Streit um Schuldengrenze

US-Pleite hätte dramatische Folgen für die Märkte

In wenigen Tagen könnte der Regierung der USA das Geld ausgehen. Absurderweise würde das einen Run auf ihre Staatsanleihen auslösen.

Foto: Infografik Welt Online

Eine Telefonnummer macht in den USA die Runde: 202-224-3121. Darunter erreicht man die Zentrale des Kapitols, wo die US-Parlamentarier um eine Lösung der Schuldenkrise ringen. Die Wut über die 535 Männer und Frauen wächst stündlich, da sie sich partout nicht einigen können. Deshalb rufen viele Amerikaner empört in Washington an, lassen sich zum Vertreter ihres jeweiligen Wahlkreises durchstellen, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Sparer und Anleger in Deutschland haben leider keine zentrale Nummer, an die sie sich mit Fragen zu dem Schuldendebakel jenseits des Atlantiks wenden können. Dabei wären sie genau so davon betroffen, wenn sich US-Kongress und Präsident nicht bis zum 2. August einigen. Dann nämlich würde Washington das Geld ausgehen – mit drastischen Folgen für die Finanzmärkte.

Wenn sich die Parteien nicht einigen können, die gesetzliche Schuldenobergrenze zu erhöhen, wird diese am 2. August erreicht. Danach kann der Staat keine neuen Schulden mehr aufnehmen, er könnte keine Renten oder Sozialhilfeleistungen mehr ausbezahlen, Auftragsnehmer der Regierung würden auf ihren Rechnungen sitzen bleiben. Vor allem könnten die USA über kurz oder lang keine Zinsen auf ihre Anleihen mehr bezahlen. Das Land wäre zahlungsunfähig.

Und die Folgen wären drastisch. „ Die Märkte würden wahrscheinlich in den Sturzflug übergehen “, glaubt Thorsten Weinelt, Chef-Anlagestratege der Unicredit. Denn die Stimmung, die sich nach dem neuen Hilfspaket für Griechenland gerade erst etwas aufhellte, würde wieder umschlagen. Angst würde wieder zum beherrschenden Faktor. Die Aktienkurse dürften deutlich fallen.

Allerdings, und dies ist das Absurde, würde dies wohl für die Kurse amerikanischer Staatsanleihen nicht gelten. Ganz im Gegenteil. Zwar wären die USA zahlungsunfähig und das Land könnte seine Anleihen nicht mehr bedienen. Dennoch würden die Anleger sich wohl auf diese Anleihen stürzen. „Das, was man so hört, legt nahe, dass genau dies die Reaktion wäre“, sagt Rudy Narvas von der Société Générale. Auch die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt dies: Einerseits stiegen zwar die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf US-Staatsanleihen. Das Risiko wurde zunehmend höher eingestuft. Gleichzeitig sanken jedoch die Renditen für die Anleihen – sie wurden vermehrt nachgefragt.

Was auf den ersten Blick irrsinnig erscheint, ergibt auf den zweiten jedoch durchaus Sinn. Denn die USA wären bei einem Erreichen der Schuldenobergrenze zwar zahlungsunfähig. Früher oder später würde die Grenze jedoch angehoben – so wie es schon zwei Mal der Fall war, 1995 und 1996. Auch damals musste der Staat kurzzeitig die Arbeit einstellen, nach einigen Wochen einigten sich Präsident und Kongress jedoch. Anschließend ging alles den gewohnten Gang, auch die Schulden wurden bedient.

Ein Zahlungsausfall wäre daher auch diesmal nur eine kurzzeitige Unterbrechung des Schuldendienstes . Niemand zweifelt daran, dass die USA ihre Schulden danach weiter bedienen. Ein Schuldenschnitt oder eine Umschuldung wie im Falle Griechenlands ist völlig undenkbar und auch nicht notwendig. Denn die USA müssen einfach nur die Notenpresse anwerfen, um Dollars zu beschaffen. Die einzige Frage ist, wie lange es dauert, bis sie sich darauf geeinigt haben. Das „ob“ steht außer Frage.

In dieser Logik ist es nur konsequent, dass die US-Staatsanleihen auch im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Landes noch als „sicherer Hafen“ gelten. Parallel dazu dürften aber auch andere „sichere Häfen“ weiter an Zulauf gewinnen, also vor allem deutsche Staatsanleihen, der Schweizer Franken und Gold.

Ganz anders dagegen, wenn sich die US-Politiker in dieser Woche doch noch einigen können . „Dann könnten wir eine Rallye an den Aktienmärkten bekommen, weil die Unsicherheit verschwunden wäre“, so Rudy Narvas. Die große Frage wäre allerdings, was mit einer Einigung verbunden wäre, sprich, wie stark die Regierung als Gegenleistung für das Anheben der Schuldenobergrenze ihre Ausgaben in den kommenden Jahren kürzen müsste. Viele fürchten, dass zu starke Kürzungen sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken würden. Dies wiederum könnte dann negative Folgen für die Aktienkurse haben.

Doch wie es auch ausgeht: Danach wird nichts mehr sein, wie es war. „Was derzeit passiert, beschleunigt die Erosion der amerikanischen Führungsrolle“, glaubt der US-Publizist Zachary Karabell. „Der Dollar war einst der sichere Hafen für die ganze Welt – warum sonst hätten die Chinesen ihre Währung an ihn gebunden, wenn nicht aufgrund des Glaubens an Amerikas Wirtschaft.“ Doch die Ereignisse der vergangenen drei Jahre hätten diese Weltsicht erschüttert. „Heute wird Amerika nicht mehr als ein Anker gesehen, sondern als eine Belastung“, so Karabell. Daran würde auch eine baldige Einigung in Washington so schnell nichts ändern.

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