Hedgefonds-Manager

"USA zahlen Preis für exzessives Kreditwachstum"

Die Schuldenkrise könnte die USA über Jahre hinweg schwächen, sagt Hedgefonds-Manager Gisondi. Trotzdem gebe es aber noch Profiteure.

Foto: GLG / GLG/privat

Spekulanten lieben turbulente Phasen wie jetzt. Denn setzen sie auf den richtigen Trend, können sie hohe Gewinne einfahren. Zu den wichtigsten Spielern gehören dabei Hedgefonds, und einer der größten Vertreter der Branche ist GLG Partners. John Gisondi leitet bei GLG einen Fonds, der auf Nordamerika setzt. Er erklärt, wie er die Lage sieht und worauf er setzt.

Morgenpost Online: Was ist los in Amerika?

John Gisondi: Der Staat und die Bürger müssen sparen. Dies führt dazu, dass das Wachstum in den USA die nächsten Jahre wahrscheinlich kaum über zwei Prozent steigt. Wir zahlen jetzt schlicht und ergreifend den Preis für 30 Jahre exzessives Kreditwachstum – sowohl bei der Regierung als auch bei den Privathaushalten. Das bedeutet, dass der Lebensstandard vieler Amerikaner sinkt. Ein Effekt ist, dass fast 20 Prozent arbeitslos oder unterbeschäftigt sind. Die hohe Arbeitslosigkeit wiederum belastet die Wirtschaft ebenfalls.

Morgenpost Online: Wie lange wird diese Krise andauern?

Gisondi: Das kann drei oder vier Jahre dauern. Es kann alles schneller gehen, wenn es beispielsweise zu einem Absturz des Dollar kommt. So lange dessen Wert aber nur langsam sinkt, wird auch der Prozess der Entschuldung ein langsamer und stetiger sein. Es kann aber auch sein, dass sich die Konjunktur in den USA noch deutlich verschlechtert. Dann ist es sehr gut möglich, dass die Notenbank eine dritte Runde des Aufkaufs von Staatsanleihen startet.

Morgenpost Online: Und die Märkte erneut mit Geld flutet. Dann wäre der Kompromiss im Schulden-Drama vom Wochenende wohl auch Makulatur. Verspricht der jetzige Plan wenigstens eine nachhaltige Verringerung des Defizits?

Gisondi: Zunächst mal wurde die Zahlungsunfähigkeit vermieden. Und es ist gut, dass die Übereinkunft automatische Kürzungen in allen Budgets vorsieht, sollten die weiteren Verhandlungen keinen Erfolg haben. Das erzeugt Druck, damit sich die USA auf den richtigen Weg begeben. Womöglich reicht es, um die Rating-Agenturen abzuhalten, die USA herunterzustufen. Allerdings wird das größte Problem nicht angegangen: Die enormen finanziellen Verpflichtungen des Staates im Sozialbereich, die in den kommenden Jahren exponentiell wachsen werden. Nur wenn es hier Reformen gibt und parallel auch die Verteidigungsausgaben sinken, kann das Defizit wirklich verringert werden. Kurzfristig wird sich sowieso nur wenig ändern, denn die beschlossenen Einsparungen sollen erst 2013 in Kraft treten. Alle Beteiligten wollten vermeiden, dass die ohnehin labile US-Konjunktur ausgerechnet jetzt zusätzlich gefährdet wird.

Morgenpost Online: Das sieht alles nicht gerade rosig aus. Auch für Investoren .

Gisondi: Nicht unbedingt. In allen Phasen gibt es Gewinner und Verlierer. Man kann das derzeit in den USA ganz gut beobachten. Da gibt es Einzelhändler, die glänzende Geschäfte machen, weil ihre Klientel einen Job hat und es diesen Menschen heute besser geht als 2008. Andere stecken in der Krise, so wie ihre Kunden. Solche divergierende Entwicklungen wird es auch am Aktienmarkt geben.

Morgenpost Online: Wer werden die Gewinner sein?

Gisondi: Beispielsweise Firmen, die über eine starke Marke verfügen. Ebenso jene, die technologische Vorreiter sind oder die Kraft haben, Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen. Ein Beispiel sind auch Telekommunikationsanbieter. Deren größtes Problem war ja bislang immer, dass die Kunden sehr oft und leicht den Anbieter gewechselt haben. Das wird künftig schwerer, denn auf den heute verbreiteten Smartphones haben sie meist eine große Zahl von Applikationen gespeichert für die sie bezahlt haben – wechseln sie den Anbieter, sind diese weg. Das gibt den Telekomfirmen neue Möglichkeiten. Schließlich haben auch exportorientierte Firmen neue Chancen.

Morgenpost Online: Wegen des sinkenden Dollarkurses. Genau das ist ja aber das Problem für Euro-Investoren. Die Gewinne in US-Anlagen werden durch den schwachen Dollar wieder aufgewogen. Da ist es doch sinnvoller, sein Geld in Schwellenländern anzulegen.

Gisondi: Die USA ist immer noch die größte Wirtschaft der Welt ist und bietet die besten Transparenzstandards. Das finden Sie in den Schwellenländern häufig nicht. Außerdem kann man den niedrigen Dollar auch als Chance sehen, um jetzt günstig Anlagen in den USA zu erwerben. Das passiert schon, viele Ausländer kaufen Immobilien und Autohersteller investieren in neue Fabriken im Süden des Landes, da dort die Kosten niedriger sind als an anderen Orten.

Morgenpost Online: Dennoch dürfte es schwerer werden, an der Börse Geld zu verdienen.

Gisondi: Die Märkte werden wohl längere Zeit seitwärts tendieren, wobei es immer wieder Aufs und Abs gibt. Das bereitet mir allerdings keine Sorge. Ich kann schließlich auf die Gewinner setzen, aber auch auf die Verlierer, indem ich short gehe. Ich glaube, ein Hedgefonds kann in jeder Phase gewinnen.

Verbinden Sie sich mit unserem Morgenpost Online-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.