Börsenabsturz

Krise treibt Finanzmärkte in den Ausnahmezustand

An den Börsen geht es drunter und drüber. Markttechnik, schlechte Konjunkturdaten und Panik bewegen die Kurse. So sollten Anleger reagieren.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Kaum hatten sich die streitenden Parteien in USA auf eine Lösung der Schuldenkrise geeinigt , kam der nächste Schlag: Schlechte Konjunkturdaten lassen die Börsen seit Wochenbeginn abstürzen, der Deutsche Aktienindex (Dax) fiel unter 6800 Punkte.

Doch damit nicht genug: Auch sonst geht es an den Finanzmärkten drunter und drüber. Der Eurokurs sinkt, Anleihen haussieren, der Franken steigt unaufhörlich. Diese Entwicklungen hängen alle zusammen, werden aber von unterschiedlichen Faktoren getrieben. Wer darauf als Sparer oder Anleger reagieren will, muss daher die treibenden Kräfte kennen.

Der Kampf um die Linien

Wenn Anleger die Marktentwicklungen nicht mehr verstehen, suchen sie nach anderen Fixpunkten. Sie erklären bestimmte Linien und Marken zu zentralen Ein- und Ausstiegspunkten. Damit wird die Charttechnik zum Fahrplan durch die Märkte. Bricht ein Index durch eine zentrale Marke, kann dies eine Verkaufslawine auslösen. Steigt er über ein bestimmtes Niveau, greifen Anleger zu.

Nur mit charttechnischen Argumenten lässt sich der überraschend heftige Einbruch des Dax innerhalb kürzester Zeit erklären. Nachdem er unter die viel beachtete 200-Tage-Linie gerutscht war, ging es im nächsten Schritt weitere 100 Punkte in die Tiefe. Die 200-Tage-Linie ist ein gleitender Durchschnitt der Notierungen der zurückliegenden 200 Handelstage. Tatsächlich hat sie in der Börsenhistorie oft Wendepunkte signalisiert, etwa die Hausse von 2004 bis 2008, die anschließende heftige Korrektur oder die folgende Erholung ab 2009.

Aber auch runde Zahlen können auf die Investoren eine magische Anziehungskraft ausüben und Spekulanten anziehen. Sehen lässt sich dies momentan am Devisenmarkt. Viele Währungshändler wollen die Parität zwischen Euro und Schweizer Franken sehen, also einen Wechselkurs von eins zu eins. Einflussreiche Hedgefondsmanager machen sogar öffentlich Stimmung. So verliert die Gemeinschaftswährung immer weiter gegenüber dem Franken, seit Ende 2007 schon mehr als ein Drittel. Wenn magische Marken locken, interessiert es auch keinen, dass der Franken nach Kaufkraft gemessen gegenüber dem Euro inzwischen 70 Prozent überbewertet ist.

Die neue Angst vor der Rezession

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass viele Linien so lange gehalten haben. Denn die wirtschaftlichen Ausblicke verschlechtern sich schon länger. Chinas Wirtschaft verliert bereits seit einigen Monaten an Fahrt, zum Teil ist das von der Regierung gewollt, um die Inflation zu begrenzen. Die schleppende Erholung in den USA ist dagegen alles andere als gewollt Die Arbeitslosenzahlen sind seit Langem auf Rekordstand, der Immobilienmarkt erholt sich nicht, trotz immer neuer Konjunkturprogramme.

Doch zuletzt häuften sich die schlechten Nachrichten. In der vergangenen Woche hatten diverse Firmen enttäuscht, die bei Vorlage ihrer Bilanzen äußerst verhaltene Ausblicke gaben. Am Freitag kam hinzu, dass die Wachstumszahlen der vergangenen Quartale nach unten korrigiert wurden und die Wirtschaft im letzten Quartal offenbar ebenfalls kaum wuchs. Am Montag schließlich fiel der Einkaufsmanagerindex auf nur noch 50,9 Punkte – ein Wert unter 50 wird üblicherweise als Hinweis auf eine bevorstehende Rezession gedeutet.

Das war zuviel. Plötzlich machte sich unter Investoren das Gefühl breit, dass die Wirtschaft wieder kurz vor einem Absturz steht. Sie ergriffen die Flucht, vor allem aus deutschen Aktien. Denn die exportstarken deutschen Firmen haben besonders stark vom Aufschwung profitiert. Jetzt drohen sie ebenso stark unter einer Abschwächung zu leiden. Daher gab am Dienstag der MDax noch stärker nach als der Dax.

Die Flucht in sichere Häfen

Raus aus dem Risiko, rein in sichere Anlagen, lautet derzeit das Motto vieler Anleger. Beteuerungen der Politiker, dass die Schuldenproblematik im Griff sei und es keinen Grund zur Panik gebe, schenken offenbar nur noch wenige Glauben. „Sichere Häfen“ sind gefragt. Als solche gelten unverändert deutsche Staatsanleihen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel innerhalb einer Woche von 2,74 auf 2,44 Prozent. Die Real-Verzinsung – also Rendite abzüglich Inflation – liegt damit erstmals seit mehr als 50 Jahren bei null Prozent.

Unter Verkaufsdruck gerieten dagegen erneut spanische und italienische Staatsanleihen . Diese vermeintlichen Schuldenländer müssen immer mehr bieten, um überhaupt noch Abnehmer für ihre Papiere zu finden. Die Rendite der zehnjährigen Anleihen lagen bei deutlich mehr als sechs Prozent – das ist der höchste Wert seit 1997. Für gerechtfertigt halten solche Aufschläge gegenüber deutschen Papieren die wenigsten, doch dies spielt offenbar keine Rolle mehr.

Die Flucht in vermeintliche Sicherheit bestimmt auch die Devisenmärkte. Nicht nur markiert der Schweizer Franken gegenüber Euro und Dollar ein Rekordhoch nach dem anderen. Auch der japanische Yen ist gefragt, obwohl die Staatsverschuldung dort bereits bei 230 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt, in der Eurozone sind es 85 Prozent. Doch hier greift der gleiche Mechanismus wie bei der Bewegung von Dollar zu Euro. Ausgerechnet in der Phase, in der die US-Wirtschaft zu schrumpfen droht, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro.

Der Hintergrund: Wenn es ungemütlich an den Weltmärkten wird, hat ein Anleger sein Geld lieber in der Nähe, sprich im eigenen Land. Also lösen japanische und amerikanische Investoren, die einen Großteil der Finanzmärkte beherrschen, Engagements in fremden Währungen auf und legen es in der eigenen Währung an – irgendwo muss es ja hin. Und in Dollar wird auch Gold gehandelt. Der Preis für die Feinunze stieg am Dienstag im Handelsverlauf auf ein neues Rekordhoch von 1640 Dollar.

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Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick .