – noch berauscht von der Börseneuphorie, als selbst Aktienmuffel ihr Herz für börsengehandelten Unternehmensbeteiligungen entdeckten, vor allem für die vermeintlich vielversprechenden des Neuen Marktes.

Ende der New-Economy-Blase startet Verkaufswelle

Ab Sommer 2000, der Dax war wieder bei 7000 Punkten, fing das Vertrauen mehr und mehr an zu bröckeln. 2001 setzte dann die Verkaufswelle ein, die bis Ende 2010 auf einen Negativ-Saldo von 195 Mrd. Euro anwuchs. Gerade noch in sechs der 40 Quartale wurden von heimischen Sparern mehr Aktien gekauft als verkauft. Am 31. Dezember 2010 verfügten die privaten Haushalte in Deutschland noch über ein Aktienvermögen von 230 Mrd. Euro. Zehn Jahre zuvor waren es laut Bundesbankstatistik noch 452 Mrd. Euro. Im ersten Quartal 2000 sogar noch 510 Mrd. Euro.

Privatanleger tendieren vor allem dazu, bei Kurseinbrüchen Aktien zu verkaufen. Die meisten Verkäufe gab es Ende 2002 als sich der Dax bereits den 3000 Punkten näherte und im vierten Quartal 2008, nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Damals flogen innerhalb weniger Wochen Dividendenwerte im Volumen von jeweils rund 30 Mrd. Euro aus den Depots. "Dieses Verhalten ist nur dann rational, wenn weitere Kursverluste befürchtet werden und die Absicht besteht, sich später wieder günstiger einzudecken", so von Rosen.

Eine solche Strategie verfolgten allerdings nur ganz wenige. Die meisten hatten sich ganz von Aktien getrennt. Zwischen dem Tief nach dem Platzen der Technologie-Blase Anfang 2003 und dem sich anschließenden Aufschwung bis auf wieder mehr als 8000 Punkte, gab es gerade einmal ein Quartal, in dem die Käufe der Sparer die Verkäufe überwogen. Und auch seit Anfang 2009 flossen netto nur 2,2 Mrd. Euro zurück.

Die jüngsten Turbulenzen an den Aktienmärkten sind in den Zahlen noch nicht enthalten. "Es steht zu befürchten, dass die neuerlichen Kursschwankungen die Zurückhaltung nochmals verstärkt haben", sagt von Rosen. Wenn sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre so fortsetzt in jedem Fall.

Schon jetzt ist der Eindruck, dass "Aktionär" mehr ein Schimpfwort ist, als dass der Begriff als unablässig Baustein für eine kontinuierliche Altersvorsorge steht. Zu viele finanzielle Enttäuschungen galt es wegen der Schaukelbörsen der vergangenen Jahre zu verkraften. Die einstige Weisheit gilt längst nicht mehr, dass man Aktien nur einmal kaufen und lange genug liegen lassen muss, um sich über einen schönen Gewinn freuen zu können.

Und angesichts der gerade wieder großen Unsicherheit an den Finanzmärkten sehen selbst Börsenprofis keine Anzeichen dafür, dass sich dies wieder ändern wird. "Man muss auch mal Papiere verkaufen", sagte unlängst Asoka Wöhrmann, oberster Fondsmanager der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS. Es gehöre dazu, sich auch einmal nach einem Kursplus von 30 Prozent von einer Aktie zu verabschieden und sich nicht zu ärgern, wenn es danach weitere 20 Prozent nach oben geht.

Kleinanleger trauen Fondsmanagern nicht mehr

Viele Privatanleger trauen diese Arbeit auch Fondsmanagern immer weniger zu. Die heimischen Investmentgesellschaften mussten gerade das schlechteste erste Halbjahr seit 1995 verkraften. Insgesamt zogen Privatanleger 3,6 Mrd. Euro aus Publikumsfonds ab. Zwar flossen zwischen Januar und Juli unter dem Strich noch gut eine Mrd. Euro in Aktienfonds – doch den Zuwachs verdankt die Branche allein börsengehandelten Indexfonds. Die für die Branche lukrativeren aktiv von einem Fondsmanager gesteuerten Produkte wurden trotz recht stabiler Kurse gemieden.

Die Verantwortlichen des Deutschen Aktieninstituts haben die Hoffnung auf Besserung offenbar bereits aufgegeben. Dabei geben die Ergebnisse der eigenen halbjährlichen Umfrage zumindest ein wenig Hoffnung: So lag die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfonds im ersten Halbjahr 2011 um 136.000 über dem Wert aus dem zweiten Halbjahr 2010.

Gegenüber den ersten sechs Monaten 2010 klafft allerdings immer noch eine Lücke von 289.000. Insgesamt halten 8,3 Millionen Anleger direkt oder indirekt Aktien. Im Jahr 2001, nach dem Höhepunkt der damaligen Aktieneuphorie, waren es noch fast 13 Millionen. "Der leichte Anstieg der Aktionärszahlen ist erfreulich, bedeutet aber noch keine Entwarnung oder Kehrtwende bei der Akzeptanz", so von Rosen. Ein richtiges Rezept, wie sich dies ändern soll, hat er nicht. Umfangreiche Aufklärung und Information Bürger seien notwendig.