Wertverlust

Anleger flüchten in Scharen aus britischem Pfund

Die britische Wirtschaft liegt am Boden, die Inflation erreicht Rekorde. Weil Investoren ihr Geld abziehen, verliert das Pfund stark an Wert.

Foto: picture alliance / empics / picture alliance / empics/PA Wire

Die Unruhen in vielen britischen Vorstädten scheinen nicht nur Entsetzen bei Fernsehzuschauern im In- und Ausland ausgelöst zu haben. Sie haben offenbar auch dazu geführt, dass viele Investoren ihren Blick auf Großbritannien verändert haben. Investoren hätten in den vergangenen Tagen in solch raschem Tempo Geld aus dem Land abgezogen wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Und eine Umfrage von Bank of America/Merrill Lynch unter Fondsmanagern weltweit brachte nun aktuell ans Licht, dass diese in Bezug auf keine andere Anlageregion so negativ eingestellt sind wie gegenüber der britischen Insel. Das Schlimme ist: Dafür gibt es gute Gründe. Am 11. August hatte Schatzkanzler George Osborne verkündet, dass die Konjunkturerholung länger dauern und schwieriger werden würde als erwartet.

Und das ist noch schöngeredet. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr höchsten 1,2 Prozent wachsen, noch weniger als in der Euro-Zone, zu der immerhin eine Reihe von Ländern gehört, deren Wirtschaft schrumpft. Und das, obwohl der Leitzins weiterhin bei 0,5 Prozent liegt und die Notenbank zuletzt andeutete, erneut Geld zu drucken.

Dies hat bereits jetzt dazu geführt, dass die Inflationsrate auf 4,4 Prozent gestiegen ist. Gleichzeitig werfen britische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit gerade mal noch 2,4 bis 2,5 Prozent an Rendite pro Jahr ab. Sparer werden auf der Insel also klammheimlich und Stück für Stück enteignet, in der Hoffnung auf diese Weise den maroden Staatshaushalt zu sanieren.

Die Schulden haben inzwischen eine Höhe von 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht. Im vergangenen Haushaltsjahr betrug die Neuverschuldung zudem elf Prozent des BIP. Diese Quote soll durch ein drastisches Sparprogramm innerhalb von fünf Jahren auf ein Prozent reduziert werden. Dies tut die Regierung vor allem, um die Bestnote AAA bei den Ratingagenturen nicht einzubüßen.

Doch dieser Schuss könnte am Ende nach hinten losgehen. „Die Sparmaßnahmen sind gut für die Ratings, aber in den Augen des Marktes unterminieren sie auch den Ausblick für das Wachstum”, sagt Ken Dickson, Direktor Deviseninvestments bei Standard Life Investments in Edinburgh.

Experten bleiben daher pessimistisch für Großbritanniens Wirtschaft und vor allem für seine Währung. Analysten haben ihre Prognosen für den Kurs des Pfundes gegenüber dem Euro für dieses Jahr mittlerweile um 5,7 Prozent zurückgenommen – mehr als bei jedem anderen wichtigen Währungspaar. „Ich bleibe ziemlich pessimistisch für das Pfund”, sagt Stephen Gallo, Leiter Markt-Analyse bei Schneider Foreign Exchange in London. Bis zum Jahresende erwartet er einen Kursverlust des Pfundes gegenüber dem Euro von über acht Prozent auf dann 96 Pence je Euro.

Das macht Investments in Großbritannien zusätzlich unattraktiv. Denn durch das stetig schwächer werdende Pfund verlieren ausländische Anleger stetig Geld. Kein Wunder also, dass der Geldabfluss aus Großbritannien schon einige Zeit anhält.

Im ersten Quartal haben Investoren netto 48,9 Milliarden Pfund (55,7 Milliarden Euro) aus britischen Aktien, Anleihen und Geldmarktprodukten abgezogen. In den drei Monaten davor beliefen sich die Kapitalabflüsse auf 55,3 Milliarden Pfund (63 Milliarden Euro), wie aus den jüngsten Daten des britischen Statistikamtes hervorgeht.

Ähnlich schlimme Zahlen musste das Amt zuletzt im dritten Quartal 2005 verkünden. Noch größere Probleme konnte das Land bisher nur aus zwei Gründen vermeiden. Zum einen werden die Staatsanleihen zu 70 Prozent im Großbritannien selbst an den Mann gebracht. Und für die Briten ist der eigene Staat immer noch vertrauenswürdig, so dass es bislang zu keinem Finanzierungsengpass kam wie in einigen Euro-Ländern. Zum anderen aber verhindern die Probleme in der Euro-Zone einen noch drastischeren Absturz des Pfundes.

Noch. Denn je länger die Malaise auf der Insel andauert, desto stärker könnte sie ins Bewusstsein der Investoren gelangen. „Die Fundamentaldaten der britischen Wirtschaft sind sehr schwach”, sagt Sara Yates, Strategin bei Barclays in London. Die Euro-Zone sehe im Vergleich dazu wesentlich besser aus. „Das Pfund ist daher stärker verwundbar.“