Kieser-Training

"Schonung bedeutet langfristig Schwächung"

Als junger Eisenbieger baute Werner Kieser seine erste Kraftmaschine. Mit 70 hat der Fitnesspapst Philosophie studiert und trainiert noch immer.

Foto: Picture-Alliance/KEYSTONE

Wie es mit einer Spritztour durch Zürich wäre, fragt Werner Kieser und lässt das Garagentor hochfahren. In der Garage stehen zwei alte BMW-Motorräder, liebevoll gepflegt, von denen Kieser eines in die Auffahrt schiebt. Zwei Helme hat er auch parat. Ein paar Mal tritt der Fitness-Unternehmer den Anlasser durch und dreht an Reglern und Schaltern, dann startet der betagte Motor.

Hinter der extravaganten Brille, die so vertraut ist von den Werbeplakaten für seine Studios, blitzen fröhliche blaue Augen auf. Dann gibt er Gas und knattert los. Den Zürichberg runter, an Sonnenblumen vorbei, über Kreuzungen in die sommerlich warmen Straßen der Stadt. Um Richtungswechsel anzuzeigen, streckt der 70-Jährige einen Arm nach rechts oder links. Einen Blinker hat die Maschine nämlich nicht, dafür aber einen Platz für den mitreisenden Reporter. Der fährt in einem historisch wirkenden, torpedoartigen Beiwagen mit, nur eine Handbreit über dem Asphalt.

Morgenpost Online: Interessante Perspektive für eine Stadtrundfahrt. Nehmen Sie öfter mal Fahrgäste mit?

Werner Kieser: Den Beiwagen habe ich mir für meine Rottweilerhündin zugelegt. Der Platz, auf dem Sie jetzt sitzen, gehört normalerweise Volta. Sie trägt während der Fahrt eine Schutzbrille und schaut sich die Gegend an. Aber meist schläft sie nach ein paar Metern ein.

Morgenpost Online: Töff, der Schweizer Ausdruck für Motorrad, passt in diesem Fall ganz gut. Ist auf das alte Stück noch Verlass?

Kieser: Das ist eine BMW R 60, Baujahr 1963. Ich warte und repariere sie selbst. Wenn ich mit einem Motorrad in die Wüste fahren wollte, gäbe ich diesem hier immer den Vorzug vor einer dieser modernen Maschinen. Wenn bei denen etwas mit der Elektronik nicht stimmt, stehen Sie nämlich wirklich auf dem Schlauch.

Morgenpost Online: Wie häufig waren Sie mit Ihrem Töff denn so in der Wüste?

Kieser: Noch nie. Ich fahre damit vor allem in der Stadt herum. Ins Büro, zum Training, ab und zu mal eine kleine Ausfahrt in die Berge. Ich schätze das Motorrad in erster Linie als ästhetisches Objekt. Die R 60 ist ein altes Arbeitermotorrad, das früher wegen des billigen Sitzmaterials abfällig "Gummikuh" genannt wurde. Ich mag es gerade wegen seines puren und unprätentiösen Designs.

Morgenpost Online: Ein Tribut an Ihre frühen Jahre, in denen Sie selbst noch der Arbeiterklasse angehörten?

Kieser: Nach meiner Schreinerlehre habe ich in der Tat eine Zeit lang als Eisenbieger auf dem Bau gearbeitet. So wurden die Hilfsarbeiter genannt, die Eisengerippe für Stahlbeton zurechtbogen. Eine schweißtreibende Arbeit, deren Früchte leider regelmäßig auf Nimmerwiedersehen im Beton verschwanden.

Morgenpost Online: Das hätte doch eigentlich Training genug sein müssen. Wozu dann noch in die Muckibude?

Kieser: Zum Kraftsport kam ich schon als Zehnjähriger. Damals musste sich in der Schweizer Landbevölkerung jeder Junge im Schwingen beweisen. Eine archaische Form des Ringens, bei der ich es als zwar sportlicher, aber eher schmächtiger Junge ohnehin schwer hatte, mich zu behaupten. Dann brach ich mir beim Sport in kurzer Zeit zweimal den Unterarm und sah entsetzt zu, wie der Arm immer dünner wurde.

Morgenpost Online: Und hatten Angst, Sie könnten bald als Schwächling gelten.

Kieser: So ist es. Eine schreckliche Vorstellung für einen Zehnjährigen. Doch dann trainierte ich, und der Arm erholte sich nicht nur sehr schnell, sondern war bald kräftiger als je zuvor. Einige Jahre später wiederholte sich das Ganze nach einer Boxverletzung. Während die Ärzte mir dringend rieten, die geschwächte Körperstelle zu schonen, tat ich mit Erfolg das Gegenteil. Zuerst stemmte ich Hanteln, die mein Onkel aus dem Stahl ausgebrannter deutscher Weltkriegspanzer geschnitten hatte. Später schweißte ich aus alten Eisenteilen vom Schrottplatz die ersten Geräte zusammen und gründete Zürichs erstes Studio für Krafttraining. Bei Medizinern und Sportverbänden war der Sport damals gleichermaßen verpönt.

