Kurssprünge

Computer übernehmen Herrschaft über die Börse

Die Finanzmärkte reagieren heute unglaublich schnell. Menschen kommen kaum noch mit. Computer haben beim Handel das Regiment ergriffen.

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Erst innerhalb von Minuten 500 Punkte runter, dann genauso schnell 300 Zähler rauf, schließlich wieder 400 nach unten – seit zwei Wochen geht es an den Börsen drunter und drüber. Viele Beobachter beschleicht die dumpfe Ahnung, dass die Finanzmärkte nicht mehr einfach nur abbilden, was in der realen Wirtschaft vor sich geht. Der amerikanische Publizist und Finanzmarkt-Experte Zachary Karabell drückt es so aus: „Dieser Kollaps des Marktes hat nichts mit Schuldenkompromissen, Europa oder der Rating-Abstufung der USA zu tun.“ Sondern? „Viel eher mit unserem neuen, unkontrollierbaren Finanzsystem“, glaubt Karabell.

Dieses Finanzsystem, der „Markt“, ist ohnehin ein schwer zu fassendes Gebilde, ein Universum individueller Meinungen und Entscheidungen, die zusammen auf kaum nachvollziehbare Weise Preise ermitteln. In den vergangenen Jahren ist der Markt noch mysteriöser geworden, weil in den großen Banken und an den Börsen immer mehr Funktionen vom Menschen zum Computer delegiert worden sind. Genau hier sehen viele eine Ursache für das extreme Auf und Ab der Kurse, zumal sich die größten Börsencrashs der Geschichte fast alle in den vergangenen 25 Jahren ereigneten, seit dem Siegeszug der Computer.

Tatsache ist: Wenn sich ein Bankkunde einst von einem größeren Aktienpaket trennen wollte, war es Aufgabe eines Händlers der Bank, die Papiere in möglichst kleinen Portionen nach und nach zu verkaufen, ohne dass der Kurs negativ beeinflusst wird. Heute übernimmt das ein Computer. Er ist so programmiert, dass er von sich aus die besten Zeitpunkte findet. Auch die Risikokontrolle ist in den Banken heute meist automatisiert. Fallen Kurse unter bestimmte Werte, schlägt das System Alarm und verkauft.

Allerdings ist Automatisierung nichts, was nur Banken betrifft. Auch Autos werden heute weitgehend von Robotern zusammengebaut. Fraglos hat dies die Produktivität erhöht und den Wohlstand gefördert. Nicht anders sei es mit den Computerbörsen, sagt Peter Gomber, Professor an der Universität Frankfurt. Und aus seiner Sicht sind die Börsen damit demokratischer geworden. Früher hatten nur wenige Spezialisten auf dem Parkett bestimmte Informationen über Unternehmen oder Staaten, die Masse erfuhr davon oft erst Stunden oder sogar einen Tag später. „Heute kann jeder Privatanleger an seinem Computer innerhalb weniger Sekunden Nachrichten sehen und sofort reagieren“, sagt er.

Das Problem ist, dass sich die Handelscomputer inzwischen oft verselbstständigt haben. Sie werden nicht mehr nur dafür eingesetzt, den eigenen Handel zu beschleunigen und zu vereinfachen. Sie handeln vielfach selbst. So gibt es Computer, die eingehende Nachrichten automatisch auf bestimmte Schlagwörter scannen und dann Kauf- oder Verkauforders geben. Während der Mensch noch die Überschrift der Nachricht liest, hat der Computer schon gehandelt.

Computer können auch Finten

Andere Computer täuschen durch Geschäfte mit einem „befreundeten“ Computer dem Markt Umsätze vor. Das Kalkül: Andere, „feindliche“ Programme deuten das als die Chance auf ein gutes Geschäft, steigen ein und bekommen dann Aktien angedreht, die der „Täuscher“ loswerden will. Wieder andere Computer durchforsten die Leitungsstränge zwischen den Handelshäusern danach, ob es irgendwo Anzeichen für einen Kaufauftrag gibt – und kommen diesem zuvor, indem sie die Aktie selbst schnell kaufen und dann teurer an den Gegenspieler verkaufen.

Hier ist der Mensch außen vor, hier handeln Computer völlig allein. Denn alles spielt sich in Millisekunden ab, also Tausendsteln einer Sekunde. Etwas mehr als eine halbe Millisekunde dauert es nur noch vom Eingang einer Order über die Verarbeitung im Xetra-System der Deutschen Börse bis zur Bestätigung für den Kunden.

Rechner wickeln 70 Prozent der US-Umsätze ab

70 Prozent des Umsatzes an den amerikanischen Börsen werden heute schon von speziell programmierten Hochgeschwindigkeitsrechnern bestimmt, in Europa wird der Anteil auf 40 Prozent geschätzt. Für die großen Spieler am Markt geht es daher darum, Programme zu entwickeln, Algorithmen, die Millionstelsekunden schneller sind als andere. Der Erfolg einer Bank hängt immer mehr von ihren Software-Entwicklern ab, immer weniger von ihrem Verständnis der Finanzmärkte.

Für Gomber ist aber auch das kein Grund zur Besorgnis, im Gegenteil: „Die Mehrheit dieser Marktteilnehmer sorgt für Liquidität und gibt damit den anderen die Möglichkeit, ihre Investmentideen schnell umzusetzen.“ Zudem sinken so die Kosten für den Handel. Andere sehen dies jedoch nicht ganz so positiv. Gleich zwei Studien – eine von der amerikanischen Yale University, eine von der Universität Madrid – wiesen zuletzt nach, dass diese Art des Computerhandels die Börsenschwankungen verstärkt, vor allem in turbulenten Phasen. Zudem verhindere der automatisierte Handel, dass fundamentale Daten korrekt in die Preise eingearbeitet würden, da Computer Überreaktionen provozierten – niemand, ganz gleich ob Mensch oder Maschine, will der Letzte sein, der aus einem Wertpapier aussteigt.

Man muss sich gar nicht darüber streiten, ob der jüngste Kurssturz darauf zurückzuführen ist. Einen Beweis für die These gab es schon am 6. Mai 2010. Damals rauschte innerhalb von Minuten der Dow Jones Index um 900 Punkte in die Tiefe . Offenbar hatte ein einzelner Händler für das Chaos gesorgt, indem er mit einer versehentlichen Eingabe viele der Hochleistungsrechner derart verunsicherte, dass diese in Bruchteilen von Sekunden Aktien auf den Markt warfen.

Die US-Börsenaufsicht reagierte, indem seither bei starken Wertveränderungen der Handel in einzelnen Aktien vorübergehend ausgesetzt wird, wie dies in Deutschland längst üblich ist. Die EU-Kommission will bis Oktober zudem eine Richtlinie vorlegen, die Leitplanken setzen soll für den Handel im Millisekundenbereich. Der allerdings reguliert sich vielleicht auch bald selbst. „Das Wachstum im Hochfrequenzhandel schwächt sich mittlerweile etwas ab“, sagt Gomber. Denn um einen zeitlichen oder strategischen Vorteil gegenüber anderen zu haben, müssen die Investoren einen immer höheren Aufwand betreiben. Und das, so Gomber, „rechnet sich für einige jetzt schon nicht mehr.“