Bilanzen

Investoren erwarten viel von deutschen Firmen

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Frank Stocker

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Die Bilanzsaison strebt dem Höhepunkt entgegen. Gerade von hiesigen Unternehmen erwarten Investoren Rekordzahlen. Aber über allem schwebt eine Gefahr.

Die Softwareschmiede SAP hat es vorgemacht. Am Dienstagabend gaben die Walldorfer überraschend gute Quartalszahlen bekannt, auch der Ausblick strotzte nur so vor Optimismus. Das Ergebnis werde in diesem Jahr am oberen Ende der bisher genannten Spanne liegen. Die Aktie legte daraufhin am Mittwoch um rund fünf Prozent zu. Und diesem Beispiel könnten in den kommenden Tagen diverse andere deutsche Unternehmen folgen.

Denn es ist wieder einmal Bilanzsaison. Eine Firma nach der anderen legt dieser Tage ihre Ergebnisse des zweiten Quartals vor – bis Ende dieser Woche wird mehr als ein Drittel der Dax-Mitglieder dies erledigt haben, von BASF und Bayer über Linde und Lufthansa bis zu MAN und Volkswagen.

In den USA, wo die Unternehmen traditionell einige Tage früher damit beginnen, haben sogar jetzt schon etwa die Hälfte der Unternehmen ihre Zahlen vorgelegt. Von diesen konnten etwa drei Viertel die Prognosen übertreffen, nur ein Viertel überraschte negativ. Allerdings übertrafen von der ersten Gruppe rund zwei Drittel die anvisierten Gewinnziele nur minimal, um höchstens zehn Prozent. Sprich: Zielmarke erreicht und leicht übertroffen. Mehr aber auch nicht. Der Aktienmarkt blieb folglich weitgehend unbeeindruckt.

Doch für Deutschland erwarten die Investoren jetzt mehr. „Deutschland und Frankreich haben die stärksten Gewinntrends unter den Anlageregionen“, sagt Tammo Greetfeld, Aktienstratege bei der Unicredit. Denn Deutschland ist die Konjunkturlokomotive Europas, hier boomt die Wirtschaft, profitiert mehr als der Rest der Welt vom Boom in den Schwellenländern. Das sollte sich auch in den Gewinnen zeigen.

In der Vergangenheit war dies bereits der Fall, wie ein Vergleich der Entwicklung seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im vierten Quartal 2008 zeigt. Die Gewinne der Dax-Unternehmen liegen inzwischen wieder über dem Niveau von vor der Krise, in den USA und auch im Rest Europas ist der alte Stand dagegen noch nicht wieder erreicht, liegt immer noch teilweise deutlich darunter.

In den kommenden Quartalen dürfte die Schere sogar weiter auseinander gehen. Und dabei ist der deutsche Trend sogar noch durch Sondereinflüsse geschwächt. „Der Gewinnanstieg für 2011 ist nach unten verzerrt durch kräftige Gewinnrückgänge bei den Versorgern und bei der Münchener Rück“, sagt Christian Kahler, Chefstratege für Aktienanlagen bei der DZ Bank. Erstere müssen den deutschen Atomausstieg wegstecken, der größte Rückversicherer der Welt dagegen leidet unter den Kosten der Erdbeben in Japan und Neuseeland sowie der Flut in Australien. Umso besser dürften daher die Ergebnisse der anderen Mitglieder des Oberhauses der deutschen Börsenwelt ausfallen, die in den kommenden Tagen ihre neuesten Zahlen bekannt geben.

Die Frage ist allerdings, ob dieser Trend auch in den kommenden Quartalen anhalten kann. Denn die Margen sind inzwischen wieder auf einem Niveau angelangt, das sie nur unmittelbar vor der Finanzkrise erreicht hatten – und damals waren sie vor allem von einer massiven Kreditflut getrieben, die die Wirtschaft am Laufen hielt. Nach dem Beinahe-Zusammenbruch dieses Systems sprangen die Notenbanken ein und belebten die Wirtschaft mit billigem Zentralbankgeld wieder. Doch damit dürfte nun Schluss sein.

Denn die US-Notenbank hat Ende Juni bereits damit aufgehört, amerikanische Staatsanleihen aufzukaufen und auf diese Weise die Welt mit neuen Dollars zu fluten. Und in den Schwellenländern drehen die Zentralbanken immer schneller an der Zinsschraube, um der Inflation Herr zu werden. Dies hinterlässt schon deutliche Bremsspuren in den Wachstumszahlen einiger Länder.

Auf Aktien mit langsamer Gewinndynamik setzen

Anleger sollten daher jetzt mehr denn je auf solche Aktien setzen, die auch bei einer langsameren Gewinndynamik unter den Profiteuren sein werden. Auf Länder heruntergebrochen sollte die Präferenz daher weiterhin in Deutschland liegen. „Denn wenn der Euro erhalten bleibt – und die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 90 Prozent – dann wird Deutschland weiter boomen“, glaubt Andrew Garthwaite, Chefstratege bei der Credit Suisse. Er empfiehlt vor allem Aktien jener Firmen, die besonders von einem zunehmenden Konsum hierzulande profitieren. Dazu zählt er beispielsweise die Commerzbank, Fielmann, Douglas oder Metro.

Wer eher einen Branchenansatz wählen möchte, kommt am Ende auf ein ähnliches Ergebnis bei der Wahl der Aktien, denn auch hier überwiegen Firmen, die stark von der Entwicklung der Binnenkonjunktur abhängen. So setzt Christian Kahler derzeit vor allem auf Auto-, Gesundheits- und Industrieaktien sowie auf Finanzdienstleister und Firmen aus der Reise- und Freizeitbranche.

US-Schuldendrama kann Prognosen über den Haufen werfen

Gefährdet werden alle Prognosen und Anlagetipps jedoch derzeit von dem weiteren Verlauf des Schuldendramas in den USA . Nicht nur aufgrund der zunehmenden Verunsicherung, die dadurch an den Finanzmärkten entsteht. Hinzu kommt eine nachhaltige Belastung für die amerikanische Konjunktur, egal, wie der Schuldenstreit am Ende ausgeht.

Denn muss die Regierung ab dem 2. August die Arbeit einstellen, weil die Schuldengrenze bis dahin nicht erhöht wurde, so geht Millionen Rentnern und Sozialhilfeempfängern das Geld aus. Einigt man sich dagegen um den Preis radikaler Kürzungen im Regierungshaushalt, so könnte der Aufschwung davon ebenfalls erdrosselt werden. All dies würde zwar zuallererst die US-Firmen treffen. Doch auch die deutschen könnten sich dem nicht entziehen. Denn China allein wird die deutschen Firmen nicht über Wasser halten.

Verbinden Sie sich mit dem Morgenpost Online-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen Geldanlage, China und Schwellenländer.