Morgenpost Online: Und sogar der Staatsschutz ermittelte gegen Sie - behaupten Sie zumindest in Ihrer Autobiografie.

Kieser: Ich kann Ihnen sogar die Akte zeigen. Ich stand im Verdacht umstürzlerischer Umtriebe, nachdem in meinem Studio einmal eine Gruppe von Kommunisten getagt hatte. Beim Training kam ja ohnehin eine sehr bunte Mischung zusammen. Eine lange Zeit trainierten zum Beispiel ein Richter und ein Zuhälter wie Freunde zusammen, ohne von der Profession des anderen zu ahnen. Bis sie sich eines Tages im Gerichtssaal gegenüberstanden. Der Richter kam nie mehr zum Training. Was sich bis heute gehalten hat, ist, dass in unseren Studios Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund einträchtig miteinander trainieren. Die Sportkleidung hebt die sozialen Unterschiede auf.

Morgenpost Online: Das klingt wieder ein bisschen nach Klassenkampf, Herr Kieser. Hatte der Staatsschutz am Ende recht?

Kieser: Ich glaube weder an Gott noch an den Teufel. Und an die Politik schon gar nicht. Wenn es heute eine bedrohte Klasse gibt, dann ist das für mich der Mittelstand. So gesehen ist meine Franchise-Kette tatsächlich eine Art Klassenkampf: Wir produzieren Mittelstand. Den Schwachen den Rücken zu stärken ist für mich aber keine politische, sondern eine rein medizinische Mission.

Morgenpost Online: In erster Linie wohl eine ökonomische. Sie schlagen schließlich Profit aus der Schwäche der anderen.

Kieser: Aber nicht zu deren Nachteil. Rückenleiden sind eine Volkskrankheit. Die Deutschen geben für deren Behandlung 50 Milliarden Euro im Jahr aus. 40 Milliarden davon ließen sich sparen, wenn weniger operiert und dafür korrekt trainiert würde.

Morgenpost Online: Was Orthopäden anzweifeln.

Kieser: Nicht jene, die bei uns arbeiten. Es geht ja auch um die Verteidigung von Pfründen. Wir können unsere Erfolge mit einer größeren Datenbasis belegen als irgendein Forschungsinstitut: 300.000 Menschen, die alle dasselbe machen.

Morgenpost Online: Nämlich Eisen biegen und dafür Geld bezahlen. Warum schinden wir uns, statt zu Schwächen zu stehen?

Kieser: Aus unternehmerischer Sicht würde ich Ihnen zustimmen. Da folge ich der Strategie von Wolfgang Mewes, dem Systemforscher: Ein Unternehmen sollte sich auf seine Stärken konzentrieren und seine Schwächen erst mal belassen. Unser Körper macht es von Natur aus ähnlich - er entlastet Schwachstellen und verlegt die Belastung auf die stärkeren Körperteile. Nach einer Beinverletzung hinken wir, und mit der Zeit hinken wir immer besser. Kurzfristig ist das eine sinnvolle Strategie. Aber langfristig wird das schwache Bein immer schwächer. Schonung bedeutet langfristig Schwächung.

Morgenpost Online: Also fördern und fordern?

Kieser: Was wir tun, ist, die Evolution auszutricksen, und zwar mit Erfolg. Schauen Sie sich an, wie die Alten heute die Welt bereisen, Sport betreiben, das Leben genießen. Wir sind heute biologisch um 15 Jahre jünger. Früher ging ein Bauer mit 40 Jahren doch am Stock ...

Morgenpost Online: ... und heute geht er aufs Laufband.

(lacht)

Kieser: Die Crux ist: Mit 25 Jahren haben wir unsere evolutionäre Aufgabe erfüllt: die Weitergabe der Gene. Wenn das biologische Programm abgespult ist, geht es mit uns physisch nur noch bergab. Das ist eine Tatsache. Die Zähne, der Knochen- und Muskelapparat - das alles ist nicht auf eine längere Lebensdauer ausgerichtet. Denn unser Leben hat dann, in evolutionärer Hinsicht, keinen Sinn mehr. Was ich als sehr befreiend empfinde. Ich kann in den übrigen Jahren machen, was immer ich will.

Nach einem kurzen Lunch mit Blick auf den See - der Gesundheitspapst isst Salat, Fisch und trinkt dazu ein Glas Bier - lenkt Kieser das Motorrad zu einem seiner Zürcher Betriebe. Er stellt das Gefährt neben dem Eingang ab, verstaut die Helme im Beiwagen und rauscht durch die Glastür.

Morgenpost Online: Chefvisite. Durch das Knattern des Töffs sind Ihre Mitarbeiter ja wenigstens vorgewarnt. Wie oft kommen Sie denn her?

Ich trainiere zwei- bis dreimal die Woche. Hier oder in einem anderen Studio. So überraschend kommt mein Besuch also nicht. Meine Frau arbeitet übrigens auch hier, sie ist Ärztin und hat als erste Krafttraining als Rückentherapie angewandt.

Morgenpost Online: Und gegenüber auf der anderen Straßenseite sitzt die Konkurrenz .

Kieser: Ja, ein typisches Fitnessstudio . Hier können Sie sehr schön die unterschiedlichen Zielgruppen beobachten. Drüben gehen die jüngeren und eher körperbetonten Menschen ein und aus. Unsere Kunden sind dagegen im Schnitt über 40 Jahre alt, überdurchschnittlich gebildet und eher vermögend.

Morgenpost Online: Es sieht ja wirklich etwas karg aus hier. Keine Sauna, keine Saftbar, keine Cardio-Arena, wo man mit Blick auf die Börsenkurse auf der Stelle laufen kann.

Kieser: Ausdauersport in geschlossenen Räumen - das ist ja schon pervers! Wenn Sie da eines brauchen, dann ist es Sauerstoff. Aufwärmen via Ausdauertraining vor dem Krafttraining ist außerdem kontraproduktiv - damit nullifizieren Sie den Kräftigungsprozess. Mit einem Saunagang nach dem Training übrigens ebenso. Früher hatte ich auch solche Annehmlichkeiten im Studio. Ich meinte das zu brauchen, um mit den Studios amerikanischen Musters konkurrieren zu können, die mit der Fitnesswelle aus dem Boden schossen. Doch dann bemerkte ich, dass meine Kunden nur noch herumhingen, anstatt zu trainieren. Da habe ich den ganzen Krempel wieder hinausgeworfen. Ich habe damals viele Mitglieder verloren, dafür kamen später andere. Man darf seiner Zielgruppe nicht hinterherrennen. Ich glaube an Wahrhaftigkeit.

Morgenpost Online: Sie haben gerade Ihren Masterstudiengang in Philosophie abgeschlossen - mit 70 Jahren.

Kieser: Unser Gehirn ist Teil des Körpers und denselben Alterungsprozessen unterworfen. Wenn wir es nicht regelmäßig trainieren, ermüdet unser Geist erschreckend schnell. Ich habe schon als Kind viel gelesen und mich mit mir selbst beschäftigt. Mein Vater sagte einmal zu mir, dass er sich oft gefragt habe, was wohl in meinem Kopf vorgehe. Er ist da wohl nicht so zu mir durchgedrungen.

Morgenpost Online: Herr Kieser, ich muss Sie jetzt mal auf Ihre Brille ansprechen. Das ist ja ein sehr eigenwilliges Modell.

Kieser: Sie ist der Brille nachempfunden, die Le Corbusier trug, der berühmte Architekt, dessen Arbeit ich sehr schätze. Ich habe das Gestell nach alten Fotografien gezeichnet und es aus Horn fertigen lassen. Ich finde die Brille sehr schön, meine Frau hält sie dagegen für reichlich eitel.

Morgenpost Online: Sie werben mit Ihrem Konterfei samt Brille auf großflächigen Plakaten für Ihr Unternehmen, das Ihren Namen trägt. Ist Eitelkeit Ihre Schwäche? Oder ist das gar keine Schwäche, sondern eine Antriebskraft für sportliche und berufliche Leistungen?

Kieser: Natürlich will ich in der Öffentlichkeit eine gute Figur machen, auch wenn das nicht heißt, dass ich mit 70 noch meine Muskeln herzeigen muss. Es gibt auch eine Eitelkeit, die über das Aussehen hinaus geht. Die literarische Eitelkeit zum Beispiel, die sich in unerträglichen Sprachpirouetten äußert, mit denen mancher Schriftsteller beweisen will, wie toll er schreiben kann, während das Inhaltliche leidet. Auch unter Managern und Unternehmen gibt es das Phänomen übertriebener Eigenliebe. Sie kann dazu führen, dass ein Unternehmenslenker so sehr von seinem Tun eingenommen ist, dass er die Ratschläge anderer gar nicht mehr aufnimmt. So eine Eitelkeit schwächt ein Unternehmen dann eher.

Morgenpost Online: Ist es nicht so, dass wir die Starken bewundern, aber die Menschen am Ende für ihre Schwächen lieben?

Kieser: Es ist eine schöne Art, das zu sehen. Aber so, wie ich die Menschen manchmal erlebe, wollen sie in mir lieber den starken und genialen Unternehmer sehen. Sie suchen nach dem Erfolgsrezept. Doch so etwas gibt es nicht. Im Nachhinein betrachtet, ist das meiste bloß Zufall. Entscheidend ist, wie wir auf diese Zufälle reagieren. Und da handeln wir zumeist nach Mustern, die noch aus der Kindheit stammen und darauf abzielten, das auszugleichen, was uns am meisten fehlte. Bei mir war es die Kraft im Arm. Unser unterbewusster Lebensplan folgt immer demselben Ziel: der Überkompensation unserer Schwächen.